PazifismusFeuer nicht mit Feuer löschen

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Ein Symbol, das man in jüngster Zeit seltener sieht: Fahne mit einer Friedenstaube bei einem Ostermarsch in Hannover im Jahr 2022.
Ein Symbol, das man in jüngster Zeit seltener sieht: Fahne mit einer Friedenstaube bei einem Ostermarsch in Hannover im Jahr 2022. Julian Stratenschulte/dpa

Der Pazifismus hat es schwer in Zeiten, in denen Milliarden in die Rüstung gesteckt werden. Ein SZ-Kommentator verteidigt die Idee dennoch – zwei Leser pflichten ihm bei.

Kommentar „Den Frieden wagen“ vom 1. Juli:

Kein Krieg als „Normaloption“

In einer Zeit, in der sich die öffentliche Debatte oft in reflexhafte Forderungen nach Aufrüstung und militärischer Stärke flüchtet, ist der Kommentar von Wolfgang Janisch wohltuend und eine differenzierte Verteidigung des Pazifismus. Dies ist aufgrund mangelnder Alternativen zur militärischen Option und vor allem aufgrund der furchtbaren Leiden insbesondere von Kindern und Zivilisten in den Kriegsgebieten von der Ukraine bis Israel, Gaza und dem Sudan dringend notwendig.

Janisch erinnert daran, dass Pazifismus keineswegs bedeutet, in naiver Weise die Realität zu verkennen oder Gewalt grundsätzlich zu ignorieren. Vielmehr geht es um die klare Priorität: Krieg darf niemals zur „Normaloption“ werden, wie das aktuell immer mehr der Fall zu sein scheint. Immer weniger wird dazu auf die Grundlagen des Völkerrechts Rücksicht genommen. Die Würde des Pazifismus liegt genau darin, dass er sich gegen die Verrohung der politischen Sprache und gegen das politische Kalkül der „schnellen Lösung“ durch Waffengewalt stellt. Außerdem ist er mit dem Dialog verbunden, der keineswegs die schuldhafte Verursachung von Unrecht ignoriert.

Gerade angesichts der vielen Opfer von Gewalt ist die Stimme des Pazifismus unverzichtbar – nicht weil sie einfache Antworten liefert, sondern weil sie unbequeme Fragen stellt: Haben wir wirklich alles versucht, bevor wir zur Waffe greifen? Und: Was bleibt übrig, wenn das Völkerrecht weiter ausgehöhlt wird? Andrea Riccardi, Gründer von Sant’Egidio und Vermittler in Kriegssituationen, hat im Interview in der SZ betont, dass sich der Krieg wie ein Feuer vom Sofa schnell auf die ganze Wohnung ausbreitet.

Das erleben wir heute: Kriege breiten sich aus und mit ihnen wachsen Hass und Rachegelüste, die die Generationen der Zukunft gefährden. Zu Recht zitiert Janisch Russel und Einstein, denen man sicherlich keine Naivität vorwerfen kann, dass die Menschheit entweder in der Lage sein wird, den Krieg abzuschaffen, ansonsten wird der Krieg die Menschheit abschaffen. Das Feuer des Krieges kann nicht mit Feuer gelöscht werden, dazu wird das Wasser des Dialogs, des Völkerrechts und der Diplomatie benötigt. Das ist nötig, denn der Krieg hinterlässt die Welt, mit den Worten des verstorbenen Papstes Franziskus, immer schlechter, als er sie vorgefunden hat.

Dr. Matthias Leineweber, Würzburg

Sicherheit ist kein Frieden

Endlich eine Stimme, die der inzwischen gängigen Meinung, nur mit Waffen könne man den Frieden sichern, widerspricht. Mit unendlich viel Geld soll Deutschlands Sicherheit gestärkt und die Bundeswehr kriegstüchtig werden. Hat man vergessen, dass Sicherheit noch lange kein Frieden ist? Die Zeit des Kalten Krieges nach 1945 bis 1990 war keine friedliche Zeit, sondern bestenfalls „Nicht-Krieg“. Zu erinnern ist an die Kubakrise (1962) oder an den Einmarsch der Warschaupakt-Staaten in die CSSR (1968). Im freien Europa hielt man den Atem an.

Die Argumentation vor und nach dem Nato-Doppelbeschluss (1979) ist aktuell wie je. Eine militärische Verteidigung Deutschlands würde zu einer vollständigen Zerstörung führen. Von dem, was man meint, verteidigen zu müssen, würde nichts übrig bleiben. Die Logik der Gewalt führt letztlich zur Selbstzerstörung.

Natürlich muss man sich Gedanken machen, wie man einem offensichtlichen Aggressor wie der gegenwärtigen Regierung Russlands begegnen kann. Aber allein dem Mythos der Gewalt zu vertrauen, ist angesichts der Realität eines Krieges mit den heutigen Mitteln schlichtweg naiv und unverhältnismäßig. Realistischer ist die Suche nach gewaltfreien Wegen zur Friedenssicherung: Stärkung der Diplomatie und des Völkerrechts, Rüstungskontrolle, aktive Gewaltfreiheit zur Lösung von Konflikten, vertrauensbildende Maßnahmen statt Aufrüstung und Abschreckung.

Der Fall der Mauer und der Zusammenbruch des Regimes der alten Sowjetunion haben gezeigt, dass aggressive, hochgerüstete Systeme durchaus implodieren können. Die Verständigungs- und Versöhnungspolitik Deutschlands in den 70er-Jahren war erfolgreich bei der Sicherung des Friedens in Europa.

Was wir brauchen, ist tatsächlich ein Rechtspazifismus, der das Völkerrecht – zugegeben – auch mit militärischer Gewalt wiederherstellt. Dazu müssen unbedingt die Vereinten Nationen als friedensstiftende und friedenserhaltende Institution, auch mit militärischen Kräften, gestärkt werden. Denn ein auf Zusammenarbeit und Gewaltfreiheit beruhender Frieden ist zerbrechlich. Aber über Alternativen zur Militarisierung unseres Sicherheitsbedürfnisses nachzudenken, ist realistischer, als mit Selbstzerstörung zu drohen.

Paul Reinwald, Laaber

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