bedeckt München 13°

Sprachlabor:Der doppelte Doppelpunkt

Sprachlabor

Er greift zu sehr um sich: Der Doppelpunkt als Verstärker. Wiederholung desselben Mittels macht die Sache nicht besser. Zusammengesetzte Hauptwörter übrigens auch nicht. Sie werden nur länger.

WAS DAS BEETHOVENJAHR mit dieser Kolumne zu tun hat? Folgendes: Immer wieder beschäftigt uns die Marotte, mithilfe des Doppelpunkts die Nasen der Leser wichtigtuerisch auf etwas zu stoßen, was sie auch ohne dieses Satzzeichen gesehen und verstanden hätten. Jetzt zum Beispiel wurde die Tatsache, dass den Virologen Christian Drosten schon seit seinem Studium Viren begleiteten, so wiedergegeben: "Schon seit seinem Studium begleiteten ihn: Viren." Viren säumten also seinen: Weg. Nun ist es aber so, dass Graf Waldstein dem aus Bonn nach Wien abgehenden Beethoven ins Stammbuch schrieb: "Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydns Händen." Auch das wäre ohne Doppelpunkt zu verstehen gewesen, doch zur Feier des Jahres sollen Rügen für überflüssige Doppelpunkte bis zum 31. Dezember unterbleiben.

"PFUI, IHR SPRACHVERBRECHER", wettert Leser Dr. A. Er kreidet uns das Wort "Menschheitsverbrecher" an, als welcher Himmler geführt wurde, ein Titel, auf den die deutschsprachige Presse bei Leuten wie Hitler, Stalin oder Mao gern zurückgreift. Dr. A. geht es aber ersichtlich nicht um die Qualifizierung dieser Herren, sondern darum, ob der Menschheitsverbrecher als Kompositum in Ordnung ist. Wolfgang Fleischers Wortbildungslehre sagt, dass sich Personenbezeichnungen der Zusammensetzung oft verweigern: Aus dem Schützling des Lehrers lässt sich kein Lehrerschützling machen. Anders sieht es aus, wenn die erste Konstituente eine Menschengruppe meint; dann wird aus dem Mitglied des Vereins das Vereinsmitglied. In unserem Fall haben wir es mit der größten Menschengruppe überhaupt zu tun, der Menschheit, und doch hört sich der Menschheitsverbrecher seltsam an. Gemeint sind mit ihm die größten Verbrecher der Menschheit, doch müsste man, wollte man dieses Muster ausweiten, die größten Diebe der Menschheit Menschheitsdiebe nennen. Das hieße, dass sie die Menschheit geklaut haben - und das schafft der beste Dieb nicht.

© SZ vom 28.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite