Rente:Reformstau bringt alle unter Druck

Länger arbeiten, weniger Bezüge: Dieser Trend führt bei vielen Menschen zu Verdruss. Von Wahl zu Wahl schiebe die Politik das Thema vor sich her, monieren Leser, bis das System gar nichts mehr leisten kann.

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Zu "Die Politik drückt sich" vom 10. Juni, "Die Idee, die keiner will", 9. Juni, sowie zu "Weniger geben, mehr nehmen", 1. Juni:

Wahl verhindert Zukunftsdebatte

Die Politik drückt sich seit Jahrzehnten vor einer Revolutionierung des Rentensystems. Wenn jetzt in Bälde die geburtenstarken Jahrgänge in den Genuss dieser staatlichen Wohltat kommen, dann wird es natürlich von 2025 an zu der einen oder anderen Kalamität kommen. Norbert Blüms Kassenschlager "Die Rente ist sicher" gilt nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen. Es fragt sich nur, in welcher Höhe sie sicher ist.

Das Problem der Politik (aller Parteien) ist, dass politische Entscheidungen immer nur mit dem versteinerten Blick auf die nächste Wahl erfolgen. Von Grundsatzdiskussionen wird dabei Abstand genommen. Man wurschtelt so vor sich hin. Wenn dann wie jetzt in der Corona-Pandemie eine "Heimsuchung" dazukommt, dann ist die Experimentierfreude, neue Diskussionen anzustoßen, noch geringer ausgeprägt. Ausbaden müssen es zum Schluss die von der Rente betroffenen Menschen.

Dr. Detlef Rilling, Scharbeutz

Kleine Korrekturen helfen nicht

Die gesetzliche Rente (im Grunde der gesamte Komplex Vorsorge und Altersversorgung) ist ein (negatives) Paradebeispiel dafür, dass eine kurzsichtige, vor allem auf die nächste Wahl fixierte Politik eine ihrer wichtigsten Aufgaben so verschleppt und durch Beschlüsse und Unterlassungen verschärft, dass diese schließlich nur noch durch drastische Maßnahmen oder nicht mehr erfüllt werden kann.

Spätestens seit der Diskussion um die Einführung einer Pflegeversicherung unter Blüm Mitte der 90er-Jahre werden die demografischen (und zum Beispiel bei der

Pflege auch die soziografischen) Faktoren intensiv untersucht und auch in der Öffentlichkeit diskutiert. Schon damals war bekannt, dass die Balance zwischen Beitragszahlern und Leistungsempfängern spätestens 2030 stark gestört sein würde.

Es gab dann einige kleine Korrekturen durch Drehen an den Stellschrauben der Rentenformel, aber auch eine Fülle von politischen Beschlüssen, die das System massiv belasten. Man darf der nächsten Bundesregierung schon jetzt viel Erfolg wünschen bei dem wohl nicht mehr auf den Sankt-Nimmerleinstag verschiebbaren Versuch, künftigen Generationen wenigstens das Allerschlimmste zu ersparen.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Berlin

Kürzung durch die Hintertür

Eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters, um das Ziel einer Balance zwischen Erwerbszeit und Rentenbezugszeit zu erreichen, bedeutet für viele Arbeitnehmer de facto eine Rentenkürzung durch die Hintertür - und das bei einem weiter sinkenden Rentenniveau. Denn nur wenige können voll bis zur Vollendung des 68. Lebensjahrs arbeiten. Die Betroffenen werden dann in Altersarmut geraten und Grundsicherung beantragen müssen.

Solange die Rentenfinanzierung mit dem Umlageprinzip an die Erwerbstätigkeit gekoppelt ist und Firmen mit weitgehend automatisierter Produktion und hoher Wertschöpfung keinen Beitrag (Maschinensteuer) leisten müssen, wird es eine sozial verträgliche Lösung für das aus Demografiegründen in Schieflage geratende staatliche Rentensystem nicht geben. Da hilft auch keine Kosmetik mit der Wiedereinführung des Nachholfaktors.

Stefan Kaisers, Gießen

Renten für Gutverdiener deckeln

Es gibt keinen anderen Ausweg: Das Renteneintrittsalter muss sich nach hinten verschieben! Auf mindestens 68 oder gar 70 Jahre. Wer also gesund ist, soll länger arbeiten, länger ins Solidarsystem einzahlen! Unsere Lebenserwartung steigt aufgrund guter medizinischer Versorgung und eines besseren Bewusstseins für Ernährung und Fitness (...) immer weiter an. Die Rentenkasse muss nun - bei sinkender Zahl derer, die einzahlen - jedes Jahr steigende Beträge auszahlen. Auf Dauer ist das für folgende Generationen kaum zu stemmen.

Auch Vorruhestandsregeln, also die Möglichkeit, bereits mit Mitte oder Ende fünfzig in den Ruhestand zu gehen, gehören auf den Prüfstand. Das sollte lediglich Arbeitenden zugestanden werden, die gesundheitlich eingeschränkt sind. Zudem muss über eine Höchstrente nachgedacht werden. Gut Verdienende haben die Möglichkeit, privat vorzusorgen. Rentensteigerungen sollten daher gedeckelt werden und nur für geringere Pensionszahlungen gelten.

Achim Bothmann, Hannover

Grundlagen stimmen nicht mehr

Soweit ich mich erinnern kann, war einst die Rentennorm für Männer bei Erreichen des 65. Lebensjahrs und 50 Beitragsjahren. Bei Frauen mit 60 und nach 45 Beitragsjahren. Wir erreichten diese Norm nach 49 (Mann) Beitragsjahren und 65 Lebensjahren, die Frau mit 48(!) Betragsjahren und ebenfalls 65 Lebensjahren. Heutzutage lesen wir immer wieder von 35 Beitragsjahren und variablem Lebensjahr. Eine Beitragsdifferenz also von circa 15 Jahren. Es muss schon ein besonderer Algorithmus sein, der diese Beitragsdifferenz bezahlt. Wir können das jedenfalls logisch nicht nachvollziehen.

Ludwig Stemmer, München

Entwürdigung an der Tafel

Alle Rentner haben ihre Renten bereits im Berufsleben in die Rentenkasse eingezahlt. Da der Staat diese Rentenkasse immer wieder für andere, oft sinnlose, Projekte geplündert hat, müssen unsere Kinder durch ihre Beiträge nun für unsere Renten mehr bezahlen. Uns Rentner trifft hier keine Schuld, dass die Lage so ist, und uns nun als das schwächste Glied in der Gesellschaft für diese Misere büßen zu lassen, ist eine Unverschämtheit.

Die Rentenerhöhungen der vergangenen Jahre haben nur knapp den Inflationsverlust ausgeglichen, erst die letzten beiden Erhöhungen haben diesen Zustand für uns Bezieher der Altersrenten etwas verbessert. Klar, es kommen ja Wahlen!

Es gibt viele ältere Menschen, die sich sehr, sehr einschränken müssen und trotzdem mit der Rente nicht zu Rande kommen; die oft im Winter die Heizungskosten nicht tragen können und in kalten Räumen mit Mantel leben. Was soll das mit den Kürzungen der Renten also, sollen diese Menschen in Zukunft unter den Isarbrücken hausen? Es gehen heute viele Rentner oft zu Tafeln, um Lebensmittel, die Einkaufscenter bereitgestellt haben, dort abzuholen. Ist das nicht entwürdigend für Personen, die oft weit mehr als 40 Jahre gearbeitet haben? Josefa Grimm, Grassau

Alle sollen mitfinanzieren

SPD-Minister Heil will zur Stabilisierung der Rentenkasse die Selbständigen mit einbeziehen, dieses finde ich richtig. Aber warum nicht auch die Beamten?

E. Lilli Glabsch, Henstedt-Ulzburg

Die Systeme trennen

In diesem Jahr werden schon 106 Milliarden Euro aus Steuermitteln an Sozialrentner ausgezahlt. Diesen Betrag kann man nicht unbegrenzt steigern, weil ein Großteil dieser Milliarden von Steuerzahlern aufgebracht wird, die nie Sozialrente werden beziehen können. Es geht nicht an, dass diese Steuerzahler, die ihre Altersversorgung ohne 50-prozentigen Zuschuss irgendeines Arbeitgebers in voller Höhe selbst aufbringen müssen, auch noch 30 Prozent der Sozialrenten bezahlen.

Diese Systeme müssen getrennt werden in eine reduzierte Sozialrente, deren Höhe von den gezahlten Beiträgen abhängt, und eine zusätzliche steuerfinanzierte Grundrente für alle in beitragsunabhängiger Höhe, die bei den Sozialrentnern die Reduzierung der Sozialrente mindestens in voller Höhe ausgleicht. Durch Ersparnisse bei der Sozialhilfe und der Grundsicherung im Alter wäre dies auch finanzierbar.

Rudolf Schmidt, Dorsten

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© SZ vom 19.06.2021
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