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Pisa:Das Mittelmaß hat viele Ursachen

Jahrelang hat Deutschland beim internationalen Schülertest aufgeholt. Doch nach der jüngsten Studie sinken die durchschnittlichen Leistungen an deutschen Schulen wieder. SZ-Leser haben dafür unterschiedliche Gründe ausgemacht.

Zu "Erlesenes Mittelmaß" und "Schiefes Bild" vom 4. Dezember:

Realistische Notengebung

Der öffentliche Diskurs über die Pisa-Ergebnisse hat seit Pisa 2000 eine bildungsökonomische und sozialpolitische Schlagseite: Es geht nur um die Frage, wie effektiv, innovativ und gerecht das Schulsystem ist. Tabuisiert wird dagegen, ob die Kinder und Jugendlichen in Deutschland wirklich leistungsgerecht gefordert und gefördert werden. Haben sie die Chance, an der ihrer Begabung und Neigung passenden Schule motiviert zu lernen? Sind sie bereit, sich wirklich anzustrengen und dafür auf einen Teil ihrer Freizeit und ihres im täglichen Durchschnitt zweieinhalbstündigen Handygebrauchs zu verzichten? All das sind ureigene pädagogische Fragen, die nicht gestellt werden, weil deren Antworten unbequeme Konsequenzen haben - und zwar für Bildungspolitik, Schulaufsicht, Lehrkräfte, Eltern und Schülerschaft gleichermaßen: Die Zuweisung zu weiterführenden Schularten könnte effektiver und passgenauer gestalten werden, etwa über Aufnahmeprüfung und Probezeit. Politik und Gesellschaft müssten Abschied nehmen vom diskriminierenden Mythos der höheren Bildung, die nur über das Gymnasium erreichbar sei.

Wir Lehrer müssten den Mut zu realistischerer Notengebung haben: Die Inflation guter und sehr guter Noten etwa beim Abi ist trügerischer Schein. Und Schüler müssten sich bei höherer Anstrengung und größerer Leistungsbereitschaft intensiver dem Geschenk kostenloser, aber unbezahlbarer Bildung widmen. Dann würde nach dem Pisa-Schock light ein Ruck durchs Land gehen, der Deutschland ins erste Tabellendrittel hieven würde. Studienabbrecherquoten würden sinken, der Forschungs- und Wirtschaftsstandort gestärkt.

Thomas Gottfried , Freising

Für eine allgemeine Dienstpflicht

Es gibt viel Kritik an dem Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht an Schulen. Aus allen politischen Lagern ohnehin. Aber auch Sozialwissenschaftler fragen sich, woher die Stellen für die mehreren Hunderttausend Schulabgänger, die ihren Dienst an der Gemeinschaft leisten müssten, kommen sollen. Wenige Tage nach Kramp-Karrenbauers Vorstoß nun die neue Pisa-Studie: Deutschland hat sich wieder verschlechtert. Irgendwie Mittelmaß. Irgendwie hatte man mehr erwartet.

Mitarbeit im Unterricht ist wichtig, aber mehr noch sind es die Ergebnisse im Lesen, Rechnen und den Naturwissenschaften. Und da schnitten Schüler in Deutschland nach der jüngsten Pisa-Studie eher durchschnittlich ab.

Gerade die Lesekompetenz sei bei den Schulabgängern häufig schwach, das soziale Umfeld entscheide zudem weiterhin über Wohl und Weh des Abc. Dass die hohe Diversität, nicht zuletzt durch viele Eingewanderte, hier eine große Rolle spielt, scheint als Erklärung für das erneut unbefriedigende Abschneiden der 15-Jährigen augenfällig. Allerdings nur Hand in Hand mit dem eklatanten Lehrermangel und noch so einigen anderen Missständen, die dank der vielen "Klein-Klein-Reformen" im Schulwesen eher schlimmer als besser geworden sind. Denn an Unterrichtsqualität oder gar individuelle Förderung, wie sie insbesondere eingewanderte Kinder, die unsere Sprache noch nicht beherrschen, und Kinder aus bildungsfernen Familien dringend und von klein auf benötigen, ist vielerorts dank Personalmangel längst nicht mehr zu denken.

Selbst wenn ein Lehrer nie ausfällt, so fällt die individuelle Förderung im Klassenzimmer spätestens in dem Moment flach, in dem der Lehrer sich um all die praktischen Dinge des Lebens kümmern muss, sich ein Kind übergibt, zwei sich hauen, ein Elternteil nicht aus der Türe will, der Kopierer streikt etc. All diese Momente könnte ein junger Mensch, der sein Dienstjahr in der Schule leistet, entlasten.

Natürlich sind Schulabgänger im allgemeinen Dienstjahr alles andere als das dringend benötigte pädagogisch geschulte Fachpersonal. Aber viele mögen pädagogische Talente haben, der ein oder andere entdeckt den Lehrerberuf für sich. Gerade männliche Vorbilder bräuchten unsere Jungs in der Grundschule so sehr! Die jungen Leute in einem allgemeinen Dienstjahr auch in Schulen einzusetzen, löst auf einen Schlag das Problem vermeintlich fehlender Stellen, und viel wichtiger: Es nähme eine längst überfällige Entwicklung und Wunderwaffe in Sachen individueller Förderung zumindest in Teilen vorweg: zwei Lehrer in einem Klassenzimmer.

Anna Strüwind-Usadel, Schondorf

Mehr individuelles Lernen

Wir sollten die Entwicklung seit dem ersten Pisa-Test nicht kleinreden. Der Schock hat viele Veränderungen ausgelöst, die sich auch in den jetzigen Daten ausdrücken. Wo würden wir heute stehen, wenn in den Schulen immer noch Wissen gebüffelt und abgefragt würde, statt "Kompetenzen" zu erarbeiten? Wenn die Leistungen aber nun noch besser werden sollen als "knapp über dem Durchschnitt" und der Abstand zwischen den oberen und den unteren Kategorien geringer, dann hilft es nicht, die Schülerinnen und Schüler weiterhin in festen Klassenverbänden darüber zu "unterrichten", was in der nächsten Klausur drankommt, sie danach den Noten zuzuordnen und mit dem nächsten Thema weiterzumachen, ohne dass Defizite ausgeglichen werden konnten. Und leistungsstarke Lerner werden gegebenenfalls auf dem Tempo des Durchschnitts unterfordert. Hier wäre eine konsequente Öffnung für individuelle Kompetenzprofile wichtig, die jeder nach den eigenen Möglichkeiten, besonderen Neigungen und nicht zuletzt den Perspektiven für die Zeit nach der Schule erarbeiten kann.

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Und vermutlich wäre das Lernen in unseren Schulen auch (noch) erfolgreicher, wenn bei Schule in Deutschland nicht nur an "Bildung" gedacht wird (und das auch noch in einem eher engen Verständnis im Sinne von Wissen). Vergessen wird nämlich, dass Schule auch dazu beitragen soll, die Heranwachsenden zu selbstbewussten Persönlichkeiten werden zu lassen, die sich zugleich sozial verbindlich in die Gesellschaft einbringen werden.

Prof. i. R. Jörg Schlömerkemper, Göttingen

Investieren in Menschen

Auch ganz ohne Pisa hätten wir Lehrer schon vor 20 Jahren gewusst, dass und warum Deutschlands Schulen 2000 kein Paradies geglückter Pädagogik waren. Die methodisch stark unterbelichtete und öffentlich überbewertete Studie hat das meiste daran dann nur noch verschlimmbessert. Die permanente Hektik des von ihr angeschobenen Reform-, Optimierungs- und Qualitätswahns hat den Schulen seitdem die wichtigste Voraussetzung guter Arbeit geraubt - nämlich Zeit für Unterricht und Schüler. An solch unbequemen Wahrheiten mogeln sich Politiker und "Bildungsexperten" gerne billig vorbei mittels scheinbar schicker neuer Methoden, aufgeblähter Modebegriffe (Qualitätsmanagement, Bildungsstandards, Kompetenz, Evaluation) und Ausweichens auf technische Neuerungen (Digitalisierung).

Die grundlegende Alltagserkenntnis: Keine neue Unterrichtsmethode, keine verbesserte Lehrerausbildung, keine Fortbildungsmaßnahme und keine schönen Worte werden jemals allseits motivierte Schüler oder Lehrer von grenzenloser Belastbarkeit hervorbringen. Und Pisa-Studien hin, Vera-Vergleichsarbeiten her - die Praxis zeigt einen dramatisch fortschreitenden Niveauverlust an Schülerleistungen. Nur zwei Sofortmaßnahmen könnten diesen Trend stoppen: wieder klare, höhere und verbindliche Leistungsanforderungen einerseits - und eine erhebliche Reduzierung der Klassengrößen andererseits. Erst danach lohnt es wieder, sich über Digitalisierung, neue Methoden und Lehrerausbildungen zu reden, vorher wird jede Qualitätssteigerung im Keim erstickt durch quantitative Überlastung aller Beteiligten.

Das deutsche Schulsystem krankt daran, dass es alles zugleich soll, auf höchstem Niveau, aber zum Discounterpreis. Es müsste erheblich mehr investiert werden, und zwar zunächst nicht in Software, Whiteboards, Netz und Tablets, sondern in Menschen.

Michael Lohr, Ettringen

© SZ vom 11.12.2019
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