Parlamentspoetin:Dichtung und Wahrheit

Lesezeit: 6 min

Poesie in der Politik, die einen spüren bereits einen Hauch von Wärme bei der Idee, die anderen fürchten Propaganda, denn Kunst braucht Unabhängigkeit.

Parlamentspoetin: Amanda Groman trägt ihr Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden in Washington vor.

Amanda Groman trägt ihr Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden in Washington vor.

(Foto: AP)

Zu "Darf's sonst noch was sein?" vom 11. Januar und zu "Dichterin gesucht" vom 4. Januar:

Ein Hauch von Wärme

Eine Stelle für eine Poetin oder einen Poeten zu schaffen, ist wahrlich eine gute, ja, eine überaus glänzende Idee. So gut und glänzend, dass sie meine arme, kleine Seele, die auf Pünktlichkeit, Effizienz und Ernsthaftigkeit getrimmt ist, mit einem Hauch von Wärme beflügelt.

Michael Ayten, Marburg

Keine Vereinnahmung von Kunst

Politik möchte auch mal poetisch sein dürfen. Was ist das denn für ein befremdliches Ansinnen, das da aus dem Parlament ins Off stolpert? Die Idee, dem deutschen Bundestag eine Parlamentspoetin oder einen Parlamentspoeten zu berufen, tut zwar irgendwie gut und könnte einen zum Lachen bringen - angesichts der in Dauerschleife wabernden Themen der Pandemie, der Klimakrise, der Kriegstreiber und der professionellen Gesundbeter - aber "mit Poesie einen diskursiven Raum zwischen Parlament und lebendiger Sprache zu öffnen", lenkt nicht nur von eben diesen brennenden Themen ab, nein, sie verundeutlicht den wesentlichen Unterschied zwischen politischem Diskurs und poetischer Widerständigkeit zu dem, was für wirklich gehalten wird.

Jede Vereinnahmung von Kunst in die politische Sphäre hat gezeigt, wie sehr Politik die Kunst für ihre Ziele vereinnahmt: Im Südafrika der Apartheid, im Guantanamo-Betreiber-Land, in der UdSSR oder der DDR. Die Gedichte oder Romane funktionierten prächtig als Nebelkerzen, die das Gewaltmonopol der jeweils Herrschenden idealistisch zu befeuern hatten. Wie sehr dagegen die autonome Kunst gleichzeitig dort bekämpft wurde, lässt sich an zahllosen Beispielen von Künstler-Existenz-Vernichtungs-Büros und deren Handlangern zeigen. Auch die Zeiten vor und während der beiden Weltkriege in Europa liefern für beide Muster genügend Beispiele: Neben der Verherrlichung des Staates und ihrer Repräsentanten durch Staatsliteraten, Maler und vor allem Bildhauer, die unbestechlichen Künstler, die dabei ihre Existenz aufs Spiel setzten, ins Exil gehen mussten (wenn sie es denn noch schafften) oder samt ihrer Werke vernichtet wurden.

Als kleiner Exkurs vielleicht Amanda Gormans Auftritt auf dem Capitol Hill: Jung, euphorisch, selbstbewusst und schwarz trug sie mit Verve ihre Utopie in Versen vor - The Hill We Climb - medial ein bezauberndes Ausrufezeichen. Dabei machte sie sich zur jubelnden Komplizin eines politischen Konzepts, das der "weiße Mann" mit rassistischer Gewalt nach wie vor durchboxt (Guantanamo lässt grüßen!) und das sie in ihrem kühnen "We" ertränkte, als wäre es göttliches Nektar und Ambrosia. Eine Instrumentalisierung der Kunst (und in diesem Falle auch der Jugend) zum Zwecke einer Identitätshymne, hinter der sich scheinbar alle vereint sehen sollten. Was für ein bodenloses Theaterstück!

Die Kunst muss sich einfach zu schade bleiben für solchen Missbrauch. Sie sollte weiter das Geschäft betreiben, das uns als Zeitgenossen zugemutet werden muss: Sprache ist keine Wirklichkeit, sie schafft aber eine, die undeutlich und vieldeutig uns immer wieder damit konfrontiert, dass wir alle an Narrativen stricken, die "home made" sind, kurzlebig und dünnes, allzu dünnes Eis, auf dem wir leichtfertig eine Komfortzone einrichten, die jeden Augenblick sang- und klanglos einstürzen kann.

Johannes Seiler, Bonn

Neue Kunstrichtung

Dass Einsprüche zum Vorschlag "Dichterin gesucht" kommen, überrascht nicht. So ist die Welt der Kultur. Aber warum keine Position für Staatspoeten oder -poetinnen? Der Maler Walter Swennen wurde in der Süddeutschen mit dem Satz zitiert: "Ein Bild zu malen, bedeutet, Nonsens in ein Enigma zu verwandeln." Wenn man den Begriff Nicht-Sinn weit genug fasst, könnte man sich aus unserem parlamentarischen Geschehen sicher auch manchen Reim machen. Vielleicht entstünde unter diesem enigmatischen Imperativ eine neue Kunstrichtung neben Satire oder Kabarett. 3000 Euro Schmerzensgeld für den Job scheinen mir auch nicht zu viel zu sein.

Hermann Pütter, Neustadt

"Die spinnen, die Frauen"

Nachdem ich den Beitrag von Dana von Suffrin und Tijan Sila gelesen habe, bin ich erleichtert, nicht allein zu sein. War ich doch versucht, in Anlehnung an Obelix zu rufen: Die spinnen, die kulturschaffenden Frauen (Sanyal, Kapitelman und Buchholz), als sie allen Ernstes vorschlugen, die Stelle einer Parlamentspoetin einzurichten. Und sich dafür sogleich selbst ins Gespräch brachten. Zwar verstehe ich grundsätzlich die Versuchung, das eigene berufliche Tätigkeitsfeld möglichst staatlich, krisenfest alimentieren zu lassen. Aber: Steuergelder sind Bürgergelder, keine Staatsknete, die man zur Förderung der persönlichen Wohlfahrt einfach abgreifen kann, wie manche meinen.

Ingeborg Bachmann und Günter Grass haben sich bestimmt im Grabe umgedreht, falls sie von der Idee gehört haben, dessen bin ich mir sicher. Von einer besoldeten Staatskunst à la DDR haben beide Zeit ihres Lebens nichts gehalten. Und was ist das auch für ein Parlamentsverständnis, das davon ausgeht, Politik müsse von Poetinnen vermittelt werden, weil Politiker von Natur aus nicht in der Lage seien, die gemeinen Bürger zu erreichen?

Was Katrin Göring-Eckardt angeht, glaube ich eher nicht, dass sie ein "nero-haftes" Politikverständnis besitzt. Wenn es ihr nach Poesie, nach Kultur dürstet, wird sie sich doch aus eigener Tasche finanzierte Opern-, Konzert- oder Theaterkarten kaufen können. Zwar wird ihr dann nicht "Vermittlungskultur" geboten. Aber Kultur zum Nachdenken ist doch eigentlich nicht verkehrt und würde gewiss auch nicht schaden. Oder?

Dr. Hans-Joachim Meissner, Hamburg

Ohne erhobenen Zeigefinger

Was für eine wunderbare Idee, politisches Tagesgeschehen in Poesie und Prosa, in Dichtung kommentieren und darüber berichten zu können. Erst Anfang Dezember hatten wir vom Freien Deutschen Autorenverband in der Seidlvilla in München eine Lesung zum Thema "In Zeiten wie diesen". Aufgrund der Corona-Regeln konnten wir die Veranstaltung leider nur digital durchführen. Wir bekamen jedoch viele Zuschriften - telefonisch, per Whatsapp und per Mail sowie mit der Weihnachtspost. Eine berichtete: "So berührend und ohne erhobenen Zeigefinger. So sollten Nachrichten gesendet werden. Eure Lesung gab Raum zum Nachdenken, zum Umdenken."

Es macht mich froh, mir vorzustellen, dass Dichter, Literaten, Musiker im Parlament eine Stimme bekommen.

Ruth Neureiter, Mitglied im freien Deutschen Autorenverband Malerei & Lyrik, Gilching

Gefahr des Missbrauchs

Eine Dichterin zur Parlamentspoetin zu wählen ist zwar gut gemeint, hat aber wahrscheinlich zur Folge, dass eine unabhängige Dichterin abhängig gemacht wird. Das birgt die Gefahr, dass Poesie als politische Propaganda missbraucht wird - zum Schaden der Poesie und der Politik.

Der römische Dichter Horaz (65 - 8 vor Christus) bekam einen Landsitz und ein großzügiges Auskommen mit der Hilfe von Maecenas, dem engen Berater von Caesar Augustus, dafür, dass er peinliche Gedichte zur Verherrlichung von Augustus geschrieben hat. Der erste offizielle Hofdichter Englands (Poet laureate), John Dryden (1632 - 1700), wurde 1689 entlassen, weil er sich weigerte, einen Eid auf den neuen König, William of Orange, abzulegen. Er beschrieb Horaz als "a well-mannered court slave". Der geniale Lyriker Philip Larkin (1922 - 1985) hat das Amt des Hofdichters aus guten Gründen abgelehnt: Man erwartete vom Hofdichter, dass er oder sie die Hochzeiten und Geburten der königlichen Familie in Versen feierte.

Kultur ist, wenn Menschen in offiziellen Positionen, zum Beispiel in Regierungsämtern, Dichtung schätzen und unterstützen. Dafür muss die Dichtkunst aber nicht in einer Institution verankert sein, weil die Gefahr besteht, dass Abhängigkeiten geschaffen werden und sie missbraucht wird, je nach Dauer der Funktion (Horaz lebenslang, Poet laureate zehn Jahre und die kanadische Parlamentspoetin unserer Zeit zwei Jahre).

Paul Crichton, London, Großbritannien

Bildungspoetisch viel zu tun

Der Vorschlag, eine parlamentarische Poetin zu etablieren, mutet heillos naiv an und als untauglicher Versuch der Lyrikcommunity, vom Staat Geld dafür zu erhalten, dass sie Gedichte schreibt. Selbst wenn dies stimmte, wären das aber Gründe für diesen Vorschlag, nicht gegen ihn.

Denn in unserer rationalisierten, fragmentierten und digitalisierten Gesellschaft, zu der Politik gehört und beiträgt, kann nur ein gehöriges Übermaß an Naivität helfen, etwas zu ändern. Und geldmäßig, darauf weisen die Autoren hin, können wir Steuerzahler das auch noch verkraften. Der Vorteil hingegen mag in Geld gar nicht ausdrückbar sein: das Ingangsetzen eines sprachlichen Bewusstseinsprozesses bei den Parlamentariern. Darum nämlich geht es: Ihnen bewusst zu machen, was Sprache, mit der sie meist liederlich-funktional arbeiten, eigentlich ist. Gedichte können die widersprüchliche, mehrdeutige Welt und Wirklichkeit lesbarer machen: Sie lösen keine Rätsel und Probleme, geben ihnen aber eine Form, machen sie bewusst. Man vergegenwärtige sich nur die Regierungserklärung und Neujahrsansprache von Olaf Scholz in sprachlicher Hinsicht: Mit geschlossenen Augen wünschte man sich eine Amanda Gorman herbei.

Dabei mag es ein poetisches Potenzial bei den Politikern geben, das nur gehoben werden müsste. Robert Habeck hat zusammen mit seiner Ehefrau Andrea Paluch die Birthday Letters von Ted Hughes kongenial ins Deutsche übertragen. Ich verwette meinen Strohhut, dass von den mehr als 700 Bundestagsabgeordneten keine sieben überhaupt wissen, wer Ted Hughes war (Er war der von der britischen Königin berufene Poet laureate (preisgekrönte Dichter) von 1984 bis zu seinem Tod. In unserem 'Land der Dichter und Denker' gibt es so etwas erst gar nicht). Es gäbe also bildungspoetisch viel zu tun für eine Parlamentspoetin. Die neue Kulturstaatsministerin könnte für diese Idee doch offene Ohren haben.

Ulrich Schäfer-Newiger, München

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlicht werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort.

Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Zu Artikeln, die im Lokal- und Bayernteil der SZ erschienen sind, senden Sie Ihre Meinung gerne direkt an forum-region@sz.de.

Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB