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Schule:Wie verhindert man den Burn-out der Kinder?

Immer mehr Schüler sind angewiesen auf Nachhilfe, das war Thema einer Seite Drei. Warum das so ist, dazu haben auch diese Leserinnen und Leser etwas zu sagen.

Foto für die Forumseite vom 3.12.2018

Es beginnt noch relativ harmlos mit dem „ABC“, doch bald schon steht das „Grundschulabitur“ bevor.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

"Mangelhaft" vom 24./25. November:

Note 3 gilt als "ungenügend"

In dem Artikel "Mangelhaft" steht leider nicht, dass es in Bayern in etwa genauso schwierig ist, den Notenschnitt für die Realschule zu erreichen, wie für das Gymnasium. Ein Schnitt von 2,66 in den Fächern Deutsch, Mathe und Heimat- und Sachkunde bedeutet in diesem Schulsystem das Urteil Mittelschule (Hauptschule). Lediglich der Notenschnitt zwischen 2,33 und 2,66 befähigt für den Besuch der Realschule. In den 22 schriftlichen Tests ist demnach jede 3 ("befriedigend") gleichbedeutend mit einem "ungenügend". Aus der Reportage und vielen anderen in den letzten Jahren wird deutlich, dass Schüler, Eltern und Lehrer die aktuelle Handhabe im Übertritt ablehnen und für das Lernen, die Kinder oder die Familien als schädlich wahrnehmen. Ist es eigentlich rechtens, wenn die gewählten Volksvertreter gegen alle Betroffenengruppen handeln? Wahrscheinlich schon, aber es ist auch erklärungsbedürftig, warum hier nicht endlich eine moderne, zukunftsfähige Lösung erarbeitet wird. Immer auf die Durchlässigkeit des Systems und die hohe Qualität des bayerischen Schulsystems zu verweisen, genügt den Beteiligten offensichtlich nicht.

Viele Eltern in Bayern haben das Gefühl, dass der Staat im Übertritt seine, unsere, Kinder überfordert, selektiert, bricht oder entwertet. Es geht um die Asymmetrien im Bildungshintergrund, Altersunterschiede, um Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern; es geht um Klausuren unter Prüfungsangst, überzogene Ansprüche im Bildungssystem, innerfamiliäre Fördermöglichkeiten, finanzielle Mittel, Legasthenie und Sympathie. Es geht um Unterschiede, Ungleichheit und Ungerechtigkeit und damit um die unzureichende Aussagekraft der so eng gesteckten Noten.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagt, dass er aus den Wahlergebnissen gelernt hat, mehr auf "die Menschen" zu hören. Wenn "Bulimielernen" oder "Grundschulabitur" als Beschreibungen des Schul- und Familienalltags ins Vokabular Eingang gefunden haben, sollte die Politik den ernst zu nehmenden Missstand erkennen. Als Leserin, Mutter und Bayerin (noch) möchte ich die Regierung bitten: Stoppen Sie den unermesslichen Druck auf unsere Kinder in der vierten Klasse. Sofort. Als Übergang könnte eine Empfehlung der Schulen dienen, basierend auf den Noten und der Einschätzung des Lehrers, der das Kind zwei Jahre begleitete.

Dass die meisten Eltern hier die Fähigkeiten ihrer Kinder nicht völlig falsch einschätzen und sich im Austausch mit den Lehrern und Schulen für das Bestmögliche im Sinne des Kindes entscheiden, halte ich für wahrscheinlich (und an den Erfahrungswerten der anderen Bundesländer abzulesen). Parallel kann die Politik das Bestehende überarbeiten. Dabei soll meinetwegen weiterhin eine Elite gefördert werden, die den Regierungsansprüchen Genüge leistet, aber zunächst einmal muss doch der "Grundschul-Burn-out" möglichst verhindert werden. Die Ängste ganzer Elterngenerationen vor Bildungs- und Sozialabstieg dürfen nicht als überzogen und irreal abgetan, sondern es müssen vertretbare, zeitgemäße Konzepte erarbeitet werden, in denen sich auch die Kinder, Eltern und Lehrer in Bayern wieder wohlfühlen können.

Dr. Ruth Zeifert, München

Immer wieder eine neue Sau

Auch in Bayern wurde das "Schreiben nach Gehör" praktiziert und propagiert. Meine Tochter, geboren 1996, hatte Glück - ihre Lehrkraft stand kurz vor der Pensionierung und hat das ignoriert. Auch in Bayern

zählt theoretisch der Elternwille - ob der ein sinnvolleres Kriterium ist als eine Übertrittsempfehlung, steht auf einem anderen Blatt. Die Sau, die im Moment durchs Dorf getrieben wird, heißt Lehrplan Plus. Er ist im vergangenen Schuljahr am Gymnasium angekommen und damit in meinem Berufsalltag als Englischlehrkraft an dieser Schulart. Die Grundschulkollegen wissen schon seit sechs Jahren, dass das "Plus" im Namen für ein "Plus" an Durchzunehmendem steht - bei einem "Ist gleich" an Stunden -, im Fall des neuen G 9 bei einem "Minus" an Stunden. Denn auch die neue Sau namens Methodenkompetenz braucht Zeit für ihre Entwicklung - die sie nicht hat, wenn gleichzeitig der sonstige Stoff in gleicher, ohnehin zu kritisierender Fülle in die Kinderköpfe gelangen soll.

Ich höre ja schon auf, sonst würde ich die Frage stellen, wann jemand endlich die Wahrheit sagt und zugibt, dass der Englischunterricht an der Grundschule nach wie vor keine Basis für den Lehrplan am Gymnasium darstellen kann. Oder dass die Einführung der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse viele Schüler immer noch genauso überfordert wie vor neun Jahren.

Gisela Fuchs, Weitramsdorf

Freude beim Lernen fördern

Vieles ist zu kritisieren an unseren Schulen. Doch die Thematik ist komplex. Komplexe Probleme werden nicht mit schlichten Appellen gelöst. Es gibt Kräfte, die "Lesen durch Schreiben" verteufeln. Dabei handelt es sich um eine Methode, die die Schüler*innen im Unterricht animiert, selbst Schriftsprache zu produzieren. Das ist für viele ein ungeheuer motivierender und aktivierender Lernprozess, der vielen Kindern große Freude bereitet. Dieser Prozess entspricht der ersten Stufe des Schriftspracherwerbs. Danach folgt Regellernen. Hirnforscher haben hinlänglich bewiesen, dass Freude am Lernen und aktives Tun gute Voraussetzungen sind für erfolgreiches Lernen. Deshalb sollte eine Methode, die diese Kriterien erfüllt, weiterentwickelt, aber nicht aus dem Unterricht verbannt werden. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tief greifenden und sich ständig beschleunigenden Veränderungsprozess. Schule muss sich sowohl hinsichtlich ihrer methodisch-didaktischen Handlungskompetenzen als auch hinsichtlich ihrer Rahmenbedingungen an diese Veränderungen anpassen.

Multiprofessionelle Teams im Unterricht, übersichtliche Klassengrößen, regelmäßige Supervision für Pädagog*innen sind nur ein paar Faktoren, die der neuen Komplexität der Problematik gerecht werden könnten. Und dazu bedarf es des politischen Willens, dies zu erkennen und nachhaltig zu verändern.

Cornelia Burkert-Schmitz Förderschulrektorin, Sulzbachtal

Hausaufgaben? Verpönt

Ich teile die Erfahrung der im Artikel "Mangelhaft" erwähnten Frau Kühler aus Pankow. Mein Enkel, ein sehr intelligenter, aufgeweckter Zehnjähriger besucht eine staatlich geförderte Gemeinschaftsschule in Berlin-Mariendorf (mit Klassen eins bis zehn) mit Hortbetreuung bis 17 Uhr. In der Hortzeit werden neben freien Spielen viele AGs angeboten, aber keine Angebote zur Einübung und Vertiefung von Lerninhalten. Das Wort Hausaufgabe ist völlig verpönt.

Mein Enkel sitzt jetzt dort in der fünften Klasse und kann weder fließend lesen noch fehlerfrei einen kurzen Satz schreiben. In Druckschrift ist er völlig ungeübt (Schreibschrift gilt als altmodisch und wird nicht mehr gelehrt). Auch die Grundrechnungsarten beherrscht er nicht altersentsprechend. Die Schule zeichnet sich aus durch viele Projekttage und -wochen sowie durch außerschulische Aktivitäten. Beispiel: zu Beginn der vierten Klasse ein ganztägiger Ausflug zum Olympiastadion zum Thema Nationalsozialismus.

Nach all diesen Erfahrungen habe auch ich völlig das Vertrauen in die Schulpolitik des Senats verloren. Es fehlt offensichtlich an einem verbindlichen Schulkonzept und einer Überprüfung durch die Schulaufsichtsbehörde. Solange deutsche Kleinstaaterei im Bildungswesen weiterlebt, werden die Probleme, die Renate Meinhof exemplarisch beschreibt, nicht überwunden werden können.

Gisela Geiger, Berlin

Eine Methode als schwarzes Schaf

Mangelhaft? Was ist in Deutschlands Schulen mangelhaft? Die Lehrer? Die Methoden? Die Kinder? Die Rahmenbedingungen? Die Eltern?

Es ist immer ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Die meisten Kollegen leisten eine gute bis sehr gute Arbeit nach der Methode, von der sie überzeugt sind. Das ist bei den Ärzten nicht anders. Deren Arbeitsweise stellen wir auch nicht ständig infrage. Warum aber gibt es immer mehr hilfsbedürftige Kinder? Werden sie dümmer? Nein, wir haben kluge Kinder, die lernen wollen, aber viele können sich aufgrund ihrer egozentrischen Verhaltensweise immer weniger in eine Gruppe integrieren, zuhören, mitdenken, sich an Regeln halten. Dieser kindlichen Selbstbezogenheit steht die Schule immer hilfloser gegenüber. Aber da ist es gut, wenn man ein schwarzes Schaf hat: die Methode "Lesen durch Schreiben".

Claudia Franz Grundschullehrerin in Heidelberg

Schüler werden zu Robotern

So, jetzt reicht's mir wirklich! Dieses dauernde Meckern über "Lesen durch Schreiben". Ich war 44 Jahre Volksschullehrer (Jahrgangsstufe eins bis neun), davon 35 Jahre in der Jahrgangsstufe eins und zwei tätig. So viele "dämliche" Fibeln hab ich kennengelernt, bis ich die letzten 15 Jahre meines Lehrerdaseins auf "Lesen durch Schreiben" gestoßen bin ... und das im bayerischen Voralpenland, wo doch "die Bayern solche potenziellen Scharlatanerien erst gar nicht reingelassen haben" (Zitat aus Ihrem Artikel!). Ich kenne so viele bayerische Kolleginnen und Kollegen, die es gewagt haben, dass die Kinder nach dieser Methode sich selbst das Lesen und Schreiben beibringen. Meine Erfahrung: Es funktioniert prima. Und das Beste daran: Die Kinder haben eine Freude am Schreiben, die einfach herzerfrischend ist. (So oft haben sie mich gefragt: "Du, Herr Schüssel, dürfen wir heute wieder schreiben?")

Haben Sie gerne Aufsätze geschrieben? Ich nicht! Und dass die Kinder die Rechtschreibung nicht lernen, das stimmt nach meiner Erfahrung überhaupt nicht. Meine Klassen haben bei den in der zweiten Jahrgangsstufe flächendeckenden Rechtschreib-Vergleichs-Arbeiten ("Zweitklassabitur!") immer überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt. Warum? Sie hatten gelernt, Wörter genau nach ihrer Lautfolge "abzuhören", und hatten Rechtschreibstrategien internalisiert.

Momentan betreue ich in einer Kindertageseinrichtung dreimal pro Woche Grundschulkinder bei den Hausaufgaben. Ich bin echt geschockt, wenn die Erstklässler mit ihrem Fibel-Arbeitsheft zu mir kommen und mir sagen: "Morgen kommt das M, m dran, siehst du, aber ich darf es heut' noch nicht wissen, weil wir lernen es erst morgen." (Die Kinder kennen den Buchstaben längst!) Leider muss ich Sabine Czerny beipflichten: Schule macht viele Kinder zu "Lernrobotern" und vergisst zunehmend, dass es nicht nur um "Hirnschmalz", sondern vor allem um Herzensbildung gehen muss!

Hannes Schüssel, Andechs

© SZ vom 03.12.2018

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