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Sprachlabor:Kleine Worte, große Wirkung

Sprachlabor

Wann ,,haben" als Hilfsverb den Sinn eines Satzes verändern kann. Warum ,,nahe" mit dem Genitiv nicht zusammengeht und hier ausnahmsweise der Dativ richtig ist. Und was es mit dem Drüberstreuer auf sich hat.

DER FALL JENER FRAU, die ihr Kind auf einer Wiese zur Welt brachte und dort liegen ließ, hat außer den rechtlichen Folgen auch eine grammatische Verwirrung gezeitigt. Die Tatbeschreibung, wonach die Frau den Säugling "einfach im Gras hat liegen lassen", verdichtete sich in der Überschrift zu "Säugling nach Geburt auf Wiese liegen lassen". Dies war eine Formulierung, die Leser W. als eine Art Befehl auffasste, vergleichbar Empfehlungen wie "Bitte so liegen lassen" oder "Tafelbild bis morgen stehen lassen". Der Pseudo-Imperativ war dadurch zustande gekommen, dass die korrekte Formulierung im Text ohne das Wörtchen hat in den Titel gehoben wurde. Die Verbform lassen wird Ersatzinfinitiv genannt. Sie ersetzt im Perfekt und in einigen anderen Tempusformen das eigentlich zu erwartende Partizip II, sodass etwa "das habe ich kommen gesehen" zu "das habe ich kommen sehen" wird. Da im Titel hat fehlte, hätte das Perfekt durch das Partizip gelassen angezeigt werden müssen.

IN ÖSTERREICH sagt man zu einer Zugabe manchmal auch "Driwaschdraara", also "Drüberstreuer", und da Leser R. in Wien wohnt, schickt er dann und wann etwas zum Drüberstreuen. Diesmal war es sein "oft bemängeltes Lieblingsekel", nämlich die Präposition nahe in illegaler Verbindung mit dem Genitiv: nahe des Flughafens etc. Bei den meisten Präpositionen herrschen vergleichsweise sichere Normen, was ihre Kasusrektion angeht: mit dem Auto, für die Katz, durch den Wald. Es gibt aber auch viele, die nach zwei oder gar drei Richtungen tendieren, beispielsweise außer, das die Varianten außer mir (Dativ), außer Hauses (Genitiv) und außer Kurs (Akkusativ) zulässt. Beim Gebrauch von nahe fürchtet R., "dass die normative Kraft des Faktischen demnächst zur berüchtigten Dudentoleranz führen wird". Noch hält der Duden am obligaten Dativ fest, doch lehrt die Variantengrammatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, dass in vielen Regionen der Genitiv gebräuchlicher ist als der Dativ, man also schon nahe des Abgrunds steht.

© SZ vom 15.02.2020
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