Vormoderne Sesshaftigkeit
Der Beitrag von Gerhard Matzig legt nahe, dass die Politik die Pendlerpauschale abschaffen solle, die die moderne Trennung von Wohn- und Arbeitsort begünstigt habe. Immerhin gesteht der Beitrag aber ein, dass die horrenden Immobilien- und Mietpreise in den Städten, die Arbeit bieten, das eigentliche Problem sind. Junge Familien mit Berufseinsteigern können sich diese Preise schlicht nicht leisten. Da ist es günstiger, auf dem Land zu wohnen, den Pendel-Stress in Kauf zu nehmen und die Distanz steuerlich geltend zu machen. Allerdings übersieht der Beitrag eine wichtige Errungenschaft der Moderne: die Emanzipation und Berufstätigkeit von Frauen.
Die Lebensrealität vieler Paare besteht darin, dass beide in unterschiedliche Richtungen pendeln, um ihrem Beruf nachzugehen. Die Rückkehr zur vormodernen Sesshaftigkeit würde nicht nur eine Rückkehr zu einem Lebensmodell begünstigen, in dem ein Partner (meist der Mann) zur Arbeit ginge und der andere (meist die Frau) zu Hause bliebe, sondern auch dazu führen, dass manche Familien in finanzielle Nöte kämen. Hier könnte eine Neuordnung der Pendlerpauschale ansetzen: Sie sollte nur bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze gewährt werden, um diejenigen zu unterstützen, die aus finanziellen Gründen auf das Pendeln angewiesen sind. Die Lenkungswirkung der Pauschale für die Klimaschutzbilanz des Verkehrssektors könnte damit neu justiert werden. Für Gutverdiener mit dicken Autos lohnt sich das Pendeln dann irgendwann nicht mehr, insbesondere, wenn die Spritkosten steigen. Die Kosten für weniger Verdienende könnte man durch eine erhöhte Pauschale abfedern oder aber die Mehreinnahmen durch die Deckelung der Pauschale dafür einsetzen, den ÖPNV sozial verträglich und flächendeckend auszubauen.
Philipp Graf, Dortmund-Hombruch
Fehlgeleitete Industriepolitik
Mit Interesse, aber auch gemischten Gefühlen habe ich den Beitrag gelesen. Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass Wohnen und Arbeiten nicht allzu weit entfernt sind, das schont die Umwelt und verbessert die Lebensqualität der Arbeitnehmer. Allerdings ging die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten in die gegenteilige Richtung, die Arbeitswege werden immer weiter. Das hängt mit einer fehlgeleiteten Industriepolitik zusammen, die die Ballungsräume bevorzugt und die ländlichen Regionen vernachlässigt. Diese Fehlentwicklung kann aber nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden. Herr Matzig stammt selbst aus Deggendorf und sollte wissen, dass die Menschen im bayerischen Wald gar keine andere Möglichkeit haben, als zu pendeln, wenn sie ihre Heimat nicht verlassen wollen. Eine Verödung ländlicher Regionen ist aber andererseits nicht wünschenswert. Die Pendlerpauschale wird wohl noch länger bestehen bleiben, denn ein Umsteuern der Industriepolitik wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Homeoffice und zunehmende Digitalisierung werden auch nur zögernd die Situation entspannen. Pendeln wird also noch viele Jahre belastende Realität für viele Arbeitnehmer bleiben, ob es uns gefällt oder nicht.
Dr. Martin Klupp, Amberg
