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Architektur:Bauen mit dem Bleistift

ZEICHNUNG DEUTSCHER EXPO 2 000-PAVILLON

Von der Vision zum Entwurf: Zeichnung des Deutschen Pavillons bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover.

(Foto: DPA)

Skizzen entstehen heute auf dem Computer. Und doch gibt es noch Architekten, die per Hand zeichnen - aus gutem Grund.

Von Oliver Herwig

Etwas zu Papier bringen, das klingt antiquiert. Ein Bleistift wandert übers Blatt, strichelt hier eine Mauer und dort ein Fenster, während das Hirn mit Höchstgeschwindigkeit Gedankenbilder in eine Skizze übersetzt. Wenn Joseph Beuys angeblich mit dem Knie dachte, so tun das Architektinnen und Architekten mit ihren Zeichnungen, deren Handschrift viel über die Persönlichkeiten dahinter aussagt - zumindest denken das manche Psychologen. Das beginnt mit der genialischen Entwerferin, die ihre Visionen mit dicken Strichen aufs Papier setzt, in expressiven Linien, die mehr andeuten als wirklich klären. Am anderen Ende der Skala werkeln sich akribische Arbeiter an technischen Zeichnungen ab. Linien bilden Mauern, Schatten und Schraffuren wuchern über das Blatt, dann wieder öffnen sich Freiräume. Dann und wann tauchen sie den Pinsel in Aquarellfarbe und lavieren feine und feinste Verläufe. Ihnen geht es nicht um eine spontane Eingebung, sie wollen Perfektion. Perspektivisch genaue und ausgefeilte Präsentationen sollen Menschen von der Qualität des Entwurfs überzeugen, manchmal sogar überwältigen.

Es gehört zu den unausrottbaren Klischees, dass alle Profis gut, ja perfekt zeichnen. Und wenn sie das ausnahmsweise doch nicht können, wird vom miesen Zeichenstil gleich auf einen mindestens durchtriebenen Charakter geschlossen, wie bei Walter Gropius, der "nicht so gut zeichnen" konnte und daher zu Selbststilisierung und Rhetorik greifen musste, um seine Vorstellungen zu vermitteln. Zumindest in den Augen seiner Kritiker. Architekturhistoriker Winfried Nerdinger gab dazu im Interview mit der Klassik-Stiftung Weimar eine gute Antwort: "Kritik kam oft von Personen, die nur gehört hatten, er zeichne nicht selbst. Das sind zumeist laienhafte Vorstellungen von den Arbeitsprozessen bei der Planung von Architektur." Trotzdem. Die freie Skizze ist so mit dem Beruf der Baumeister verbunden, dass sie immer wieder eingefordert wird. Auf der Baustelle. In einer Besprechung. Oder mitten auf einem Spaziergang, wenn eine Idee schnellstens zu Papier gebracht werden muss.

Dabei gibt es genug Entwerfende, die genau diesem Klischee entsprechen, weil eben doch etwas dran ist an dieser so selbstverständlich wirkenden Vermittlung. Beispielsweise Michele de Lucchi. Trotz Computer hängt der Universalist, der als Architekt wie Designer arbeitet, an der Zeichnung. Geradezu manisch füllt er Skizzenbuch um Skizzenbuch. Mehr als 50 hat er schon beisammen, vollgestopft mit Anmerkungen, Zeichnungen und Entwürfen. Wenn gerade keines zur Hand ist, muss schon mal ein anderes Buch herhalten. "Der Weg vom Kopf in die Hand ist eben wesentlich kürzer als über den Computer", sagt der Gestalter.

Museen und Sammler gehen auf die Jagd nach dem vermeintlichen Original

Zeichnungen sind eine Generationenfrage. Jüngere Kollegen haben vielleicht noch Skizzenbücher und skribbeln auf Servietten und Tischtücher, doch entstehen Gedankengebäude ganz selbstverständlich auf dem Tablet oder dem Computer. Der "denkt" sogar mit und begradigt krumme Linien - eine Art Rechtschreibkontrolle für Zeichnende, die hilft, aber viele Eigenheiten vereinheitlicht. "Verwende statt Bézier-Kurven das Rundungszeichenstift-Werkzeug", rät Photoshop: "Damit kannst du Pfade intuitiv zeichnen und anschließend einfach durch Schieben und Ziehen von Segmenten modifizieren." Je mehr digitale Skizzen entstehen, die durch Klicken und Ziehen ganz einfach vergrößert und verkleinert werden, vor allem aber kopiert und geteilt, desto leidenschaftlicher gehen Museen und Sammler auf die Jagd nach dem vermeintlichen Original, der Handzeichnung.

2015 zeigte das Museum Marta Herford "Ideenlinien. Architektur als Zeichnung" - 80 Arbeiten von Bruno Taut bis Frank Gehry - und damit eine Baugeschichte als Huldigung der "denkenden Hand". Darunter geniale Entwürfe, wie sie Comic-Künstler und Set-Designer nicht besser hätten liefern können. Zeichnungen sind für Museumsleute natürlich auch praktisch, da sie Besucher schlecht an die eigentlichen Orte teleportieren können. So hängt die Vision in abgedunkelten Räumen hinter Glas und lockt zu eigenen Streifzügen.

Zum Beispiel von James Wines, dessen Arbeiten eigentlich gerade in der Berliner Tchoban Foundation zu sehen sein sollten, was aber wegen der Pandemie nicht geht. Im vergangenen halben Jahrhundert schuf der Amerikaner mit Feder und Tusche auf Papier ebenso akkurate wie freie Variationen über das Thema "grüne Architektur". Während Wines draußen subversive Einkaufshäuser gestaltete, denen schon mal eine ganze Ecke fehlte, inspirierte er vielleicht noch nachhaltiger durch seine Tuschezeichnungen wie dem "Highrise of Homes theoretical project" von 1981. Da stehen dicht gedrängte Einfamilienhäuser mitsamt Gärten wie Paletten in einem riesigen Hochregallager. Solche Radikalität bildet einen guten Nährboden für Bauten, die irgendwann vielleicht tatsächlich entstehen.

Eine gute Skizze ist eben vieles: erstes Hilfsmittel, Ideengenerator und Kurzschrift, die Raum verständlich macht, und kleine Flucht aus dem Alltag. Architektinnen und Architekten greifen eben manchmal zum Stift oder zum Tablet, um Räume zu erkunden, für die es (noch) keine Auftraggeber gibt. Skizzen können Welten schaffen. Freiheit entsteht im Flow, dem Fluss der Feder auf dem Papier, den Bewegungen des Cursors über den Bildschirm oder mit dem Finger auf dem Tablet. Mit jedem Strich entstehen Versionen des Möglichen. Hier treffen sich Comics und Architekturskizzen. Sie bieten gleichermaßen eine Auszeit von geringen Budgets, starren Normen oder Bauvorschriften. Zeichnungen fragen nicht, sie legen einfach los.

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