Rohstoffpreise:Mangelwirtschaft

Lesezeit: 3 min

Autoproduktion in einem VW-Werk in Sachsen: Abwanderung ist angesichts der Krise nicht die richtige Antwort. (Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Teure Rohstoffe und Lieferengpässe: Die Materialknappheit erreicht quer durch alle Branchen einen neuen Höchststand - mit zum Teil drastischen Folgen für Hersteller und Kunden.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Bei VW bremst der Chipmangel die Fertigung, in der Bauindustrie fehlt es an Stahl und bei Ikea ist Regal Billy nicht mehr überall verfügbar. Der Materialmangel erreicht im September quer durch alle Branchen ein Rekordhoch. "Fast 80 Prozent der Industriebetriebe haben Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen. Zum einen sind die Produkte schlicht nicht verfügbar und falls doch nur zu deutlich höheren Preisen", sagt Klaus Wohlrabe, Stellvertretender Leiter des Ifo Zentrums für Makroökonomik.

Halbleiter, Metalle, Holz, Kunststoffe und alle daraus gewonnenen Produkte und Teile fehlen. Durch die Pandemie wurde weltweit in wichtigen Branchen die Produktion reduziert, in Asien mussten beispielsweise Halbleiterfabriken teils komplett schließen. Viele Produzenten reagierten mit drastischen Einschnitten. "Es war lange Zeit unklar, wie wir aus der Krise rauskommen. Daher haben die Unternehmen ihre Produktionen runtergefahren und Bestellungen storniert. Das verschärft noch einmal die Dringlichkeit der Nachfrage", erklärt Marc Staudenmayer, Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Advyce.

Egal, ob kleiner Handwerksbetrieb oder börsennotierter Konzern - betroffen sind alle

Fehlende Frachtkapazitäten treiben die Transportkosten zudem noch weiter nach oben. Unterm Strich belasten kräftige Preisanstiege die Unternehmen. Kupfer und Aluminium liegen seit Jahresbeginn mit rund 60 Prozent und 40 Prozent im Plus, der Preis für Kunststoff-Granulat hat sich vervielfacht. Anhaltend hoch bleibt auch der Ölpreis. Besonders schwer getroffen ist die Autoindustrie und deren Zuliefererbranche. Wegen fehlender Halbleiter rechnet die Beratungsfirma Alix Partners mit einem Rückgang der Einnahmen um 179 Milliarden Euro und einem Produktionsausfall von 7,7 Millionen Fahrzeugen.

Ebenso schwierig ist die Lage für Hersteller von elektrischen Ausrüstungen, Gummi- und Kunststoffhersteller sowie Maschinen- und Metallbauer. Egal, ob kleiner Handwerksbetrieb oder börsennotierter Konzern, betroffen sind alle. "Es ist ein Dominoeffekt, der sich zwangsläufig auf die gesamte Lieferkette auswirkt. Zuletzt sind dann auch die Endkunden betroffen, die eigentlich ihr in der Pandemie angespartes Geld jetzt ausgeben möchten", sagt Wohlrabe.

Die Handlungsoptionen der Unternehmen sind beschränkt. "Im Mittelstand sind steigende Rohstoffpreise ein kaum beherrschbares Risiko. Das liegt vor allem daran, dass kleine und mittlere Unternehmen Instrumente zur Preisabwehr nicht effektiv nutzen können", sagt Staudenmayer. So sei Hedging, die Absicherung gegen Preisanstiege durch Termingeschäfte, wegen der hohen Risikoaufschläge für viele schlicht keine realistische Handlungsoption.

Um sich gegen Verteuerungen dennoch zu wappnen, sollten Unternehmen mit ihren Lieferanten Festpreise vereinbaren. Allerdings werden diese, wenn überhaupt, in der aktuellen Situation lediglich für kurze Zeiträume akzeptiert. Alternativ lassen sich gedeckelte Preisgleitklauseln vertraglich festlegen, die regelmäßig - zum Beispiel alle sechs Monate - angepasst werden.

Zur Absicherung der Lieferkette brauchen Firmen mehr Kapital

Die Preisanstiege verteuern auch die eigenen Produktkosten. Auf diesen Margendruck reagieren viele Betriebe, wie die aktuelle ifo-Befragung zeigt. So plant mindestens jedes zweite Unternehmen Preiserhöhungen. Diese können die Unternehmen aber nur weitergeben, wenn der Markt sie auch akzeptiere, warnt Berater Staudenmayer: "Im globalen Wettbewerb sind Preissteigerungen ein sensibles Thema, da haben deutsche Hersteller gegenüber der asiatischen Konkurrenz ein Problem." Bei vielen Betrieben wird sich die Ertragslage wohl verschlechtern. Da der Materialmangel die Unternehmen im Aufschwung mit vollen Auftragsbüchern trifft, sind die Effekte zwar schmerzhaft, aber nicht bedrohlich.

Preissteigerungen und volatile Beschaffungsmärkte erschweren vor allem das Einkaufsmanagement. Zur Absicherung der Lieferkette braucht es mehr Kapital, um die Lagerhaltung bedarfsgerecht aufzustellen. Mangelnde Planungssicherheit erhöht zudem den Liquiditätsbedarf der Betriebe. Staudenmayer empfiehlt Finanzierungsmittel wie Sale and Lease back und Factoring zu nutzen, um wichtige Finanzpuffer zu schaffen. Neben Einkaufskooperationen mit Wettbewerbern aus der Branche können mit Lieferanten vereinbarte Mindestabnahmemengen und abgestimmte Lieferpläne insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen die Versorgungssicherheit erhöhen.

Experten raten langfristig aber auch zu strategischen Entscheidungen. Denn die Corona-Krise hat der deutschen und europäischen Wirtschaft ihre Abhängigkeit ganz deutlich vor Augen geführt. Erst haben die Grenzschließungen aufgrund der nationalen Lockdowns den Warenfluss im EU-Binnenmarkt gekappt. Und nun ausgerechnet im Aufschwung sind Firmen von globaler Rohstoffknappheit betroffen.

Unternehmen müssen resilienter werden

Laut der Deutschen Rohstoffagentur kommen derzeit 17 der 27 Rohstoffe, die seitens der EU als "kritisch" eingestuft werden, vorrangig aus China. "Die Globalisierung war eine gut geölte Maschinerie mit just in time Lieferung aus China. Aber jetzt ist bei der Logistik Sand im Getriebe. Die Unternehmen müssen sich diverser aufstellen", sagt Wohlrabe, der auch Leiter der Ifo-Umfragen ist. Bei Lieferanten und Zulieferern sei eine Verlagerung nach Deutschland oder Europa zu prüfen. Durch Regionalisierung könne sich die deutsche Industrie von internationalen Trends entkoppeln und resilienter werden.

Der Umbau von Lieferketten bringt gerade kleinen und mittleren Betrieben hierzulande Vorteile. "Die Veränderungen am Beschaffungsmarkt sind nun auch eine große Chance für den deutschen Mittelstand. Die Unternehmen können sich in neuen Wertschöpfungsketten eine wichtige Rolle sichern", sagt Wohlrabe.

Diese Wachstumsaussichten kommen den Unternehmen gelegen. Denn die aktuell schwierige Lage drückt auf die gesamte Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Das zeigt der aktuelle Ifo-Geschäftsklimaindex, der im September zum dritten Mal in Folge ein Minus verzeichnet und auf 98,8 Punkte fällt. "Die Krise bei den Vorprodukten wird sich noch bis Ende des Jahres hinziehen, daher können die Aufträge auch erst 2022 abgearbeitet werden", sagt Ifo-Experte Wohlrabe.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: