Sprachlabor Auf die Schreibweise kommt es an

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Vom Unterschied zwischen nicht westlich und nichtwestlich und dem inflationären Gebrauch des Wörtchens ,,mutmaßlich".

Von Hermann Unterstöger

"HIER IRRT DER LESER." Das geschieht höchst selten, aber nun ist es Leser Dr. D. widerfahren. Er findet, dass in die Passage "Die Fetischisierung nicht westlicher Heils- und Heilungstechniken" ein Orthografiefehler hineinkorrigiert worden sei: nicht westlich statt nichtwestlich , ein insofern gravierender Fehler, als davon das sprachökonomische Prinzip der Univerbierung, also der Ein-Wort-Benennung, betroffen sei. In der Tat besteht zwischen nichtwestlich und nicht westlich ein großer Unterschied: Hier könnte man mit sondern östlich weiterfahren, dort fungiert nicht- als ein der Vorsilbe un- vergleichbares Verneinungspräfix. Seit der Rechtschreibreform können Verbindungen mit nicht als erstem Bestandteil getrennt oder zusammengeschrieben werden; die SZ hält sich an die vom Duden empfohlene Getrenntschreibung.

MUTMASSLICH einem Drittel unserer Leser geht das Wort mutmaßlich auf die Nerven, das heißt, nicht das Wort als solches, sondern sein Einsatz bei noch unklaren Straftaten. Leser G. macht seinem Unmut anlässlich einer "mutmaßlichen Amokfahrt" Luft (wobei ein Teil seines Unmuts der Amokfahrt gilt: Diese impliziere eine schuldmindernde Geistesgestörtheit, die bei solchen Taten jedoch kaum vorliege). Herr G. hat das Gefühl, dass mutmaßlich im Interesse der juristischen und journalistischen Sauberkeit an alles und jedes gehängt werde; er erwartet bei dessen Verwendung "mehr Fingerspitzen- und vor allem Sprachgefühl". Über den Wert des Attributs mutmaßlich ist schon viel gesagt worden, darunter auch dies, dass aus dem Vorbehalt der Mutmaßung eine ungewollte Vorverurteilung werden könne: "Die Mutmaßung, die an einen Verdächtigen gestellt wird, geht über die bloße Verdächtigung hinaus, denn ihr fehlt nur noch eine richterliche Bestätigung" (MdB Matthias Zimmer). Wer den mutmaßlichen Täter ablehnt, fordert stattdessen meist den Verdächtigen, ohne zu bedenken, dass man der Korrektheit halber eigentlich vom Verdächtigten sprechen müsste.