SprachlaborLang ist's her

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(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Ein Leser trauert den Zeiten nach, als ein Verb wie "herunterbrechen" noch für Lebkuchen verwendet wurde, die vom Haus der Knusperhexe genommen wurden. Aber so ist das nun mal mit den Neologismen.

Von Hermann Unterstöger

STELLVERTRETEND FÜR VIELE LESER trauert Herr H. den Zeiten nach, als noch Lebkuchen vom Haus der Knusperhexe heruntergebrochen wurden, nicht aber, um die SZ zu zitieren, "Verdis Musik auf eine Kammerbesetzung". In der Tat haben Menschen von solid konservativem Sprachempfinden wenig Freude an wild wuchernden Neologismen, mag es sich gleich hin und wieder ganz lustig lesen, dass das deutsch-russische Volksbündnis auf den Alltag oder das Kabarett auf den je eigenen Erlebnisraum heruntergebrochen wird (aus der SZ bzw. dem Schwarzwälder Boten). Nun wird ja eine lebende Sprache auch dadurch sehr bereichert, dass sich neue Begriffe in ihr ansiedeln, die bisher unhandlich Formuliertes elegant ersetzen. In diesem Sinn könnte herunterbrechen sicher einigen Segen stiften, weil es den Vorgang "etwas Übergreifendes in feinere Strukturen zergliedern" zu einem Wort bündelt. Leider werden Neologismen schnell zur Manier und kaschieren, dass man zu faul war, nach dem rechten Ausdruck zu fahnden. Bei uns hieß es einmal, dass "auf den Tag heruntergebrochen" mehr als eine Milliarde Menschen Facebook nutzten. Das hätte man locker auf "jeden Tag" oder "pro Tag" herunterbrechen können.

WIE DIE ANTARKTIS beschaffen ist, das sieht man gut in Chaplins "Großem Diktator", und zwar bei Hynkels alias Hitlers Tanz mit dem Globus. Im Film ist das ein Ballon, dessen verknoteter Luftschlauch nach unten hängt. Genau hier haben wir den Südpol, von dem aus gesehen alles andere oben liegt, also im Norden. Insofern war es, wie Leser G. anmerkt, völlig unsinnig zu schreiben, dass die Halley-Station "im Norden der Antarktis" liege. G. nennt auch den Grund für die Fehlleistung: Bei "polständigen" Karten weise der nullte Längengrad nach oben, was gern als nördlich missdeutet werde. Herr G. ist übrigens aus Hamburg. Das liegt nördlich von München, aber von München aus liegt ja vieles nördlich. Nicht so viel wie von der Antarktis aus, aber immerhin . . .

© SZ vom 12.03.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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