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Pränataldiagnostik:Ein Test, der polarisiert

Was macht es mit dieser Gesellschaft, wenn es keine Menschen mit Downsyndrom mehr gibt? Dazu traf Kia Vahland jüngst in einem Kommentar eine klare Aussage. Leser sind darüber geteilter Meinung.

Trisomie 21

Porträts von Menschen mit Downsyndrom, die die Fotografin Britt Schilling aufgenommen hat. Gezeigt wurden sie in Bonn.

(Foto: Marius Becker/dpa)

"Behinderte bereichern" vom 25. September:

Teilhabe erleichtern

Sollte der (den Fruchtwassertest ersetzende Bluttest) allen Schwangeren von den Kassen bezahlt werden, dann könnte die "Bevölkerungsgruppe mit Downsyndrom" in Deutschland bald vom "Aussterben" bedroht sein, schreibt Kia Vahland in oben genanntem Kommentar. Selbst wenn das so sein sollte. Erlaubt dies den "Nichtbetroffenen" vorzuschlagen, den finanziell Benachteiligten den Test nicht zu bezahlen?

Auf Basis des (problematischeren) Fruchtwassertests haben heute alle schwangeren Frauen die Möglichkeit, ihre Entscheidung zu treffen. Diese Entscheidung fällt den Betroffenen schwer genug - wie immer diese Entscheidung ausfällt. Durch die Möglichkeit der pränatalen Diagnose ist auch in Deutschland die Zahl der geborenen Downsyndromkinder seit Jahren drastisch rückläufig - nicht nur in Dänemark und Belgien. Das kann man bedauern. Nun gibt es den weniger belastenden Bluttest für alle Schwangeren, die keine finanziellen Probleme haben. Die Frage ist nicht, ob "Ärzte ihn als Zusatzleistung anbieten", sondern ob der neue Test, der keine Fehlgeburten verursacht, auch finanziell Schwächeren zur Verfügung stehen soll. Diesen Test finanziell Schwächeren zu verweigern, damit es wieder mehr Downsyndromkinder gibt, die unser Leben "bereichern", ist vielleicht gut gemeint, aber auch naiv und zynisch.

Ja, das Selbstbestimmungsrecht der Frau (Eltern) ist zu achten. Deshalb muss diese schwierige Entscheidung von finanziellen Überlegungen unabhängig sein und bleiben. Statt vor einer drohenden "Monokultur" kulturpessimistisch vom Spielfeldrand aus zu warnen, wäre es wichtig, den vielen auch heute unter uns lebenden Behinderten die Teilhabe weiter zu erleichtern. Tatsächlich haben die vergangenen 40 Jahre die Teilhabe der Behinderten und keineswegs eine Monokultur verstärkt. Dank eines sensiblen Gesetzgebers, vieler gemeinnütziger Organisationen, sehr vieler Ehrenamtlicher jeden Alters und auch dank des Adventskalends der SZ.

Helmuth Coqui, Mitglied des Vorstands des Lebenshilfe München

Etikett "Schwer behindert"

Kia Vahland hat recht: Menschen mit Downsyndrom werden uns fehlen, falls der Test zum Standard für alle wird! Als Leiterin der Selbsthilfegruppe "Von wegen Down!" habe ich in den vergangenen Wochen an viele Politiker geschrieben, um das Lebensrecht von Menschen mit Downsyndrom zu verteidigen, das zugegebenermaßen in der Debatte um den pränatalen Bluttest niemand offen infrage stellt, denn vordergründig geht es lediglich um das Recht der Eltern, Informationen zu bekommen.

In unseren Gesprächen kam die Idee auf, mit unseren Kindern und jungen Erwachsenen mit Downsyndrom zur Bundestagsdebatte nach Berlin zu fahren. Welch ein Ansinnen! Welcher Angehörige einer Minderheit am Rande der Gesellschaft soll den Mut aufbringen, in einer öffentlichen Debatte, in der mit vermeintlich schwerwiegenden Argumenten das Lebensrecht seiner Minderheit infrage gestellt wird, sich hinzustellen und dieses Lebensrecht einzufordern? Klar, es wird jeder sagen: Wir sprechen ja den bereits geborenen Menschen mit Downsyndrom nicht ihr Lebensrecht ab, wir tun sogar viel für sie! Das ist richtig, die Betroffenen verstehen dennoch, dass sie - ginge es nach diesem Denken - nie geboren hätten werden sollen.

In unserer Gruppe haben wir beratschlagt, ob wir die Fahrt nach Berlin antreten, doch viele unserer Eltern wollen ihren Kindern diese Konfrontation nicht antun. In dieser Auseinandersetzung sind die Waffen viel zu ungleich verteilt. Die Verlierer stehen bereits fest. Und wem will man einen Vorwurf machen? Man will es den werdenden Eltern, die erschüttert und angstvoll vor der Diagnose "Downsyndrom", stets mit dem Etikett "schwer behindert" versehen, stehen, nicht einmal verdenken, dass sie in dieser unerwarteten und unvorbereiteten Situation nicht mehr Mut und Zuversicht aufbringen, ihrem Kind mit Downsyndrom das Leben zu schenken. Der Verlust jedoch trifft die ganze Gesellschaft, denn in einer selbstoptimierten Gesellschaft gibt es keine Gewinner.

Rosi Mittermeier, Garching a. d. Alz

Verzauberte Atmosphäre

Ich habe schon viele eindrucksvolle Kommentare in der SZ gelesen, aber ich war noch nie so berührt wie über den von "Behinderte bereichern". Ich bedanke mich ausdrücklich bei Kia Vahland für diese klugen und vor allem liebevollen Zeilen. Vor allem die letzten haben es mir angetan, denn es klingt auch großartig und kühn, wenn sie schreibt; "Denn ein Leben ohne Behinderung ist unmenschlich, und es macht auch jene ärmer, die sich für gesund halten", und wenn sie eine Monokultur ablehnt, "in der jede vermeintliche Abweichung aussortiert wird". Auch ich habe in einem Praktikum bei Menschen mit Trisomie 21 erleben dürfen, wie eindrucksvoll diese durch ihr spontanes und unmittelbares Kontaktverhalten den Menschen ihre Zuneigung zeigten und ihnen, die selbst oft so verschlossen sind, deutlich vor Augen führten, wie wohltuend eine wenn auch etwas reduziertere "Liebeserklärung" bzw. das Lob den Mitmenschen gegenüber die Atmosphäre in einer Gruppe verzaubern kann.

Alexander Gröbmayr, München

Recht der Frau auf Wissen

Behinderte als "Bereicherung der Gesellschaft" zu bezeichnen, heißt, ihren Wert vorrangig aus dem Blickwinkel Dritter zu sehen. Ethisch geht es aber darum, bereits den menschlichen Embryo mit der Anlage zu einer Behinderung vorrangig von ihm selbst her zu bestimmen. Willkommen ist er nämlich in erster Linie um seiner selbst willen! Die Gesellschaft hat dazu entschieden mehr Hilfe anzubieten, als das bisher der Fall ist. Zugleich hat sie das Recht der Frau auf reproduktive Selbstbestimmung zu beachten. Dazu gehört auch die ausnahmslose Übernahme der Kosten des Bluttests seitens der Krankenkassen aus Respekt vor dem Recht der Frau auf Wissen.

Prof. Jan P. Beckmann, Hagen

Büchse der Pandora

Es gab schon einmal eine Zeit in Deutschland, in der unmenschliches Handeln sogar bis zur Ermordung von Menschen mit dem Ziel der "Volksgesundheit" legitimiert werden sollte. Viele derjenigen, die solche Tests befürworten, machen sich vorher wahrscheinlich gar nicht klar, in welche Situationen werdende Eltern damit gebracht werden. Der Film "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus dem Jahr 2016 zeigt eindrucksvoll, welche Büchse der Pandora damit geöffnet wird. Merke: Man sage immer die Wahrheit, aber man sage die Wahrheit nicht immer.

Holger Kühne, Berlin

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 09.10.2018

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