Soziales Pflichtjahr:Andere Lebenserfahrungen sammeln

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Rückkehr zum Wehr- und Zivildienst? Das wäre zu eng gedacht, schreiben einige Leser. Die meisten plädieren für einen breiteren Dienst, auch Sport- und Kultureinrichtungen, Feuerwehr oder Naturschutz sollten infrage kommen.

(Foto: N/A)

Zu "Innere Sicherheit" vom 18./19. Juli:

Erweiterte Einsatzgebiete

Die Aussagen des Beitrags, der ein soziales Pflichtjahr für alle, für junge Männer und junge Frauen, vorsieht, verdienen vorbehaltlose Zustimmung. Neben den angesprochenen Stellen und Gremien aus dem politischen Bereich seien sie insbesondere auch allen ans Herz gelegt, die Träger des sozialen Pflichtjahrs sein können - meines Erachtens auch Organisationen aus dem Kulturleben.

Gut ist, dass der Vorschlag die Bundeswehr und Institutionen aus Pflege, Behindertenhilfe, Naturschutz, Feuerwehr oder Katastrophenschutz in einem Atemzug nennt. Dieses erweiterte Spektrum geht weit über die sogenannten Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege hinaus, die in Gestalt von Caritas und Diakonie erwähnt werden. Expressis verbis seien die Verbände der Behindertenhilfe und -Selbsthilfe genannt, oder auch der Sportbereich wie etwa Special Olympics.

Alle diese Verbände, die sich zusammen mit beeinträchtigten Menschen für deren Belange oft in inklusivem Sinne einsetzen, sollten das soziale Pflichtjahr als Chance sehen. Nicht nur, um über mehr assistierende Kapazitäten zu verfügen. Sondern weil so vermittelt werden kann, dass das Leben weniger aus Party und Konsum besteht, sondern für jede und jeden auch leidvolle Erfahrungen bereit hält. Und weil diese Organisationen durch das Angebot des sozialen Jahres ihre Festreden-These beweisen können, wonach Behinderte und sozial Benachteiligte der Gesellschaft etwas zurückgeben: Weil nämlich Werte wie Sensibilität, Solidarität, Rücksichtnahme, die Bereitschaft zu helfen und sich helfen zu lassen mindestens so relevant sind wie Leistungswille, Belastbarkeit und Durchsetzungsvermögen, oder was sonst noch als Tugend gepriesen wird.

Dr. Bernhard Conrads, Marburg

Achtung für Diversität

Das soziale Pflichtjahr bringt nicht nur gesellschaftlichen Nutzen für die wehrhafte Demokratie, sondern ist gleichzeitig soziales Lernen der Achtung für Diversität. Die Achtung vor dem Anderssein ist immer noch eine große Aufgabe für alle Menschen. Indem wir die Unterschiedlichkeit der Menschen respektieren, können wir zu einem friedvolleren Zusammenleben finden.

Patrick Kuntz, Heppenheim

Mehr Lohn für die Solidarität

Ob eine Verpflichtung junger Menschen zum sozialen Engagement wirklich eine kluge Idee ist, sei dahingestellt. Würde sich die entsprechende finanzielle Ausstattung - und das ist die harte Währung der gesellschaftlichen Anerkennung - auch nur annähernd am derzeit üblichen Satz für den Dienst im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) orientieren, dann sollten die Feldjäger schon mal losgeschickt werden.

Wir Eltern stocken die 300 Euro Taschengeld für unseren Sohn bis zum Existenzminimum auf, damit er ein Jahr seines Lebens in den Dienst der Gemeinschaft stellen kann. Seit fast einem Jahr tingelt er durch die Hauptstadt von einer Übergangsbleibe zur nächsten, weil bezahlbarer Wohnraum knapp und in seiner Lage unerreichbar ist. Ja, seit fast einem Jahr erfährt er die Wertschätzung seiner Fußballjungs, die mit 5:75 Toren und null Punkten Letzter der Kreisklasse C sind.

Der geheime Lehrplan dieser Zeit beinhaltet eine andere Botschaft: Für soziales Engagement zahlt man sogar noch obendrauf! Das ist sicher nicht der Königsweg zu einer solidarischeren Gesellschaft.

Markus Schulenkorf, Ganderkesee

Freiwilliges Jahr für jedes Alter

Als Pazifistin bin ich nicht für eine Wiedereinführung des verpflichtenden Dienstes in der Bundeswehr. Ich möchte den Dienst "in der Pflege, im Naturschutz, in der Feuerwehr, im Katastrophenschutz" erweitert sehen im gesellschaftspolitischen Bereich. Ich selbst habe, erst im Alter von 45 Jahren, 1981-82 ein freiwilliges Friedensjahr im Bürgerkrieg in Nordirland verbracht. Seitdem plädiere ich dafür, dass jeder Mensch zu einem sozialen, ökologischen oder gesellschaftspolitischen Lehrjahr verpflichtet wird. In dem Jahr in Nordirland habe ich mehr Lebensqualitäten gewonnen als jemals vorher. Ein Jahr in Solidarität, in anderen Lebenswelten wäre für viele Jugendliche ein unschätzbares Augenöffnen für ein menschliches, gerechtes, friedliches, fröhliches Miteinanderleben.

Ingeborg Ott, München

Fehler korrigieren

Ein Pflichtjahr hat nichts zu tun mit dem "Reichsarbeitsdienst" der NS-Zeit, der seit Jahren zur Begründung für die Ablehnung eines Pflichtjahres verwendet wird. Wir sind inzwischen eine multikulturelle Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet. Die zunehmenden Ausschreitungen, zuletzt in Stuttgart und Frankfurt, gefährden unsere Demokratie. Ein wachsender Mangel an Solidarität, an Identifikation des Einzelnen mit dem Staat und seinen Institutionen darf nicht länger geleugnet werden. In vielen Ländern dient die Wehrpflicht neben der Verteidigung immer auch der Identifikation mit dem Staat und der Integration. Die leichtfertige Aufgabe des Wehrdienstes beziehungsweise des Zivildienstes war unüberlegt und hat großen Schaden angerichtet; Korrektur ist daher dringend erforderlich.

Brigitta Reinhardt, München

© SZ vom 01.08.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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