AUF DER WEBSITE der Hans-Böckler-Stiftung steht ein Aufsatz mit dem Titel „Politische Parallelwelten. Wo die Nichtwähler wohnen“. Diese Ortsangabe hört sich an wie jene, mit der die Römer das äußerste Ende der bewohnten Welt bezeichneten: Hic sunt leones, hier hausen die Löwen. Vergleichbar fremd kommen Leser L. die Nichtwähler und ihre Lebensverhältnisse vor, was er neuerlich bei der Bundestagswahl erfuhr, als er hin und wieder lesen musste, dass Nichtwähler „sich dieser oder jener Partei zugewandt“ hätten. Unser trefflicher Leseranwalt hat Herrn L. schon geantwortet, weswegen nur noch zu sagen bleibt, dass „der Nichtwähler“ amtlicherseits getilgt ist. Die Bundeswahlleiterin nennt Nichtwähler gendergerecht „Nichtwählende“, was zur Folge haben müsste, dass Leute, die bisher die Urne gemieden hatten und jetzt doch wählten, als „Nichtgewählthabende“ zu registrieren wären.
DIREKTOR BIERMANN vom Haus der Geschichte sieht sein Institut vor dem „Dilemma“, Originale sowohl bewahren als auch präsentierend vermitteln zu wollen. Das stürzte Leser F. in das Dilemma, entweder den „Klugscheißer“ zu geben oder zu verschweigen, was es mit dem Dilemma auf sich hat. Er entschied sich fürs Reden und erklärt das Dilemma als die Wahl zwischen zwei Übeln. Das trifft sich genau mit Dr. Karl Schenkls Schulwörterbuch von 1897, worin das altgriechische Wort dílemma als eine „Schlußart in der Logik“ erklärt wird, „womit der Gegner auf zwei Seiten gefaßt wird, so daß er nothgedrungen eins von zweien zugeben muß“. Herr F. rät: Dilemma nur verwenden, wenn auch Zwickmühle passen würde!
AUCH WÖRTER haben ihre Hierarchien. Bei Verben, die ausdrücken, dass einem etwas zuteilwird, steht kriegen ganz unten, bekommen in der Mitte und erhalten oben. Leser H. „schüttelt es“ bei der Formulierung „Kritik bekommen“, was seinem Sprachgefühl schon mal ein ordentliches Zeugnis ausstellt. Andererseits ist es durchaus üblich, Schläge, Heimweh, Hunger, Krämpfe, Regen und Schweißausbrüche zu bekommen – alles Heimsuchungen, in deren Kreis die Kritik gut aufgehoben ist.
