Süddeutsche Zeitung

Sprachlabor:Vom Heulen zur Übelkeit

Lesezeit: 1 min

Ob Tränen hervorquillen oder bergsteigende Mediziner eine leichte Nausea bekommen, ist nicht immer eine Frage des Genus. Zum Glück kann Hölderlin Aufklärung bringen - zumindest manchmal.

Von Hermann Unterstöger

WAS TUT DIE TRÄNE? Sie "quillt", was noch lange nicht heißt, dass mehrere Tränen "quillen". Leser T. ist verstimmt über "Mülltonnen, aus denen Essensreste quillen", und erinnert daran, dass quellen zu den Verben gehört, die bei bestimmten Personalformen einen "e/i-Wechsel" vollziehen: ich gebe, du gibst. Daran ändert auch nichts, dass quillen einst als Nebenform von quellen fungierte: "... und die Brunnen, immerquillend und frisch, rauschen an duftendem Beet" (Hölderlin, Die Nacht). Apropos Nebenform: Grimms Wörterbuch führt von quillen weiter zu gehillen, der Nebenform von gehellen. Dieses Verb wiederum ist ein altes Synonym für zustimmen, mit der Folge, dass die kaiserliche Zustimmung als Gehelle, vielleicht sogar Gehille, beim Volk ankam.

DIE ÜBERSCHRIFT "Empörung über ermordete Zivilisten" hat bei unseren Lesern M.-R. und H. eine andere Empörung ausgelöst, nämlich die über mangelnde Wachsamkeit bei der Formulierung trauriger Sachverhalte. Die Redaktion nimmt sich das zu Herzen und verzichtet auf die wohlfeile Ausflucht, dass doch alle wüssten, was gemeint gewesen sei: Empörung über den Mord an Zivilisten. Verböte es nicht Pietät, könnte man die Formulierung aber sehr wohl als Stilfigur zur Diskussion stellen, vergleichbar der "Wut über den verlorenen Groschen", bei der die Wut schließlich auch nicht dem Groschen gilt, sondern dessen Verlust.

WIR IN BAYERN haben, wie "der Butter" und "das Monat" belegen, in Genusfragen unseren durchaus eigenen Kopf. Bei Leser v. G. ließ das, als zweimal hintereinander "der Patt" auftauchte, den Verdacht entstehen, hierbei handele es sich um eine süddeutsche Variante vom gemeinhin sächlichen Patt. Dem ist nicht so, und normalerweise halten wir uns in diesem Fall ans Hochdeutsche. Gefährlich wurde es für Leser Dr. N., als ihm ein Foto Wanderer "auf dem Bodenschneid" vorstellte. Ihm als bergsteigendem Mediziner bereitete das "einen leichten Nausea".

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5584329
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 14.05.2022
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.