Sprachlabor Die Kunst des Kürzens

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Sprachlaborant Hermann Unterstöger stellt ein anthropologisches Novum vor: die Zweialtrigkeit. Und er erklärt, warum aufhören nicht gleich aufhorchen ist.

Von Hermann Unterstöger

DIE STRAFPROZESSORDNUNG erlaubt es der Staatsmacht, Verdächtige festzuhalten, sollte deren Identität, zu der auch das Alter gehört, "sonst nicht oder nur unter erheblichen Schwierigkeiten festgestellt werden" können (§ 163 b). Bei zwei der Geldwäsche verdächtigen Angestellten der Deutschen Bank müsste im Fall des Falles diese Vorschrift bis an ihre Grenzen ausgeschöpft werden, da es sich unserem Blatt nach bei ihnen um "zwei jeweils 46- und 50-jährige Mitarbeiter" handelte. Leser M. fragt sich, ob bei dieser einmaligen Lage der Dinge ein revisionsfestes Urteil zu erwarten wäre, und Leser R. wittert gar ein anthropologisches Novum: die Zweialtrigkeit.

VON DER GÜTE DES ALTERNS handelte eine Filmvorschau. Dort hieß es, Michael Manns Filme alterten "nicht alle gleich gut"; die "glorreiche Ausnahme" sei der urbane Nachtthriller "Collateral". Unserem Leser B. ging eine Woche lang die Frage durch den Kopf: Altert dieser Film nun gleich gut oder nicht? Daran kann man sich festbeißen wie an dem Paradox, wonach die Beine des Huhns gleich lang seien, besonders das linke. Hoffentlich hat Herr B. den Alp abschütteln können.

BEIM KÜRZEN VON TEXTEN ist es nicht damit getan, wild zu streichen; die Kunst besteht darin, das Original zwar zu verkleinern, aber in seinem Wesen zu erhalten. Unlängst berichtete die dpa über eine in einem Archiv aufgetauchte Rolle mit der ersten Sequenz der Filmgeschichte, die aus drei Kameraperspektiven gedreht worden war. Viele Blätter übernahmen das zusammen mit dem Hinweis auf die Bedeutung, die Experten dem Fund zumessen. Unser Feuilleton druckte die Meldung ebenfalls, jedoch stark gekürzt, wobei die Freude der Fachleute zu dem Hinweis gerann, dass der Fund "die Filmhistoriker aufhören" lasse. Ganz verkehrt war das nicht, da es das Wort aufhören im Sinn von aufhorchen als Rarität schon gibt. Dennoch fiel Leser D. dazu spontan dies ein: "Hör, was kommt von draußen rein!"