SprachlaborIns Neutrale erweitert

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(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Ist der Ausdruck "humanitäre Katastrophe" wirklich nur idiotisch? Und gilt das auch für die Formulierung "frisches Geld"? Hermann Unterstöger weiß es.

Von Hermann Unterstöger 

IDIOTISCHER AUSDRUCK? Leser L. hält die "humanitäre Katastrophe" für einen solchen, und er befindet sich dabei in der Gesellschaft kluger, auf Sprachgenauigkeit bedachter Menschen. In der Tat wird humanitär allgemein positiv verstanden, im Sinne von menschenfreundlich, wohltätig, auf die Linderung menschlicher Not bedacht, und wenn man diese Auslegung im Kopf hat, kann man denselben über eine humanitäre, also aufs Wohl der Menschen gerichtete Katastrophe nur schütteln. Das lateinische humanus wird auf vielfältige Weise übersetzt: menschlich, menschenwürdig, mild, edel, gütig, leutselig. Daneben findet man freilich auch die Komponente alles Irdische, was Menschen begegnen kann, glückliche oder unglückliche Schicksale, womit der humanitären Katastrophe ein Teil der ihr unterstellten Dummheit, um nicht zu sagen Gemeinheit, schon erlassen wäre. Es sieht ganz danach aus, als geschehe mit humanitär das, was mit sozial oder ökologisch bereits geschehen ist: Die positive Grundbedeutung wurde dahingehend ins Neutrale erweitert, dass beispielsweise soziale Katastrophen nicht als gemeinschaftsfördernde Katastrophen aufgefasst werden, sondern als solche, die das soziale Gefüge betreffen. Für die oft als sprachlicher Unfug gescholtene menschliche Katastrophe gilt übrigens längst, dass sie die Menschen trifft, nicht aber, dass sie im guten Sinn menschlich sei.

DEM "FRISCHEN GELD" wird ebenfalls oft nachgesagt, dass es idiotisch sei, und zwar mit der Begründung, dass das Geld, mit dem einem Unternehmen wieder auf die Beine geholfen wird, nicht notwendigerweise frisch gedruckt sein muss. Unsere Leserin B. sieht das ähnlich, doch kann man dagegenhalten, dass das Adjektiv frisch eine respektable Bedeutungsbreite hat und dass es zum Wesen der Metapher gehört, mit dieser Fülle zu spielen. Um es mit einem etwas abseitigen Beispiel zu verdeutlichen, so denkt man bei einem frischen Todesfall schließlich auch nicht darüber nach, ob andere schon verwelkt sind.

© SZ vom 21.05.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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