"Elektrokinder" vom 19./20. November führt faktenreich vor Augen, dass die Bundesregierung die Bildungsplanung der IT-Industrie übergibt. Das ist tatsächlich ein "Strategiewechsel" - vom humboldtschen Bildungsideal zur technokratischen Konditionierung, geschickt vermarktet. Vordergründig geht es darum, dass unsere Kinder zu gegebener Zeit die Beherrschung der digitalen Geräte lernen müssen. Das sollen sie auch. Sie tun es übrigens auch ohne Schule schon so viel, dass eher die Geräte sie beherrschen. Es geht aber in Wirklichkeit um eine Neuausrichtung, nämlich die Übernahme der Erziehung selbst durch digitale Medien bereits in den Kitas; das ist der "Strategiewechsel". So wie bei der Industrie 4.0 Maschinen die Produktion selbständig steuern sollen, sollen Computer und Algorithmen das Erziehungsgeschehen autonom steuern. Dafür liegen die Konzepte ausgearbeitet vor.
Die scheinbare Individualisierung des Lernens durch digitale Medien ist eine Entmündigung, ein Milliardengeschäft - und nicht zuletzt ist es ein Programm zur Einsparung von Lehrern und Erziehern.
Beim IT-Gipfel "Digitale Bildung" defilierten alle Branchenbosse von Google bis Bitkom, sie leiteten sogar Workshops, die pädagogische Wissenschaft blieb außen vor. Das, was in den digitalen Bildungsvorstellungen der IT-Branche als individualisierter Unterricht angepriesen wird, ist vom Menschen befreiter Frontalunterricht. Der sozialisierende, gemeinschaftsbildende Klassenverband entfällt, die pädagogische Atmosphäre, erzeugt durch den Lehrer, weicht technischer Kälte, Berechenbarkeit und Konditionierung.
Wer behauptet, digitale Lehrangebote würden die angebliche digitale Spaltung aufheben, argumentiert wissentlich an der Realität vorbei. Gerade sozial benachteiligte Kinder verfügen über mehr Unterhaltungselektronik (Smartphones, Tablets, Wifi-Spiele) und verbringen mehr und unkontrollierte Zeit mit digitalen Medien. Die digitalen Geräte vertiefen soziale Spaltungen, weil Kinder dieser Schichten mehr von negativen Auswirkungen betroffen sind als Kinder aus Elternhäusern, in denen viel miteinander gesprochen, gespielt, gesungen, gebastelt wird, in denen Sport getrieben, Bücher gelesen oder musiziert wird.
Wer Bildungschancen erhöhen will, muss in Lehrkräfte, kleine Klassen und Förderprogramme investieren. Peter Hensinger, Stuttgart
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