Sprachlabor Schlag nach bei Goethe

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Ein Leser meint, dass hinter der Modefloskel, jemand solle "liefern", das englische Wort "to deliver" steckt. Hermann Unterstöger führen seine Nachforschungen dazu auch zu einem Brief, den Johann Wolfgang von Goethe einst an Herzogin Amalia schrieb.

Von Hermann Unterstöger

NICHTS WIRD HÄUFIGER gefordert, als dass jemand liefern muss, was bei einem Politiker aber nicht heißt, dass er uns die beim Konditor bestellte Kirschtorte ins Haus bringen soll. Leser H. erinnert sowohl daran als auch an den Umstand, dass hinter der Modefloskel das englische Verb to deliver steckt, dass also der Politiker endlich zeigen soll, was in ihm steckt. Nähme die Sprachgemeinschaft das ernst, müsste sie liefern, sprich: den Anglizismus abschaffen. Das wird sie jedoch nicht tun, denn ohne ihn wären viele Verlautbarungsarbeiter geliefert. Eine andere Verwendung von liefern hat unser Leser B. im Visier. Ihm geht es um solche Aussagen: "Die Attentäter lieferten sich mit der Polizei ein Feuergefecht." Herr B. dazu: "Sie lieferten sich selber gar nix, sondern der Polizei ein solches." Goethe kommt noch ohne das reflexive sich aus. Am 25. September 1792 schreibt er der Herzogin Amalia, dass das Hauptquartier nah bei dem Felde liege, wo König Attila "eine große Schlacht lieferte". Fragt sich, wem. Wer nicht weiß, dass er sie den Römern lieferte, steht dumm da. Freilich lieferte nicht Attila allein. Auch die Römer lieferten die Schlacht, und zwar dem Attila, sodass man sagen kann, sie lieferten diese einander, umgangssprachlich: sich. Das Reflexivpronomen nimmt hier die Bedeutung von einander an, wie der Satz "Sie küssten und sie schlugen sich" belegt. Er wird in aller Regel auf Elizabeth Taylor und Richard Burton bezogen, deren Schlachten mit denen Attilas durchaus Schritt halten konnten.

DAS FACT MAGAZINE kam einst mit folgendem Titel heraus: "1.189 Psychiatrists Say Goldwater Is Psychologically Unfit To Be President!" Wie oft in vergleichbaren Fällen wurde bei uns auch dieses psychologically mit psychologisch wiedergegeben. Leser T. rügt das, allerdings ohne den dubiosen Zuspruch, den uns Leser W. einst angedeihen ließ: "Tröstlich für Sie: In der SZ wird fast täglich psychisch mit psychologisch, sozial mit soziologisch, technisch mit technologisch usw. usf. verwechselt."Hermann Unterstöger