DesinformationWahrheit oder nicht

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Befördern soziale Medien die Aufklärung oder die Verbreitung von Fake News?
Befördern soziale Medien die Aufklärung oder die Verbreitung von Fake News?
Yui Mok/dpa

Eine lange SZ-Recherche ergründet, wie Lügen und Desinformationen die Demokratie gefährden. Was tun? Vorschläge aus der Leserschaft.

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„Gar nicht wahr“ vom 4./5. Oktober:

Recht des Stärkeren

Was für ein Artikel: Umfassend recherchiert, erschöpfend, fundiert! Und wie notwendig, augenöffnend für die Lemminge der digitalen Plattformen. Kompliment! Kann ein Meer von korrekten Informationen helfen in einer Flut von inkorrekten Informationen? Schwerlich. Ein Tsunami ist niemals gut, auch kein enzyklopädischer. Denn nicht die Anzahl der Informationen ist wichtig, sondern ihr Wahrheitsgehalt, ihre Verlässlichkeit und auch Nützlichkeit. Mit der großen Anzahl steigt nur die Wahrscheinlichkeit des Zutreffens einer Behauptung.

Welch ein Irrtum damals, den sogenannten Social Media zuzutrauen, dass sie der Demokratie in den unterentwickelten Gesellschaftsformen zum Durchbruch verhelfen. Man meinte damals, allein die Masse der Informationen würde die verschlossenen, rückständigen Autokratien (etwa in einem „arabischen Frühling“) wegfegen wie ein Wirbelsturm. Der Sturm ist zwar eingetreten, aber er hat die vorhandenen Strukturen nur durcheinandergewirbelt, meist ohne Besserung. Unter den Informationen waren eben auch zu viele unseriöse.

Man hatte übersehen, dass diese profitablen digitalen Plattformen nur von Tech-Oligarchen kontrolliert werden, nicht von Weltverbesserern. Die Wirkung war neben noch mehr asymmetrisch verteiltem Reichtum vor allem Desinformation, die sich nun sogar gegen die Demokratie wendet, die Recht, Ordnung und Wahrheit verteidigen will. Oligarchen wollen nur ihr Geld verteidigen. Fortschritt durch Information funktioniert nur, wenn man sich dabei strikt an überprüfte Wahrheit hält; schon kleine Ungenauigkeiten rufen Skepsis hervor, bei größeren gibt es Empörung und man fällt zurück in alte Strukturen.

Diese altkapitalistisch denkenden Profiteure aus dem Silicon Valley haben alles andere als Mitbestimmung im Sinn oder gar die Verbreitung unbequemer Wahrheit. Freundlich-naiv formuliert geht es ihnen nur um Geld, also die schiere Masse der Kunden; die meisten davon nutzen das bequeme Medium zur Verbreitung von Werbung und Propaganda, ohne sich dabei sonderlich um den Wahrheitsgehalt zu bemühen, viele wollen sich endlich mal unkontrolliert Luft machen. Diesem „Shitstorm“ stellt der an Gewinnmaximierung interessierte Betreiber der Plattform natürlich keine Überprüfung entgegen, weil er keine Kunden verlieren will.

Nicht so naiv, sondern kritischer formuliert geht es diesem recht- und regellosen Social-Media-Universum gar nicht um eine regelbasierte, demokratische Gesellschaft, sondern um das Recht des Stärkeren in einer deregulierten Gesellschaft. Diese ist charakterisiert durch ein Wirrwarr von Übertreibungen, Weglassungen, Erfindungen, Deepfake und Lügen (wie das mittelalterliche Jahrmarktgeschwätz); aber auch Ungesetzlichkeiten wie Verleumdung und Rufmord. Mit diesen heutigen Schummeleien, Ungenauigkeiten und Betrügereien verbessert man die Gesellschaft nicht, sondern kehrt als Hightech-User zurück zum defizitären Standard der unterentwickelten Staatsformen, die man vorgeblich auf ein höheres Entwicklungsniveau führen wollte.

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart

Blick auf normale Menschen

Was für ein entmutigender, lähmender vorletzter Satz: „Die Politik als Raum, in dem wir Wunder erwarten dürfen – was für ein unerhörter Gedanke!“, und was für ein wahrhaftig wichtiger letzter Satz: „Schaffen müssen wir sie uns allerdings schon selbst.“

Ja, es liegt schon an uns, und ich hoffe, mit „wir“ meinen Sie alle, die gern in einer ernst zu nehmenden Demokratie leben wollen. Was bisher geschah, ist, dass von staatlicher Seite beobachtet und analysiert wurde, sparsam Institutionen gegründet wurden, die wiederum laut Artikel vorsichtig in ein von der Öffentlichkeit kaum erlebbares Handeln kommen. Dann sind da noch Leute, die auf dem Schlachtfeld Social Media tapfer gegen die Lügenmaschinerie kämpfen.

Reicht das denn nicht? Nein. Die Gewichte sind viel zu ungleich. Deshalb meine Bitte an Sie, in diesem Fall als Vertreter der ganzen SZ, einer Zeitung, die überregional gelesen wird: Verlassen Sie den medialen „Highway to Hell“, auf dem Sie ja oft dankenswerterweise mit angezogener Handbremse fahren, und nehmen Sie die Ausfahrt „Normale Wähler wichtig machen“. Es muss ja nicht die ganze Zeitung sein, ein Ressort genügt.

Warum? Weil die Wähler in einer Demokratie wichtig sind, nicht aber, wenn es um Politik geht im Fernsehen und in Zeitungen. Da sind sie nur Stimmungsabfrageobjekt und Ausrede. Wie wäre es, einen Leser zu suchen, arbeitend, Steuern zahlend, der bereit ist, zu sagen, was er denkt, wobei er abschaltet, wo seine Neugier wach wird, was ihn abstößt, woraus er sein Selbstbewusstsein zieht und was es angreift, wie er sich ein gutes Leben vorstellt und welche politische Daseinsform er vorzieht.

Der Interviewer sollte neugierig sein auf diesen Menschen. In freundschaftlicher Atmosphäre ohne jedes „Grillen“ und ohne raushängen zu lassen, dass man sehr viel besser informiert ist als der andere, sollte das Gespräch stattfinden und es sollte keinem Zeitdruck unterliegen. Vielleicht eine kleine Serie mit unterschiedlichen Protagonisten draus machen.

Medien beeinflussen, darum müssen sie was anders machen als bisher, wenn sie die Demokratie stärken wollen. Bisher dienen die Medien dazu, dass Vertreter unterschiedlichster Eliten den Lesern und Zuschauern etwas ausrichten. Diese Vertreter bilden zwar nur eine Minderheit Ihrer Leserschaft ab, aber wäre es nicht auch einmal Wert, dieser Minderheit was von Vertretern der Mehrheit ausrichten zu lassen? Auf der gleichen Ebene?

Anna Nirschl, München

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