SprachlaborGoogeln im Alltag

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(Foto: Luis Murschetz (Illustration))

Nicht jeder googelt, merkt ein Leser an. Deshalb sollten Artikel aus sich heraus verständlich sein. Und warum sollte man eigentlich nicht "am öftesten" schreiben? Hermann Unterstöger klärt Anfragen unzufriedener Leser auf.

Von Hermann Unterstöger

"NICHT JEDER GOOGLT", schreibt unser Leser W. und erbittet Auskunft über "Kohortenstudien", die den "Goldstandard" liefern. Zum einen ist dazu zu sagen, dass die bei uns erwähnten Kohortenstudien keinen Goldstandard lieferten, sondern als Goldstandard in der Aufklärung epidemiologischer Zusammenhänge bezeichnet wurden, eine in der Medizin durchaus geläufige Metapher. Zum anderen haben Kohortenstudien nichts mit den römischen Kohorten zu tun, wohl aber mit deren Grundwort cohors (Haufen): Ihre Materialbasis sind Gruppen von Personen, in deren Lebensläufen ein bestimmtes biografisches Ereignis zum annähernd selben Zeitpunkt aufgetreten ist. Zur Vermeidung von Scherereien sei erwähnt, dass wesentliche Teile dieser paar Zeilen gegooglt sind.

EINE OFT GEÜBTE KRITIK betrifft den Superlativ von oft. Herr W. meldet sich auch dazu zu Wort, und zwar mit der These, dass dieser nicht am öftesten laute, sondern am häufigsten . Das kann man so und so sehen. Es gibt Grammatiken, die nur oft, öfter, am häufigsten gelten lassen. Andere rechtfertigen oft, öfter, am öftesten als "singuläre Analogiebildungen" zur Steigerung der Adjektive (Eisenberg). Im Kern aber hat W. recht, denn "der größte Teil der Adverbien ist nicht fähig, Vergleichsformen zu bilden" (Duden).

ZUM ERNST DES LEBENS: Leser P. findet sich nur schwer zurecht mit Formulierungen wie "sprengte sich in die Luft". Wohin sonst, fragt er, kann man sich sprengen? Seine zweite Frage, die nach der Herkunft der Redewendung, dürfte mit der ersten beantwortet sein: So grausig es klingt, die Richtungsangabe "in die Luft" ist sachlich korrekt. Die dritte Frage P.s geht dahin, ob es für den schrecklichen Vorgang keine passendere Formulierung gibt. Wie sagt König Karl in der "Jungfrau von Orleans" zu Johanna, als sie ihm sein drittes geheimes Gebet nennen will? "Genug!", sagt er, und dann: "Soviel vermag kein Mensch!" Dem schließen wir uns an.

© SZ vom 16.04.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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