Sprachlabor:Klare Sicht

Sprachlabor: undefined

Warum nicht nur Glas den Durchblick verschafft, wann die Präposition zur Konjunktion wird und andere Feinheiten.

Von Hermann Unterstöger

VON OLAF SCHOLZ hieß es ein paarmal, "außer ihm selbst" rechne keiner damit, dass er Kanzler werde. Dann aber stand plötzlich in einer Unterzeile, dass damit eigentlich fast keiner rechne, "außer er", und damit, also mit dem Nominativ "er", hatten wiederum etliche Leser weder gerechnet, noch waren sie damit einverstanden. Nun handelt es sich dabei aber nicht, wie einer von ihnen mutmaßte, um eine bayerische Schlamperei, sondern um eine durchaus bundesweit erlaubte Alternative zum regulären "außer ihm". Der Clou an der Sache ist der, dass sich außer in so einem Fall von einer Präposition in eine Konjunktion verwandelt. Dann hat sie, wie Grimm sagt, "den Casus neben sich, welchen die Satzconstruction fordert". Üblicherweise setzt man, um dies zu verdeutlichen, ein Komma: "Niemand macht's, außer ich selbst." Wir hatten dafür einen Gedankenstrich gewählt.

GLAUBT MAN UNSEREM ARCHIV (und das sollte man), kam die "Glassichtfolie" in der deutschen Presse bisher nur einmal vor: bei uns. Leser N. war keineswegs empört, sondern davon "an und Pfirsich" ganz angetan. Recht so, denn so absurd, wie sie klingt, ist die Glassichtfolie ja beileibe nicht: Firmen, die "selbsthaftende" Folien anbieten, nennen diese so. In unserem Text hatte es sich freilich klar um Klarsichtfolien gehandelt.

OB ANTISEMITISMUS im Spiel sei, fragt Leser (oder Leserin) L., "wenn Behörden Sprachwendungen, die aus dem Jiddisch kommen, auslöschen". Hintergrund ist der Vorsatz einiger Städte, das vermeintlich diskriminierende Wort Schwarzfahrer aus dem Sprachgebrauch zu ziehen. Wie mancher andere Angeklagte hat sich auch dieser nichts Ernstes zuschuldenkommen lassen: Den Wortbestandteil schwarz führt Kluges Etymologisches Wörterbuch auf swerze zurück, ein Wort für Nacht aus dem Rotwelschen. Zum jiddischen Bezug geht das Gerücht um, dass shvarts so viel wie arm bedeute, was insofern Unsinn ist, als shvarts genau das heißt, was zu vermuten ist: schwarz.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB