Sprachlabor:Nicht(s) weniger als das

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Die Unterschiede in manchen Redewendungen sind im Schriftbild oft marginal, in der Bedeutung immens.

Von Hermann Unterstöger

DAS "S-BAHN-SURFEN" ist ein ziemlich gefährlicher Sport, und das nicht nur, weil man vom Zug fallen kann. Wie es bei uns hieß, kann man auch durch "sogenannte ,Stromüberschläge'" schwer verletzt werden. Das wiederum weckte in unserem Leser K. die Frage, warum wir uns von den Stromüberschlägen derart distanzieren, dass wir sie nicht nur mit Gänsefüßchen einrahmen, sondern auch "sogenannt" nennen, als hießen sie in Wahrheit ganz anders. Beim Stromüberschlag benützt, schlicht gesagt, der in den Oberleitungen der Bahn fließende Strom den wasserhaltigen menschlichen Körper als "Leitung", um über diesen auf einem Lichtbogen zur Erde zu gelangen. "Leitung" gehört in Gänsefüßchen, weil der Körper keine echte Leitung ist. Der Stromüberschlag aber ist echt, leider.

"MAN VERMEIDE", doziert die alte, aber in ihren Grundlagen ebenso gesicherte wie sattelfeste Duden-Grammatik, "man vermeide, die Fügung ,nicht(s) weniger als' zu gebrauchen, wenn Missverständnisse dadurch auftreten könnten." Und was tun viele Schreibende? Nichts weniger, als sich an diesen Rat zu halten. Den Unterschied zwischen nicht weniger und nichts weniger mag dieses Beispielpaar verdeutlichen: Ich esse nicht weniger als drei Knödel versus Ich mag nichts weniger als Knödel. Den Satz "Nichts weniger als die Wahrheit wollte die Familie Yozgat im NSU-Prozess bekommen" deutete unser Leser H. im Hinblick auf obige Regel so, als habe die Familie Yozgat keinen Wert auf die Wahrheit gelegt. Dabei wollte sie nicht weniger als genau diese.

DAS WORTWÖRTLICHE ist kein Heiligtum, aber wenn Hermann Gerland sagt, er und Gerd Müller hätten "zusammengepasst wie die Faust aufs Auge", kann der Interviewer nicht, wie Leser H. meint, daraus "wie Topf und Deckel" oder gar "wie der Arsch auf den Eimer" machen. Im Übrigen hat sich die Metapher von Faust und Auge längst von ihrem wörtlichen Sinn gelöst und lässt sich als positives Gegenteil dessen verwenden, was sie sagt.

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