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Rassismus im Fußball:Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

SZ-Leser reagieren sehr kontrovers auf die umstrittenen Äußerungen des Schalke-Funktionärs Clemens Tönnies. Manche finden sie kontraproduktiv, andere geschmacklos und wieder andere verstehen ihn.

10 08 2019 Fussball Saison 2019 2020 1 Runde DFB Pokal SV Drochtersen Assel FC Schalke 04 F

Nach den Äußerungen des Schalke-Trainers fordern zahlreiche Fans auf Bannern: „Tönnies raus“.

(Foto: Tim Rehbein/imago)

Zu "Vor der Zerreißprobe", "Wir dürfen uns nicht selbst zerfleischen" und "Kritik an Urteil im Fall Tönnies", alle vom 8. August, und "Weit jenseits der Außenlinie" vom 5. August:

Ein falsches Signal

Die Äußerung von Clemens Tönnies betreffend die Förderung des Kraftwerkbaus in Afrika und die Zeugungsfreudigkeit der Afrikaner bei Dunkelheit ist entsetzlich. Darüber besteht glücklicherweise große Übereinstimmung in Gesellschaft und Politik. Dass sich Herr Tönnies dafür entschuldigt hat, ist richtig und wichtig. Das war keine launige Bemerkung außerhalb des Manuskripts, sondern offenbart seine tief verwurzelte Geringschätzung des afrikanischen Kontinents und seiner Bewohner. Er bestätigt sein beschränktes Weltbild dadurch, dass er nicht die Einsicht besitzt, vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04 zurückzutreten.

Fast noch schlimmer ist es, dass die Äußerung von Clemens Tönnies keine unmittelbare Empörung im Auditorium hervorgerufen hat. Nicht nur ging Tönnies davon aus, sich der Zustimmung der Handwerker sicher zu sein, es war ganz offensichtlich auch so. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die in Paderborn versammelten Repräsentanten dieses Standes. Gerade im Handwerk sollen doch viele Migranten beruflich in Deutschland Fuß fassen. Integration vor diesem Hintergrund wird noch schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Integrationskurse für Handwerksmeister scheinen mir dringend und zwingend geboten.

Hans-Jürgen Hein, Lübeck

Das soll Rassismus sein?

Dieser Artikel reiht sich zwanglos in eine seit Tagen anhaltende Serie aufgeregter und weitschweifiger Aufschreie der Medien darüber ein, dass der Schalke-Manager Tönnies für gewisse Äußerungen in einer Ansprache nicht härter bestraft wird. Dieser Aufregung müsste ja wohl eine erhebliche Anstößigkeit jener Äußerungen zugrunde liegen. Es ist mir aber nicht gelungen, herauszufinden, was Tönnies wirklich gesagt hat.

Gemessen an der herrschenden Empörungstemperatur müssten die Äußerungen derart abstoßend und unsittlich gewesen sein, dass keine Zeitung sich getraut, sie wiederzugeben. Wie soll ich mir unter diesen Umständen eine eigene Meinung bilden? Dem Artikel der SZ entnehme ich immerhin, Tönnies habe in seiner Ansprache die Vermutung geäußert, dass in Afrika wegen der Häufigkeit nächtlichen Stromausfalls mangels anderer Betätigungsmöglichkeiten besonders viele Kinder gezeugt würden. Wenn das der Grund für die ganze Aufregung sein sollte, dann würde ich sagen: Das soll Rassismus sein?

Ernst Terhardt, München

Gar nicht witzig

Endlich mal ein klares, griffiges, rundes Thema: der Fußball. Ganz was anderes als diese widerlichen, unlösbar erscheinenden gordischen Knoten bei Themen wie Brexit, Flüchtlinge, Klima, Schule, Glyphosat, Maut et cetera. Dieser Ball hat doch so schöne Eigenschaften: Er ist für alle da. Bei ihm verschwinden sogar spielerisch alle Grenzen. Aber stimmt das wirklich? Erlaubt der Fußball auch das Überschreiten der Grenzen der Menschenwürde? Jetzt, wenn Worte im Sinn der Fürstin Gloria fallen, wenn ein Ehrenrat die Fahnen hierzu hochhält, wenn schon Christliche relativieren, wenn Parteiaustritte anstehen, soll dann nicht endlich alles auch mal wieder gut sein? So tönt es jedenfalls von höheren Ebenen. In den Stadien gibt's doch bei "farbigem" Ballbesitz schon etwas weniger Pfeifen und auch etwas weniger Gebuhe. Ich kann es wirklich nicht mehr witzig finden, wenn sich dieser Trend solche Blüten leistet. Jedem ist doch klar, ohne diese wunderbaren Ballkünstler wäre kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Ich wage kaum noch das schon abgegriffene Adjektiv: Wie bescheuert geht's noch?

Stephan Hansen, Ergolding-Piflas

Geschmacklos, mehr nicht

Da lacht die AfD. Eine bessere Bestätigung ihres ewigen "Aber das darf man ja nicht sagen" ist kaum vorstellbar. Die Herren Joachim Herrmann und Clemens Tönnies nehmen pointiert Stellung zu komplexen Themen - Tönnies leider auch mit als kulturell herablassend interpretierbaren Formulierungen -, und die kulturalistische Linke, vertreten durch Kulturarbeiter, Verbandsfunktionäre und wissenschaftliches Begleitpersonal, klagt an: Rassismus. Schon in der Sache ist der Vorwurf absurd.

Zu Herrmann: Die von ihm angesprochenen Leute sind ja gerade deshalb hier, weil ihre eigenen Herkunftsgesellschaften gewalttätig sind. Dass nicht alle Folgen der Befriedung unserer Kultur gleich beliebt sind, ist eine Tatsache. Dass das auch für Biodeutsche gilt, macht es für Migranten nicht falsch - auch nicht in der behaupteten stärkeren Ausprägung.

Zu Tönnies: In eine peinliche Zote verpackte gängige Positionen: Wohlstand senkt Geburtenraten, braucht aber Energie. Klimaschutz muss Wälder erhalten, vor allem in südlichen Ländern. Wachstum und Klimaschutz sind kombinierbar. Natürlich kann man sich über Gruppenzugehörigkeit gekränkt fühlen. Aber erstens gehört zum Erwachsensein dazu, nicht wegen allem und jedem beleidigt zu sein - dem grotesken aktuellen Empfindsamkeitskult zum Trotz. Zweitens und wichtiger: Wir sind eine individualistische Kultur. Man muss sich nicht jeden Schuh anziehen, der der vermeintlich "eigenen Gruppe" hingestellt wird. Drittens und am wichtigsten: Nichts an den Äußerungen von Herrmann und Tönnies ist biologistisch. Genau das ist aber Rassismus, es ist die pseudonaturwissenschaftliche Entmenschung von Menschen und nicht eine geschmacklose Formulierung über das vermutete Geschehen in afrikanischen Betten.

Dr. Andreas Patyk, Heidelberg

Kontraproduktiv

Ich kann in den Aussagen des Aufsichtsratschefs von Schalke 04 Clemens Tönnies nichts Rassistisches entdecken. Anders war dies 2001, als Gloria von Thurn und Taxis in einer Talkshow sagte, Afrika habe ein Aids-Problem, "weil der Schwarze gerne schnackselt". Diese Aussage war aus meiner Warte eindeutig rassistisch, denn sie unterstellte den Afrikanern beziehungsweise Menschen mit schwarzer Hautfarbe kollektiv, sie würden von Natur aus, also genetisch bedingt einen stark ausgeprägten und ungezügelten Sexualtrieb haben. Tönnies jedoch begründet seine Aussage nicht genetisch. Er sagt im Prinzip, wenn alle Afrikaner, so problemlos wie wir, Energie beziehen könnten, dann würden sie auch weniger Kinder zeugen. Er stellt also einen klaren Bezug zwischen ihrer sozialökonomischen Situation und ihrem Verhalten her. Die Aussage mag dümmlich, flapsig und zotig sein, doch rassistisch? Nein. Mir allerdings bereitet etwas ganz anderes Kopfzerbrechen: inwieweit diese kollektive Empörung von den AfD-Parteibonzen und der "braunen Brut" in ihrem Umfeld wieder als ein Beleg für die Denkverbote und Meinungszensur in der Presse gesehen wird. Bei jeder flapsigen Bemerkung - egal, wer sie macht - jedoch die Rassismuskeule auszupacken und eine öffentliche Empörungswelle loszutreten, erachte ich für den gesellschaftlichen Diskurs als kontraproduktiv.

Bernhard Kuntz, Darmstadt

Die Würde jedes Menschen

Außer für den Ehrenrat spielt es doch wohl keine Rolle, ob die nun oft zitierte Bemerkung des Herrn Tönnies rassistisch oder diskriminierend war. In jedem Fall ist sie so menschenverachtend, dass man Herrn Tönnies in der hoffentlich jahrelangen Pause die Lektüre des Grundgesetzes empfehlen möchte: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - die von Afrikanern, überall auf der Welt, und ebenso die der "im Dunklen produzierten" Kinder - auch überall auf der Welt.

Vita Heidenreich, Stuttgart

© SZ vom 27.08.2019

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