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Sigmar Gabriel:Unbequem und gut

In der biederen Welt von Sozialdemokraten wie Andrea Nahles und Olaf Scholz ist kein Platz für einen unbequemen, aber kreativen Individualisten wie Sigmar Gabriel. So sehen das jedenfalls SZ-Leser.

Heiko Maas und Sigmar Gabriel

Auf der Überholspur: Heiko Maas (links) ersetzt Sigmar Gabriel im Außenministerium.

(Foto: Oliver Dietze/dpa)

"Ein Tritt zum Abschied" und "Der Sturz des Ego-Tiers" vom 9. März:

Kein Platz für Individualisten

Deutschlands beliebtester Sozialdemokrat - vor die rote Tür gesetzt. Sigmar Gabriel ist ein Mann, der seine politische Kreativität immer ausgelebt hat. Kein stromlinienförmiger Sozi, der als Parteisoldat brav die Strategien umsetzte, die in den Hinterzimmern der Partei ausgeheckt wurden. Nein, er war unbequem und gleichzeitig ein guter deutscher Sozialdemokrat. Aber die neue Führungsriege kann einen Individualisten nicht ertragen. Die forsche Andrea Nahles, die so gern verbal austeilt, und der biedere Buchhalter aus Hamburg dulden keinen neben sich, der viel für Deutschlands guten Ruf in der Welt getan hat. In der biederen Welt der Sozis sind heute keine kreativen Politiker mehr gefragt. Schade, Sigmar Gabriel.

Hans-Joachim Herbst, Hamburg

Die SPD ist gescheitert

Gabriel ist nicht an sich selbst gescheitert, sondern die SPD ist an Gabriel gescheitert.

Zu unbequem und nicht stromlinienförmig genug ist der in der Bevölkerung beliebte Ex-Außenminister den Spießgesellen um Andrea Nahles und Martin Schulz, die einen hohen Preis dafür bezahlen werden, dass sie nun dem "Maasmännchen" den Vorzug für die Position des Außenministers geben. Die SPD hat aus ihren Fehlern nach dem Eiertanz durch Martin Schulz nichts gelernt und wird in die Bedeutungslosigkeit abrutschen, weil ihr "Parteizwang" wichtiger ist als die Stimme ihrer Wählerinnen und Wähler, und weil sie den Zeitgeist nicht realisiert. Querköpfe und Querdenker - in der freien Wirtschaft und auch zunehmend in der Politik gern gesehene Bewerber, da sie über den Tellerrand hinausschauen und jenseits von Zwängen etwas bewegen können( Kohl und Schmidt lassen grüßen) - sind in der SPD nicht angesagt, weshalb Zeitgenossen wie Nahles und Schulz den Jusovorsitzenden Kevin Kühnert als Gefahr sehen. Die SPD hat es lediglich der angeschlagenen Kanzlerin Angela Merkel zu verdanken, dass sie nun durch eine erneute - aber mehrheitlich nicht gewünschte - Regierungsbeteiligung ihre letzten Zuckungen erleben darf, offensichtlich nicht wissend, dass sie durch die Grokoendlich zerrieben wird und damit ihr Totenglöckchen einleuten kann.

Jan-Patrick Jarosch, München

Einschneidende Folgen

Bei dem weitreichenden Einfluss Sigmar Gabriels auf seine Partei und die Geschicke des Landes ist es nicht verwunderlich, dass er zu seinem Abschied von der politischen Bühne in zahlreichen Kommentaren gewürdigt wurde. So stimmt es wohl, dass Gabriel Erfolge erzielt habe, wie die SZ schrieb. Entschieden zu widersprechen ist aber Nico Fried, wenn er wörtlich schrieb, "sein Glanzstück als Parteichef lieferte er 2013, als er die SPD in die große Koalition führte". Damals führte er die Partei nicht in die politische Ehe mit der Union, er zwang sie dazu. Eine damals noch mögliche Alternative schloss er ausdrücklich aus. Die Folgen waren von einschneidender Wirkung. Seitdem haben sich die politischen Konturen der beiden ehemaligen "Volksparteien" so verwischt, dass sie kaum noch unterscheidbar wirken. Abgesehen von weiteren gravierenden Fehlentscheidungen dieser politischen Mesalliance hat die Parlamentarische Demokratie in Deutschland durch dieses "Glanzstück" erheblichen Schaden genommen. Die geballte Macht der Groko ließ die parlamentarische Opposition zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Dass nach dem unrühmlichen Ende der ersten Groko und nach erneutem Eingehen einer wiederbelebten Groko sich am Rande des politschen Spektrums das Grummeln im Wahlvolk verstärkt hörbar macht, lässt sich nicht leugnen. Wer das Erstarken der sogenannten Alternative in der Parteienlandschaft beklagt, der sollte sich an die Entscheidungen von 2013 erinnern lassen, die den heute scheidenden Politiker Gabriel damals zum Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland promovierten.

Prof. Hermann Beck, Hof/Saale

Äußerst dumm

Zur Äußerung vom geschäftsführenden Außenminister Sigmar Gabriel über den damaligen scheidenden SPD-Vorsitzenden Martin Schulz sage ich nur: Es war äußerst dumm, all das zu sagen, was einem gerade einfiel. Das hat ihm letztlich das Genick gebrochen.

Werner Koch, Bollschweil

Immer gegen die Führung

Die Ausbootung von Sigmar Gabriel aus der neuen Regierungsmannschaft der SPD durch die neue SPD-Führung beschreibt das ganze Dilemma der SPD: Gabriel hatte vielen Spitzengenossen auf die Füße getreten, jetzt wird er abserviert, was er sich auch selbst zuzuschreiben hat. Die SPD hat sich schon seit Jahrzehnten gegen die eigenen Führungsleute gestellt, ob es Schmidt oder Schröder war oder jetzt Gabriel. Welchen Effekt solche "Abstrafungen" bei der Bevölkerung auslösten, war und ist egal. Es ist kein Wunder, das die SPD bei den Wählern nicht mehr hoch im Kurs steht, bei all dem Chaos, das täglich vorgeführt wird.

Axel Bock, München

Nichts gelernt

Heil, Scholz, Maas und Nahles, so sieht also die SPD-Erneuerung aus. Die Ressorts Außen, Arbeit und Finanzen gehen natürlich an Männer. Das ist Frau Nahles egal, solange sie fest im Sattel sitzt und von einer Kanzlerschaft in der Zukunft träumen kann. Es wird ein Traum bleiben, die SPD hat Schulz und Gabriel auf die hinteren Bänke verwiesen, aber sonst nichts gelernt.

Markus Meister, Mönchengladbach

Kompetenz ist gefragt

Das Armutszeugnis, das sich die deutschen Parteien seit einem halben Jahr im Zusammenhang mit der Regierungsbildung ausstellen, ist erbärmlich genug. Ganz schlimm aber sind die vielen handwerklichen Fehler: Zunächst hätte es einer möglichst umfassenden Auflistung aller wichtigen Themen/Probleme, die zu adressieren und zu lösen sind, bedurft. Das ist nicht geschehen, und es hat nicht mal eine Priorisierung in der Wichtigkeit gegeben. Zudem sind die allermeisten Punkte von hoher bis höchster Komplexität, d.h. es braucht Lösungsansätze der mindestens gleichen, wenn nicht höheren Komplexität. Dafür braucht es (aller)höchste Kompetenz, wenn man wirksame Lösungen finden und umsetzen will. Was es sicher nicht braucht, sind Quoten.

Ralph Damm, Olching

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© SZ vom 14.03.2018

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