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Rhetorik an Hochschulen:Respekt, ein gutes Argument

(191105) -- LONDON, Nov. 5, 2019 -- Lindsay Hoyle is seen at the House of Commons in London, Britain on Nov. 4, 2019. L

Bei Studenten-Wettbewerben nehmen sich die Rednerinnen und Redner den Ablauf einer britischen Parlamentsdebatte zum Vorbild.

(Foto: Imago)

Einige Hochschulen haben Klubs, an denen Studenten das Debattieren erlernen - und dabei Erstaunliches erleben.

Von Joachim Göres

Was ist von einer westlichen Militärintervention ohne UN-Mandat in einem Land zu halten, das nicht darum gebeten hat? Eine Frage, mit der sieben Studenten und eine Studentin im Finale der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft 2020 konfrontiert wurden. Die Finalisten bildeten vier Zweier-Teams: Dominik und Joschka (Tübingen) sowie Jonas und Philipp (Oxford) trugen die Argumente gegen einen militärischen Angriff vor, Marius und Samuel (Tübingen) sowie Anna und Tim (Heidelberg) übernahmen die Gegenposition. Ein vom Verband der Debattierclubs an Hochschulen veranstalteter Wettstreit, der in Präsenz, aber praktisch ohne Zuschauer und unter strengen Hygieneauflagen stattfand.

Beim Verband gelten strenge Regeln: Jede Rede darf nur sieben Minuten dauern

Die eigene Meinung spielt bei diesen Wettbewerben keine Rolle - ob man pro oder contra argumentierte, wurde ausgelost. Die Teams erfuhren erst 15 Minuten vor der Debatte das Thema und die Haltung, die sie dazu einnehmen sollten. Ihnen blieb also wenig Zeit für die Vorbereitung. Jede Rede darf nur sieben Minuten dauern, der genaue Ablauf ist nach den BPS-Regeln festgelegt - die Abkürzung steht für British Parliamentary Style. Vorbild ist der Ablauf einer britischen Parlamentsdebatte. Dabei beginnt der Redner der Regierung mit seiner einführenden Stellungnahme zum Thema, worauf die Opposition mit ihrer gegensätzlichen Sicht der Dinge reagiert. Immer im Wechsel ergänzen die weiteren Redner die Argumente ihrer Seite und versuchen dabei, die gehörten Gegenargumente zu entkräften. Am Ende fasst der jeweilige Schlussredner den eigenen Standpunkt zusammen.

Rund 40 Vereine mit Namen wie "Debattierclub", "Wortgefechte", "Redekunst" oder "Debating Union" gibt es zwischen Kiel und München an deutschen Hochschulen und Universitäten, in denen meist nach den BPS-Regeln regelmäßig auf Deutsch oder Englisch über politische und gesellschaftliche Themen gestritten wird. Wen zieht es in solche Klubs - notorische Rechthaber, nicht ausgelastete Überflieger, eitle Selbstdarsteller, künftige Volksvertreter?

"Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, das braucht man auch gar nicht. Aber ich denke durch die Debatten mehr über die Gesellschaft nach", sagt Yara Remppis. Sie studiert in Tübingen Psychologie und beklagt, dass im bisherigen Studium wenig Reflexion und eigenes Denken und dafür viel Auswendiglernen gefragt sei. "Da ist das Debattieren für mich eine sehr gute Übung. Ich will besser werden, mehr Struktur in meine Reden bekommen und mehr auf die Argumente anderer eingehen", sagt die 20-Jährige und ergänzt: "Ich höre anderen besser zu, lerne, mich in ihre Positionen hineinzudenken, überprüfe stärker meine eigene Haltung." Das sei wichtig, damit ein Gespräch bei unterschiedlichen Meinungen nicht scheitert. Das freie Sprechen vor unbekannten Menschen falle ihr nicht so schwer. Remppis: "Man findet im Klub eine sehr persönliche Atmosphäre, es entstehen Freundschaften. Ich fühle mich hier sehr zu Hause."

Derzeit sind die Diskussionsgruppen kleiner: Online-Debatten mögen manche nicht

Konstantin Krüger studiert in Heidelberg Jura. Auch der 23-Jährige äußert Kritik am Studienalltag: "In den Uni-Veranstaltungen ist es üblich, seine Meinung zu äußern, ohne sich auf andere zu beziehen. Generell wird wenig infrage gestellt, sondern es gilt das Motto: Das haben wir immer schon so gemacht." Dagegen setze man sich im Debattierklub kritischer mit Inhalten auseinander und diskutiere intensiver. Neben dem Redewettstreit gehe es auch darum, Spaß zu haben und über persönliche Dinge sprechen zu können.

Der direkte Kontakt ist unter Corona-Bedingungen nur eingeschränkt möglich - die Debatten laufen online, und das ist nicht jedermanns Sache. "Wir sind normalerweise zehn Studierende, derzeit machen nur fünf mit", sagt Alena Haub vom Debattierclub Johannes Gutenberg aus Mainz. "Bei uns haben wir Studierende mit sehr guten Leistungen in ihrem Fach, aber es gibt auch welche, die wegen ihres Engagements im Klub längere Studienzeiten in Kauf nehmen", betont die 23-Jährige, die Biologie in Mainz studiert. Die Themen ihrer wöchentlichen Debatten schlagen die Mitglieder vor und stimmen darüber ab. Dabei gilt laut Haub das Prinzip der Fakten: "Ein mögliches Thema wäre: 'Sind die bisherigen Maßnahmen gegen den Klimawandel sinnvoll?' Nicht möglich wäre: 'Gibt es den Klimawandel?'"

Haub schätzt bei den Debatten den Kontakt zu Studierenden aus anderen Fächern sowie den respektvollen Umgang auch bei unterschiedlichen Positionen. "Das Reden vor anderen stärkt das Selbstbewusstsein. Je mehr Routine man bei den Debatten hat, umso eher weiß man, worauf andere Redner hinauswollen", sagt die junge Frau, die bei den Grünen aktiv ist. Auch sie würde sich Veränderungen in ihrem Studium wünschen: "Mehr Aktualität und der Blick über den Tellerrand wie im Debattierklub wäre gut. Ich würde mich gerne mehr mit Bioethik beschäftigen, doch das ist in den Seminaren kaum Thema."

Egal ob es um Kindergärten geht oder die Situation auf der Krim - die Themen polarisieren

Daniel August hat sein Physikstudium bereits beendet und besucht weiter den Debattierclub Hannover. "Ich bin an Politik und Gesellschaft interessiert, Themen, die in meinem Studium keine Rolle spielten. Deswegen sind die Treffen für mich eine gute Möglichkeit, mich mit aktuellen Fragen auseinanderzusetzen", sagt der 32-Jährige. Die Diskussionen kreisen um sehr unterschiedliche Fragen aus Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit. "Sollen Kindergärten rund um die Uhr offen sein?" Oder: "Soll der russische Botschafter in Deutschland nach der Krimbesetzung rausgeschmissen werden?" August nennt Themenbeispiele, über die er debattiert hat. Für ihn eine gute Übung, um sein Lampenfieber vor Publikum zu überwinden. "Man bekommt von erfahrenen Klubmitgliedern Hinweise, was man gut und schlecht gemacht hat, das hilft mir auch für meine Vorträge auf wissenschaftlichen Konferenzen", sagt der Absolvent und fügt hinzu: "Manchmal ändert man durch gute Gegenargumente in der Debatte auch seine eigene Meinung. Ich bin im Osten aufgewachsen und habe mit Religion nicht viel zu tun. Durch die Debatten habe ich gemerkt, welche Bedeutung Religion hat und dass eine Welt ohne Religion möglichweise schlimmer wäre."

In seinem einstigen Debattierklub in Jena und seinem aktuellen in Hannover gibt es mehr Männer als Frauen. Insofern verwundert auch nicht die männliche Dominanz bei der Deutschsprachigen Debattiermeisterschaft des vergangenen Jahres. Sieger wurden übrigens nach dem Urteil einer Jury Joschka Braun und Dominik Hermle vom Verein Streitkultur aus Tübingen. Sie wiesen in ihren Reden darauf hin, dass der militärische Einmarsch in ein fremdes Land zu vielen Toten und zur Solidarität der Bevölkerung mit der angegriffenen Regierung führe. Wirtschaftliche Sanktionen seien die bessere Alternative.

Die Finalrunden für die Deutschsprachige Debattiermeisterschaft 2021 sind für den 5. und 6. Juni geplant. In welcher Form sie stattfinden können, ist angesichts der Krisensituation derzeit noch unklar. Nähere Informationen finden sich auf dem Portal des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen.

© SZ/ssc/mai
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