Sprachlabor Und wieder dieser Dativ

Ein wenig fragt sich Hermann Unterstöger schon, ob er den Tod des Genitivs nicht doch einfach fatalistisch hinnehmen sollte. Doch dann kann er es nicht lassen, und setzt sich ein weiteres Mal für den sterbenden Kasus ein.

Von Hermann Unterstöger

MIT MAX LIEBERMANN in Verbindung gebracht zu werden, ist ja zunächst mal eine große Ehre. Schräg wird die Sache, wenn Leser S. diese Verbindung herstellt. Er vermutet, dass es dem Verweser des Sprachlabors bei der Frage, ob der Dativ dem Genitiv seinen Tod bedeute, wie Liebermann gehe, der das Heraufdämmern der Nazis mit dem Satz bedachte, er könne gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte. Anlass war ein Bildtext, in dem es hieß, Formel-1-Fahrer hätten "dem am Montag verstorbenen Niki Lauda" gedacht. "Vielleicht", schreibt S., "fällt dem Sprachlabor dazu doch noch etwas ein?"

Da der Fehler gedenken + Dativ öfter vorkommt, als er an dieser Stelle beredet werden kann, ist die Neigung groß, dem Unfug seinen Lauf zu lassen, also sowohl das Fressen wie auch das Kotzen einzustellen. Andererseits ist Fatalismus auch keine respektable Weltanschauung, weswegen zum wiederholten Mal daran erinnert sei, dass Verben wie bezichtigen, sich entledigen, sich enthalten, sich schuldig machen und eben auch gedenken ein Genitivobjekt nach sich ziehen, anders gesagt: eines Genitivobjekts bedürfen.

In den meisten Grammatiken wird dieser Komplex sehr verhalten erörtert. Die Dudengrammatik nennt den Objektsgenitiv "einen sterbenden Kasus, der früher einmal mit gleicher Kraft neben den anderen reinen Fällen gestanden hat", und Harald Weinrich spricht in seiner Textgrammatik davon, dass "dieser applikative Sprachgebrauch in der Gegenwartssprache stark zurückgegangen" sei. Freilich halten beide Werke für alle Freunde des Genitivs stärkende Worte bereit. Duden wünscht sich, dass "eine gepflegte Sprache" dessen Reste erhalte. Laut Weinrich gibt es in der heutigen Sprache zwar nur noch wenige Gruppen von Verben, die den Genitiv verlangen, das aber spiele sich "in einem einigermaßen gepflegten Stilregister" ab.

An dieser Stelle sei Kleists überaus gepflegten Stilregisters gedacht. In dessen "Penthesilea" sagt die Amazonenfürstin Asteria, dass sie "des Schauspiels" staune.