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Organspende:Der Wille zählt

Manche Leser konnten kaum glauben, dass der Bundestag die Widerspruchslösung abgelehnt hat. Demnach wäre jeder Bundesbürger, der das nicht vorher ausgeschlossen hat, nach dem Tod für Organspenden infrage gekommen. Einige atmen auf, weil sie der Transplantationsindustrie nicht trauen.

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Organspende nur nach Zustimmung", "Über Sterben und Leben" und "Vertrauensfrage", alle vom 17. Januar:

Bescheidene Forderung

Mit dem Beschluss vom 16. Januar 2020 hat der Bundestag die Hoffnung von mehr als neuntausend lebensbedrohlich Kranken und ihren Angehörigen auf schnellere Versorgung mit einem Spenderorgan zunichte gemacht. Der Status quo bleibt bestehen. Annalena Baerbock plädierte für die Beibehaltung der Zustimmungslösung. Sie sieht in dem von SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach und Gesundheitsminister Jens Spahn eingebrachten Entwurf einer Widerspruchslösung einen inakzeptablen "Übergriff des Staates auf das Selbstbestimmungsrecht" des Einzelnen.

Die erwartbaren Reaktionen der betroffenen Patienten versucht sie mit der Aussicht auf Verbesserungen in den Verfahrensabläufen zu beschwichtigen. Frau Berndt spricht in ihrem Kommentar von "einer vernünftigen Entscheidung"; die von vielen Tausend Patienten, Angehörigen, Fachärzten und ärztlichen Verbänden ersehnte Widerspruchslösung wäre für sie "ein zutiefst falsches Signal gewesen". Im weiteren Verlauf des Textes gerät die Autorin dann ins Schlingern. Zuerst gesteht sie zu, dass die in Aussicht gestellten Reformen der Verfahrensabläufe auch ihr "wenig Hoffnung" machen. Im Weiteren vermutet sie, "dass im medizinethisch sensiblen Deutschland ein Übergriff des Staates auf das Selbstbestimmungsrecht die Spendebereitschaft letztlich eher gesenkt hätte". Und am Schluss behauptet sie, dass die Beibehaltung der bisherigen Zustimmungslösung wegen des "höheren ethischen Standard(s)" "sich ... langfristig nur positiv auswirken ..." kann.

Wer nicht spenden will, hätte das in der Widerspruchslösung klar und einfach kundtun können. In dieser wahrlich bescheidenen Forderung sehen wir keinen "Übergriff des Staates auf das Selbstbestimmungsrecht".

Bernd Kaeten-Vaterund Hanne Vater, Detmold

Entscheidung tut not!

Deutschland hat die Chance, seine Organspenderzahlen mit der Widerspruchslösung wie in vielen Teilen Europas zu verbessern, verpasst. Unsere Volksvertreter waren mit Mehrheit dagegen. Dies ist ein Schlag ins Gesicht vieler Wartepatienten und deren Angehöriger. Nur nicht hinschauen, wegducken, alles so sein lassen und denken, was geht mich das an. Es wäre eine Entscheidung gewesen, pro oder dagegen wäre egal, Hauptsache, wir hätten uns entschieden und uns etwas mehr für die Kultur der Organtransplantation entschieden, die leider jeden treffen könnte - und dann?

Wolfgang Veit, Marne

Würmerfressen statt Spende

Was für ein krudes Denken muss man haben, um sagen zu können: "Der Körper eines Menschen, auch eines Menschen mit abgestorbenem Gehirn, ist immer noch der Körper eines Menschen. Rational ist das jedenfalls nicht, der Körper ist eben nicht der Mensch als geistiges Wesen. Was geschieht mit einem Toten: Entweder wird er verbrannt, oder er wird von Würmern zerfressen, in jedem Fall also zerfällt er in seine atomaren Bestandteile. Das sind die Tatsachen, daran ändert sich nichts, auch wenn eine innige emotionale Beziehung zu dem Menschen bestanden hat, der in diesem Körper wohnte. So werden wertvolle Organe sinnlos zerstört, anstatt wertvolles Leben - da der Körper eines lebenden Menschen wohl wertvoller ist als der eines gehirntoten - durch eine Organentnahme retten zu können. Mir ist rätselhaft, dass man das nicht sehen kann. Ich sah keine Alternative zur Widerspruchslösung.

Anton Weiß, Bad Aibling

Wenn das Vertrauen fehlt

Im Kommentar "Vertrauensfrage" steht: "Die Organspende muss moralisch so integer sein wie möglich - gerade weil sie auf Altruismus und somit auf Vertrauen angewiesen ist." Und gerade hier liegt ein wesentlicher Grund für die niedrigen Spenderzahlen: Die Vorstellung, dass einem ein lebendes Organ herausgeschnitten wird, während man schon für tot erklärt wird, passt nicht zusammen. Das untergräbt das Vertrauen in die Menschen, die das behaupten. Da ist doch noch eine philosophische Lücke, die die Ärzte nicht so einfach schließen können. Die Ethik-Gurus, die darauf bestehen, dass Organe nur einem toten Menschen entnommen werden können, machen es sich zu leicht.

Aber die Gesellschaft ist da schon weiter. Die Menschen vertrauen ja in das Können der Ärzte und OP-Mitarbeiterinnen und OP-Mitarbeiter, wenn sie einer Operation zustimmen. Und sie würden bei einer Organentnahme dem Können der Ärzte und OP-Mitarbeiterinnen und OP-Mitarbeiter vertrauen, wenn es wie eine Operation mit Anästhesie ablaufen wird. Der springende Punkt ist: Wenn das Gehirn unweigerlich tot ist, ist die Hoffnung gestorben, dass es wieder lebendig wird und dass damit der Körper ohne medizinische Apparate weiterleben kann.

Es wird viel darüber geschrieben, wie den Menschen zumute ist, die auf gespendete Organe warten, aber wenig darüber, wie den Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens zumute ist. Hier müssten viele Journalisten die Erfahrungen von Menschen, die Sterbende begleiten, in die Gesellschaft tragen, um das Sterben und Organspenden aus der Tabuzone herauszuführen.

Albert Hartl, Eichenau

Die Transplantationsindustrie

Angesichts der Art, wie das heikle und schwierige Thema Organtransplantation zunehmend auf das simple Kriterium Angebot versus Nachfrage reduziert wird, sind die Hinweise der Autorin des Kommentars "Vertrauensfrage" sehr am Platze. Hinzufügen möchte ich, dass in jeder Debatte zum Thema die grundsätzliche Fragwürdigkeit jeglicher Organtransplantation, bei welcher der Spender ums Leben kommt, sehr ernst zu nehmen und zu beachten ist. Mich stört sehr, wie lakonisch Leiden und Schicksal der Organspender zumeist abgetan werden.

Niemand wird mich davon überzeugen, dass Ärzte, denen ein schwer verletztes Unfallopfer anvertraut ist, um dessen Leben mit unverminderter Ausdauer kämpfen werden, wenn die gesunden Organe dieses Menschen dringend für die spektakuläre und einträgliche Lebensrettung eines anderen Menschen benötigt werden. Die Ärzte müssten Übermenschen sein, um mit diesem Dilemma ethisch sauber zurechtzukommen.

Anzustreben ist eine Gesellschaft, in der es möglichst keine freiwilligen oder unfreiwilligen schwer verletzten hirntoten Organspender gibt. Abzulehnen ist eine Gesellschaft mit florierender Transplantations-Industrie, die zwangsläufig auf ein hohes Aufkommen an Hirntoten angewiesen ist.

Ernst Terhardt, München

Nur wer gibt, darf nehmen

Dass es bei solch wichtigen Fragen auch eine Diskussion über Ethik gibt, ist selbstverständlich. Daneben gibt es aber auch die Realität. Es ist zu respektieren, wenn jemand nicht Organspender sein will. Es ist aber nicht zu respektieren, wenn er trotzdem potenzieller Organempfänger sein will. Wer so handelt, ist ein Parasit. Bei der Organvergabe sollten erst die bedacht werden, die selbst potenzielle Organspender waren.

Klaus Weiß, München

© SZ vom 25.01.2020
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