SprachlaborSchlag nach bei Schiller

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(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

"Herr, einen Schurken könnt ihr mich schimpfen, aber einen Dummkopf verbitt ich", so lässt Friedrich Schiller seinen Fiesco sprechen. Eine schönere Herleitung zum Thema "Verbieten - sich verbitten" findet sich wohl nirgends.

Von hermann unterstöger

KAUM EIN FELD, auf dem mehr Schnitzer unterlaufen als auf dem der Präpositionen und der ihnen zugeordneten Kasus. Leserin H. legt dazu den Klassiker "wider besseren Wissens" vor, bei dessen Lektüre sie die Furcht überkam, derlei könnte schleichend in den Sprachgebrauch übergehen. Indes, was heißt da "schleichend übergehen"? Der Genitiv nach wider hat sich bereits einen sehr sicheren Platz im Sprachgebrauch gesichert, was umso verblüffender ist, als er dafür keinerlei angestammte Rechte geltend machen kann. Im Althochdeutschen regierte wider überwiegend den Dativ, weniger häufig auch den Akkusativ; im Mittelhochdeutschen hatte dann schon der Akkusativ die Nase vor, wo er sie auch behielt und wider allen falschen Gebrauch behalten sollte. Wie es aussieht, profitiert wider von der Freiheit, die man manchen Präpositionen in dieser Hinsicht zugesteht: binnen kurzem oder binnen eines Monats, dank seinem Einfluss oder dank des schönen Wetters. Dieser Profit ist aber illegal und mit einer Strafsteuer zu belegen.

ALS "STREITBARER LESER" tritt Herr H. an. Er tut das in Anspielung auf den Artikel "Die streitbare Elfe", hauptsächlich aber wegen des darin enthaltenen und hier gerafft wiedergegebenen Satzes "Als Joan einen Vertrag bekam, verbat die Mutter, dass sie das unter ihrem echten Namen täte." Zweierlei merkt H. dazu an. Zum einen sieht er die "semantische Logik" dadurch verletzt, dass das Verb bekam später durch täte neu aufgenommen wird, gerade so, als wäre bekommen eine Tätigkeit. Zum anderen hätte er gern Klarheit darüber, ob die Mutter den namentlichen Vertragsabschluss nun verbot oder ob sie ihn sich verbat. Es geht also um den Unterschied zwischen verbieten und sich verbitten, wobei zu Letzterem zu sagen wäre, dass es einst auch ohne Reflexivpronomen im Schwange war. Wenn Schillers Fiesco von dem Attentäter wissen will, wer ihn gedungen habe, sagt dieser: "Herr, einen Schurken könnt ihr mich schimpfen, aber einen Dummkopf verbitt ich."

© SZ vom 23.07.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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