Sprachlabor:"Für seiner tür ker jeder fein"

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Freunde des Sprachlabors kennen dessen "Philosophie" seit mittlerweile fast 14 Jahren: Diese Kolumne stützt sich ausschließlich auf Fehler, die von Lesern in der SZ entdeckt und anhängig gemacht wurden.

Von Hermann Unterstöger

Um von der Ausdehnung - der geistigen wohlgemerkt, nicht der zeitlichen - der im Sprachlabor geführten Diskurse eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln, so sei aus zwei neueren Leserbriefen zitiert. In der einen Mail rügt eine Leserin den Fehler "befielt" (statt "befiehlt") und bittet, die Rechtschreibung "als ein Element des westlichen Wertekanons" doch mehr in Ehren zu halten. Was sagt man dazu? Die Frau hat in der Sache recht, doch da in den letzten zwanzig Jahren in der SZ auf 1240 "befiehlt" nur 13 "befielt" gefallen sind, kann sich die westliche Wertegemeinschaft in diesem Punkt halbwegs sicher fühlen.

Anders die zweite Mail. Darin zeigt ein Leser "eine Sprach-Irritation" an, ausgelöst durch den Terminus "Hitlers Machtergreifung". Seinem Gefühl nach könnten Unkundige ("und deren gibt es mehr als genug") sich fragen, ob Hitler als Alleiniger die Macht ergriffen habe, und "wenn ja, mit Waffengewalt oder ohne". Außerdem sei das Wort daraufhin abzuklopfen, ob es nicht manchen Leuten dazu gedient habe, sich mit der scheinheiligen Frage "Waren die Nazis nicht die anderen?" selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Beim Googeln gewinnt man den Eindruck, dass unser Mann auch gegoogelt hat, und es stellt sich der Verdacht ein, dass er den Wissbegierigen spielt, um seinen Gesprächspartner in der Redaktion aufs Glatteis zu führen.

Der eine wie der andere Brief wurde im Sprachlabor nicht behandelt, jener als zu leicht, dieser als zu schwer. Gemeinsam ist ihnen das leicht fahle Licht, das sie auf die Kolumne, ja generell auf die institutionalisierte Sprachkritik werfen. Einerseits wird nämlich die falsche Form "befielt" weiterleben, solange es das Verb "befehlen" gibt, andererseits wäre das Labor überfordert, versuchte es auf seinem kleinen Raum das zu leisten, was Fachgelehrte in extenso mit mehr oder weniger Glück betreiben, nämlich die Analyse kontaminierten Sprachguts und die Bewältigung der daraus resultierenden Langzeitschäden.

Freunde des Sprachlabors kennen dessen "Philosophie" seit mittlerweile fast 14 Jahren. Es enthält sich der auf das öffentliche Sprachverhalten zielenden Kritik, widersteht besonders der Versuchung, dem nach gängiger Meinung allerorten stattfindenden Sprachverfall scharfe Glossen in den Weg zu werfen. Nein, diese Kolumne stützt sich ausschließlich auf Fehler oder Eigenheiten, die von Leserinnen und Lesern in der SZ entdeckt und anhängig gemacht wurden. Sie ist gewissermaßen die ausgeschriebene Fassung der Redensart "vor der eigenen Türe kehren", und wer will, kann ihr darüber hinaus den Nutzen zugutehalten, den Georg Rollenhagen in seinem Fabelepos "Froschmeuseler" so beschreibt: "Für seiner tür ker jeder fein, / so wirds in der ganzen stadt rein."

Doch was heißt schon Nutzen? Ohne unziemliche Vergleiche ziehen zu wollen, sei daran erinnert, wie lange es die zehn Gebote schon gibt und wie wenig die Leute trotzdem vom Stehlen, Ehebrechen und Morden lassen wollen. Ähnlich ergeht es dem Sprachlabor. Es ist nicht mehr zu klären, wie oft es die Regeln der Kasusrektion von Präpositionen heruntergebetet hat: dass die einen den Genitiv "regieren", die anderen den Dativ und dass es der Grammatikkompetenz der Redaktion ein schlechtes Zeugnis ausstellt, wenn in dieser Sache nach Gefühl gearbeitet wird. Von einer Besserung der Lage kann keine Rede sein: Erst kürzlich klagte ein Leser über "neben aller Beschwernisse", einen Missgriff, den er dem "Hintertupfinger Tageblatt" durchgehen ließe, nicht aber der SZ.

Die Leserinnen und Leser liefern den Rohstoff für das Sprachlabor

Manchmal versinkt das Sprachlabor angesichts solcher Vergeblichkeit in eine Vorform von Trübsinn. Da taucht dann regelmäßig die Frage auf, ob es nicht ein Gebot der Redlichkeit sei, wenigstens das Logo der Kolumne zu ändern und das von Luis Murschetz entworfene Bild - der Laborant im Inneren eines Reagenzglases - durch eines der vielen Vanitassymbole zu ersetzen, einen Totenkopf oder wenigstens einen umgestürzten Masskrug. Diese Anwandlungen haben aber nicht lang Bestand. Erstens hilft der Gedanke, dass, wo eine Institution wie der Dekalog das Sündigen nicht zu verhindern vermag, dem Sprachlabor kein Strick daraus zu drehen ist, dass es die korrekte Kasusrektion der Präpositionen nicht durchsetzen kann. Trost zweitens immer wieder bei Friederike Kempner, die schrieb: "All mein Dichten, / lohnt sich mir's? / Wert ist's kaum / des Stück Papiers" - und trotzdem weiterdichtete.

Der beste Grund, das Sprachlabor weiterzuführen und die solideste Basis dafür, ist aber drittens der Umstand, dass es recht eigentlich als eine Produktion der Leserinnen und Leser zu gelten hat. Sie sind es, die den Rohstoff liefern, indem sie mit kundiger Wachsamkeit unsere Fehler aufspüren. Uns bleibt noch das zu tun, was sie von uns mit Fug erwarten: ein schlechtes Gewissen zu haben und mit den daraus erwachsenden Schreibfrüchten Woche für Woche eine kleine Textspalte zu füllen.

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