"Kinder brauchen beide Eltern - zu gleichen Teilen" vom 29. März über das Wechselmodell nach einer Scheidung:
Ich bin selbst Wechselmodellmutter und kann die Nachteile, die dieses Modell mit sich bringt, aus eigener Erfahrung beschreiben. Auf den ersten Blick ist die komplizierte Lage der Wechselmodellkinder gar nicht zu erkennen: Wenn man sie fragt, ob sie das Modell gut finden, antworten sie ohne zu zögern sofort mit "Ja" (was die Studien dann eine kindliche Favoritisierung des Wechselmodells nennen). Erst beim zweiten Hinsehen fällt auf, dass diese Kinder nie etwas davon erzählen, was sie im Haushalt des anderen Elternteils erlebt haben. Bei einer Nicht-Kommunikation zwischen den Elternteilen ("parallele Elternschaft") werden die Kinder nicht gemeinsam erzogen, sondern "wandeln" zwischen zwei Welten: In jeder Welt werden komplett andere Werte vermittelt, ein Austausch über die Werte findet zwischen den Eltern jedoch nicht mehr statt.
Die Kinder übernehmen nun eine Aufgabe, die eigentlich von den Erwachsenen zu erledigen wäre: Sie müssen die beiden Welten, in denen sie sich nahezu paritätisch aufhalten, innerlich zusammenbringen, haben jedoch niemanden, der sie bei dieser Aufgabe unterstützt. Sie können sich nicht fallen lassen, da sie ja aus Loyalitätsgründen mit niemandem darüber sprechen. Wechselmodellkinder sind daher oft innerlich unendlich einsam. Ihnen wird ein großes Stück Kindheit genommen. Meine Tochter zum Beispiel verheimlicht manchen Kindern das Wechselmodell mit der Begründung, sie wolle die anderen Kinder nicht verunsichern mit ihren beiden "Zuhauses". Unsere Kinder fühlen sich eigentlich wie Objekte und machen sich sogar selbst bereitwillig dazu - sie haben regelrecht verinnerlicht, dass sie dazu da sind, gerecht geteilt zu werden. Neben diesen in meinen Augen schädlichen Auswirkungen habe ich die Vermutung, dass die Einführung eines Wechselmodells als Standardlösung dazu führen wird, dass sich immer mehr Väter trennen werden - das Modell schafft geradezu den Anreiz dafür. Neulich habe ich gelesen, dass die Zahlen der Trennungen in den Ländern, die das Wechselmodell als Standardmodell eingeführt haben, am größten sind. In Norwegen beispielsweise leben mittlerweile 50 Prozent aller Eltern getrennt. Ich verstehe nicht, warum man nicht auch darüber spricht.
Elisa Leiser, Schwerin
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