WAS HABEN DIE KREATIVITÄT, die Erziehung von Welpen und die Ersatzbeschaffung von Panzern gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, aber auf den zweiten, nämlich den ins Archiv, brauchen sie alle drei „seine Zeit“. Damit sind wir auch schon bei einem der Dauerbrenner der landläufigen Sprachkritik: dem Kongruenzfehler, der in dem Satz „Qualität hat seinen Preis“ sein Monument gefunden hat. Diesmal ist es Leser F., der daran erinnert, dass Kreativität nicht seine, sondern ihre Zeit brauche. Der Lapsus wird gern damit erklärt, dass das Possessivpronomen sich dem Genus des benachbarten Substantivs (Preis) angleiche, das seines weiter entfernten Bezugsworts (Qualität) also quasi vergesse. In diesem Fall spielt das aber keine Rolle, weil beide Substantive feminin waren. In der alten Grammatik findet sich an verborgener Stelle der Hinweis, dass seinerzeit unveränderlich, „weil völlig formelhaft“, sei. Es heiße also: „Frau Müller war seinerzeit“ – nicht ihrerzeit! – „ein sehr hübsches Mädchen.“ Auch die Grammatik hat, wie man sieht, durchaus seine Reize.
AN DIE QUELLEN DES SEINS sah sich unser Leser Qu. versetzt, als er las, dass „sich“ Anfang Februar in München eine Annette Kolb-Gesellschaft „gegründet“ habe. Wie, fragt er, kann das zugehen, dass sich etwas, das noch gar nicht existiert, selbst ins Leben ruft? So groß die Versuchung wäre, jetzt schnell Zusammengelesenes über die Urzeugung, die aristotelische génesis autómatos, auszubreiten: Bleiben wir beim Sprachlichen. Der Duden führt sich gründen als umgangssprachliches Pendant zu sich formieren. Im Fall der genannten Gesellschaft würde sich gründen also beschreiben, was mehr als wahrscheinlich war: dass ihre potenziellen Mitglieder bereits herumwimmelten und sich beim Gründungsakt formierten, so wie sich, man denke zurück an den Physikunterricht, Eisenfeilicht auf einer Folie ordnet, sobald man einen Magneten darunterhält. Dass sich gründen keine neue Marotte ist, beweist Simon Dach. Als er in Königsberg lebenslang freie Wohnung erhielt, dichtete er sofort drauflos: „Hie wird mein Sitz sich gründen, / Hie bleib ich fort und fort …“
