Politische KulturVon Ängsten, Zweifeln und dem Zeitgeist

Lesezeit: 5 Min.

Umleitung: Wandert der Zeitgeist wirklich nach rechts?
Umleitung: Wandert der Zeitgeist wirklich nach rechts? Foto: Catherina Hess

In seinem Essay hinterfragt SZ-Autor Philipp Bovermann politische Werte und Gewissheiten. Wie haben SZ-Leser dieses Plädoyer fürs Aushalten von Widersprüchen wahrgenommen?

Essay „Der Zeitgeist dreht nach rechts“ vom 30. Januar:

„Emotional recht geben“

Vielen Dank für Ihren Text, der mir gut gefällt und aus dem Herzen spricht. Etwa das hier: „Die Geschichte des Rechtsrucks ist auch eine Geschichte des Zweifelns an Wertgewissheiten. Kompliziert wird es dadurch, dass Zweifeln erst mal nichts Schlechtes ist. Der Zweifel ist der Motor der Geistestätigkeit. Es könnte ja sein, nur mal versuchsweise darüber nachgedacht, dass nicht immer man selbst und die eigenen Leute recht haben. Vielleicht haben die anderen auch ein wenig recht. Vielleicht haben sie zumindest emotional recht.“

Vermutlich ist es dieses „emotional recht geben“, worauf es ankommt – zu verstehen, dass „die anderen“ aus ihrer Sicht „gute Gründe“ haben für ihre Haltung und ihre Sichtweise – und das Eingeständnis, dass auch ich für meine eigene Sicht nicht mehr habe als meine guten Gründe. Es eben auch „nur“ meine Sicht ist. Und ich mich trotzdem dafür einsetzen kann. Aber dann vielleicht doch auch Kompromisse sinnvoll und möglich sind. Ach, es ist nicht einfach, aber Sie haben das schön ausgedrückt. Auf jeden Fall ein Anfang. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf jeden Fall auch zustimmende Rückmeldungen zu diesem Text bekommen.

Johannes Herwig-Lempp, Halle/ Saale

Es ist „halt da“

„Der Zeitgeist dreht nach rechts“ – das kommentiert der Autor so: „Die Angst [vor gewalttätigen Ausländern] ist halt da und lässt sich nicht wegargumentieren.“ Sicher, ein Gefühl ist Argumenten nicht zugänglich. Es ist „halt da“, wie Hunger oder Schmerzen. Zugleich steckt in dem „halt da“ aber ein gravierender Irrtum: Denn in Hass, Ärger, Zufriedenheit und so weiter drücken sich – anders als bei den genannten Empfindungen – Urteile und Einstellungen der Menschen aus, nur eben in Form einer körperlichen Unmittelbarkeit.

Wem etwas misslungen ist, der ärgert sich; wessen Lieblingsverein ein Spiel gewonnen hat, freut sich. Es ist also keineswegs so, dass Gefühle unabhängig von subjektiven Zwecken sowie Vor- und Einstellungen „einfach da“ sind. Daher ist – um beim Thema zu bleiben – Ausländerhass eine Einstellung, deren Inhalte und Gründe durchaus zu ermitteln sind. Fremdenfeinde wissen dafür durchaus Gründe anzuführen: „Nehmen uns Arbeitsplätze weg“, „die kriegen alles, wir nichts“ oder einfach „gehören hier nicht her“. Alles ziemlich schlechte Argumente – aber Gedanken sind es schon, die ernst zu nehmen und dann eben, genau: „wegzuargumentieren“ sind. Ob der Adressat sich darauf einlassen mag, steht auf einem anderen Blatt. Aber einen anderen Weg gibt es nicht.

Wer permanent Angst hat, von einem „ausländischen“ Messerstecher attackiert zu werden, hat seine Befürchtungen offensichtlich politisch vorsortiert. Denn – der Autor erwähnt es selber – etwa für Frauen ist die Gefahr, vom eigenen Ehemann verdroschen zu werden (oder Schlimmeres), x-mal größer, als einem Messerattentat zum Opfer zu fallen. Das „halt da“ hat noch eine andere logische Schwäche: Wenn das Angstgefühl mit keinem gedanklichen Hintergrund korrespondiert – warum haben viele dann gerade dieses Gefühl und nicht irgendein anderes (zum Beispiel Mitleid mit Geflüchteten)?

Übrigens hatten unter Hitler viele brave Deutsche Angst vor „dem Juden“. Also eine Angst, die nichts als völkischer Antisemitismus, halt in Form des entsprechenden Gefühls, war beziehungsweise ist. Soll man vor einer solchen „Angst“ allen Ernstes mit einem „ist halt da“ kapitulieren?

Mathias Günther, Hamburg

Meinungen aushalten

Es gibt „linke“ Meinungen, die man in bestimmten Milieus pflegt, und „rechte“ Meinungen, die man in ganz anderen Kreisen zu hören bekommt. Eher nicht vorgesehen ist, dass jemand zu bestimmten Themen „linke“, zu anderen Themen aber „rechte“ Ansichten hat. Ein bunter Vogel, der so richtig in kein Nest passt. Das kann gehörig Angst machen, wenn man sich nicht mehr sicher sein kann, dass die „eigenen“ Leute einen noch mögen. Milieus definieren sich heute auch sehr stark nach bestimmten Meinungen, bis hin zu reinen Geschmacksfragen.

Man lastet die „Spaltung der Gesellschaft“ gerne den sozialen Medien an. Ich bekenne, mich dort überhaupt nicht zu tummeln. Aber die Spaltung, die glaube auch ich zu spüren. Jedenfalls sollten wir uns damit nicht zufriedengeben. Wenn plötzlich „rechte“ Meinungen aus den Mündern von Menschen zu hören sind, die sich eigentlich für „links“ gehalten hätten, oder vielleicht auch umgekehrt, dann scheint mir das ein hoffnungsvolles Zeichen zu sein. Wer gelernt hat, solche Widersprüche im eigenen Herzen auszuhalten, der dürfte auch gegenüber Anderen toleranter sein.

Axel Lehmann, München

Mehr Einordnung, bitte!

Der Zeitgeist wandert nicht, er schwurbelt medial! Es sind Medien, aktiv die sogenannten sozialen, passiv selbst liberale Instanzen wie die Süddeutsche Zeitung, die mit dafür sorgen, dass aus tragischen Fällen und Angst entsetzliche Stürme von Mobwut werden können.

Safe Spaces sind woker Blödsinn. Angst hat fast immer einen rationalen Kern: Es ist vernünftig, in Flugzeugen oder Theatern zu checken, wo die Notausgänge sind. Vernünftig, nicht an der Bahnsteigkante zu stehen, wenn es berichteter Trend wird, Menschen vor einfahrende Züge zu stoßen. Vernünftig – da es Thema in allen Medien ist, dass Menschen mit Autos in Märkte rasen oder andere mit Messern abstechen –, vorsichtig zu sein. Verbohrte Herostraten, Verzweifelte, Ideologen oder Kranke greifen solche Trends dankbar auf. Auch die von Philipp Bovermann benannte Angst vor Berichten über das nächste Verbrechen eines Asylbewerbers beruht auf einer realistischen Einschätzung der gegenwärtigen berichteten Stimmung: Es gibt zu viele „besorgte“ Mitbürger/-innen, die Lust auf Pogrom haben. Nicht lang her, da war Pogrom bei uns gelebte Staatsräson.

Das individuelle Recht auf Asyl wurde formuliert mit dem Wissen um die Schicksale von Menschen auf der Flucht vor dem mörderischen deutschen Naziregime. Ob dieses Recht im Zeitalter der sozialen Medien in dieser Form aufrechterhalten werden kann, ob die Quantität der Anträge die Lage so verändert, dass wir das nicht schaffen, das ist eine notwendige Debatte. Aber ich bitte um sprachliche Präzision: Mit Migranten hat das nichts zu tun. 21,2 Prozent der Bevölkerung haben „Migrationshintergrund“, nur 2,8 Prozent der Bevölkerung sind Geflüchtete (laut Statista Ende 2022). Unter den Geflüchteten sind Verbrecher, Traumatisierte, Kranke, und manche werden zu Tätern. Die wesentlichen Eigenschaften der Täter von Magdeburg oder Aschaffenburg sind nicht ihre Nationalität, es sind offenbare massive psychische Störungen. Mutmaßlich versagt hat nicht das Asylrecht, sondern die mit den Tätern befassten Behörden beziehungsweise in Magdeburg auch die für den Markt zuständigen Sicherheitsbehörden.

Es ist seltsam, dass auch Sie, Herr Bovermann, den Wahnsinnstaten von Asylbewerbern oder Migranten mehr Aufmerksamkeit schenken als zum Beispiel den Verbrechen rasender Jugendlicher oder Greise. Noch bitterer ist es, wenn auch ein liberales Leitmedium wie die Süddeutsche Zeitung nicht unermüdlich Taten, Ursachen und Versäumnisse einordnet und nicht hinreichend die Rolle der sozialen Medien recherchiert bei der Verschiebung der Stimmung in Richtung Pogrom.

Stephan Schultze-Jena, Hamburg

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und des Wohnorts. Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

SZ Stellenmarkt
:Entdecken Sie attraktive Jobs

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: