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Rassismus:Ertappt oder zu viel des Guten?

Ein Essay zur Selbsterkundung, wie viel Rassismus in jedem von uns steckt, hat gegensätzliche Leserreaktionen hervorgerufen.

Zu "Der Rassist in mir" vom 1./2. August sowie zu "Wir müssen reden", 11./12. Juli:

Der Autor nähert sich im Buch Zwei verurteilungsfrei und sensibel seinen eigenen, gern verdrängten und nicht für möglich gehaltenen Rassismen, die möglicherweise und wohl gar wahrscheinlich in ziemlich jedem weißen Erdenbürger stecken. Absolut geeignet als Bedienungsanleitung für den Rassismus-Abbau in sich selbst.

Georg Gerwing, Bielefeld

Intellektuell kann man dieser feinsinnigen Nabelschau eines weißen Rassisten etwas abgewinnen. Doch was fängt der Weiße mit seinem Weißsein und dem Wissen um seinen strukturellen Rassismus an? Handelt es sich nicht um Autorassismus, wenn Rassismus ausschließlich den Weißen unterstellt wird? Mehrheitlich ist die Welt bunt und nicht weiß, Rassismus ist leider ein globales Phänomen. Karigs Beitrag ist abgehoben und hilft den People of Colour in Deutschland nicht, die alltäglich handfesten Rassismus erleben.

Hans-Günther Vieweg, Garching

"Rassismus, eine Ideologie, die eine prinzipielle, mit biologistischen Argumentationen begründete Ungleichheit zwischen Menschen unterschiedlicher Abstammung behauptet, daraus den Überlegenheitsanspruch der jeweils eigenen Rasse oder Gruppe ableitet und aggressives, diskriminierendes Verhalten gegenüber Fremden fördert." Dieses Zitat macht die Komplexität von Alltagsrassismus deutlich, der sich in verbalen Äußerungen und Gesten gegenüber anderen Menschen äußern kann. Es geht um Abgrenzung, Ausgrenzung im täglichen Umgang mit Menschen anderer Nationen, nicht nur bezogen auf die Hautfarbe (wie im Artikel "Rassist in mir"), sondern auch der Kleidung, (etwa Kopftücher), religiösen Einstellungen, allgemeinen Lebensgewohnheiten, die als fremd und nicht zugehörig erscheinen. Rassismus ist ein Teil der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die wissenschaftlich unter anderem von Heitmeyer, Zick und Decker seit Anfang der 2000er Jahre regelmäßig untersucht werden. Es geht dabei um Antisemitismus, Islamophobie, Abwertung von Behinderten, Arbeitslosen, Obdachlosen und geschlechterspezifischen Ungleichheiten.

Die Äußerlichkeiten sind der Maßstab der Wahrnehmung dieser Menschen. Der Mensch als Subjekt tritt in den Hintergrund. Die Würde der Person wird somit verletzt. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es nur ein kleiner Schritt zu rechtsextremistischen Einstellungen und ein weiterer bis zu Morden in Halle und dem Mord an Walter Lübcke.

Udo Goldstein, Selm

Nach der Lektüre der Interviews in "Lass uns reden" war ich beschämt, denn ich würde gerne jeden fragen, woher er denn stamme. Nicht nur jene, die anders aussehen, als "die Deutschen", sondern auch Nachbarn, den Taxifahrer, meinen Arzt oder sonst wen. Schon am Klang der Sprache kann man manchmal auf die Region schließen, aus der jemand "zuagroast" ist. Ich finde es höchst bereichernd und spannend zu erfahren, was die Menschen antreibt. Manchmal habe ich meine Schüchternheit überwunden und die Frage möglichst diplomatisch gestellt. Bisher hat jeder freundlich und meist sehr ausführlich geantwortet und man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, mit großem Vergnügen. Ich habe die Geschichte ganzer Familienclans erfahren und mir manchmal selber die Frage gestellt, warum ich nie längere Zeit irgendwo auf der Welt gelebt habe. Ich kann versichern, dass eine Frage nach der Herkunft eines Menschen keinen unfreundlichen Akt darstellt, normalerweise. Andererseits verstehe ich natürlich, dass es auch nervig sein kann, regelmäßig Fragen dieser Art gestellt zu bekommen. Man kann doch auch stolz auf seine Herkunft sein und eine Frage, wenn sie denn freundlich gestellt wird, auch freundlich beantworten ohne Missgunst zu wittern. Neugierde ist doch zutiefst menschlich.

Gudrun Junkers, München

Ich komme aus Syrien und lebe seit 62 Jahren in Deutschland. Wir Ausländer, mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ohne, sollten nicht immer rassistische Motive vermuten, wenn eine Person uns fragt, wo wir herkommen, oder unsere deutschen Sprachkenntnisse kommentiert. Rassisten gibt es natürlich auch. Wir Ausländer sollen solche Fragen und Kommentare in erster Linie als ein Zeichen des Interesses an die gefragte Person interpretieren. Genauso wie wir fordern, nicht hinter jedem Ausländer einen potenziellen Kriminellen zu vermuten, können wir auch nicht bei solchen Fragen den annähernd 80 Millionen ethnischen Deutschen rassistische Motive unterstellen. Insofern ist so eine Antwort "durch die Tür", wie Frau Noa K. Ha auf die Frage "wo sie herkommt" zu geben pflegt, meines Erachtens nicht integrationsfördernd.

Jean Jano, München

© SZ vom 11.08.2020

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