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Weiterbildung zum Online-Coach:Die Worte wägen

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Die Sprache und gutes Zuhören sind beim Online-Coaching sehr wichtig, nonverbale Signale weniger.

(Foto: Andrey Popov/Imago)

In Pandemie-Zeiten müssen Coaches online mit ihren Klienten arbeiten. Das erfordert nicht nur technisches Know-how, sondern eine andere Art von Kommunikation als in Präsenzsitzungen.

Von Christiane Bertelsmann

Die Avatare tauchen erstmals in Ausbildungsmodul vier auf. Mit ihnen kann man auf einen Aussichtsturm klettern, sich entspannt auf eine virtuelle Blumenwiese setzen oder ausprobieren, was für ein Gefühl es ist, direkt neben einem sprudelnden Wildbach zu stehen. Bedrohlich? Abenteuerlich?

"Ich nutze die Avatare in der Ausbildung zum Online-Coach, wenn es um Problemanalyse und Lösungsstrategie geht. Sie haben eine stark strukturierende Kraft", erklärt Harald Geißler. Er hat bis 2015 als Professor für Allgemeine Pädagogik den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg geleitet, beschäftigt sich seit 2006 mit virtuellem Coaching und bietet entsprechende Ausbildungen an, die er im Laufe der Jahre immer weiter ausgearbeitet hat.

Auch virtuelle Welten und mit ihnen die Avatare gehören zum neun Monate dauernden und komplett digital vermittelten Ausbildungsprogramm, das zukünftige Online-Coaches bei ihm durchlaufen. Online-Gruppenphasen mit maximal zehn Teilnehmern wechseln sich hierbei mit Phasen des Selbststudiums ab. In diesen müssen die Teilnehmer Fragebögen beantworten oder gestellte Aufgaben vertiefen.

Seit Frühjahr vergangenen Jahres, also mit Beginn der Pandemie, ist die Nachfrage nach seinen Kursen massiv gestiegen. Das beobachten auch andere Anbieter. Etwa die Haufe-Akademie, bei der man sich in drei Monaten zum Online-Coach weiterbilden lassen kann. Die Kurse gingen im Mai 2020 an den Start, geplant war sie schon ein Jahr zuvor. Denn die Vorteile des Online-Coachings liegen auf der Hand: keine Reisekosten, flexible Zeiten. "Wir haben viele international tätige Business-Kunden, die Coaching als Personalentwicklungsmaßnahme nutzen wollen", sagt Stefanie Göppert, die als Produktmanagerin bei Haufe für die Coaching-Weiterbildungen zuständig ist.

Trainer und ihre Klienten schätzen es, dass sie flexibel arbeiten können

Auch die Steinbeis-Akademie für Mediation, Soziales und Recht (AKASOR) bietet seit Mai vergangenen Jahres eine Kurzausbildung zum E-Coach an, bestehend aus fünf Modulen. "Die Nachfrage war überwältigend", sagt Sascha Lippe. Er ist selbst Coach und hat das neue Programm bei Steinbeis gemeinsam mit seinem Kollegen Jonathan Barth erarbeitet. "Menschen im Home-Office wollten die Zeit sinnvoll nutzen, und freiberuflich arbeitende Coaches, die bisher nur in Präsenz gearbeitet haben, haben sich auf diese Weise weitergebildet - auch, damit ihnen nicht die Existenzgrundlage wegbricht."

Auch bei Steinbeis war die Idee, eine Fortbildung zum Online-Coach ins Programm zu nehmen, schon vor der Pandemie da - die konkrete Umsetzung passierte dann im Frühjahr vergangenen Jahres. Lippe, der sowohl in Präsenz als auch online coacht, sieht im E-Coaching viele Vorteile: "Man kann sehr flexibel arbeiten in einer Art und Weise, wie es in Präsenz gar nicht möglich wäre." Noch ein Plus: "Für den Kunden ist das diskreter. Es gibt ja durchaus unangenehme Coaching-Themen. Viele Klienten machen das viel lieber zu Hause, sie öffnen sich lieber im privaten Umfeld", ist seine Erfahrung.

Hat das Online-Coaching auch Grenzen? Klar, sagt Sascha Lippe: "Ich bin ein sehr empathischer Coach. Ich stelle mich zum Beispiel gerne mal neben meinen Coachee, wenn ich merke, dass es für ihn emotional schwierig wird. Die fehlende körperliche Präsenz ist schon eine Herausforderung." Beim Online-Coaching sieht man das Gegenüber maximal bis zur Brust. Ob der Coachee nervös mit den Händen flattert oder mit den Füßen scharrt, erkennt der Coach nicht.

Eine umso wichtigere Rolle spiele deshalb das Sprechen, sagt Sascha Lippe. "Ich muss mit Worten Halt geben." Und ganz genau hinhören, was der Coachee sagt. "Ich muss mein Gegenüber lesen können und in Sekunden verstehen: Was ist das für ein Typ Mensch", sagt Kristina Schwarze. Die Volljuristin arbeitet als In-House-Mediatorin bei einem international tätigen Versicherungsunternehmen mit Schwerpunkt Rechtsschutzversicherung und hat im Juni 2020 ihre Fortbildung als Online-Coach bei der Steinbeis-Akademie abgeschlossen.

"Durch die Ausbildung habe ich vieles dazugelernt, was mir bei meiner täglichen Arbeit weiterhilft", sagt sie. Das fing bei technischen Dingen an - wie der Kameraeinstellung (nie von unten oder oben, eher auf Augenhöhe) - und führte bis zur Körperhaltung. "Tabu ist beispielsweise, mit den Händen stark vor der Kamera zu gestikulieren", sagt Kristina Schwarze. "Zudem war es für mich äußerst hilfreich, verschiedene aktuelle Tools kennenzulernen, mit denen die Ergebnisse des Online-Gesprächs passend visualisiert werden können." Gut fand sie auch, dass sie wie nebenbei Coaching-Grundkenntnisse auffrischen konnte.

Auch Trainer Harald Geißler, der verschiedene Bücher zum Online-Coaching verfasst hat, weiß, wie wichtig in der Ausbildung zum E-Coach die Sprache ist - eben weil viele nonverbale Informationen wegfallen. "Die auditiven Daten haben einen hohen diagnostischen Wert, das gesprochene Wort ist superwichtig", sagt Geißler. Er arbeitet deshalb in seiner Ausbildung mit Voice-Mailings, bei denen die Teilnehmer ihre Botschaften auf den Punkt genau als Sprachnachricht verschicken und so trainieren, auf das eigene Sprechen und die Stimme zu achten.

"Coach" ist kein geschützter Begriff. Doch es gibt Möglichkeiten der Zertifizierung

Wie auch der Begriff Coach ist der Online-Coach kein geschützter Begriff. Theoretisch darf sich jeder E-Coach nennen. Doch Coaching-Verbände sind dabei, auch für die Online-Coaches Zertifizierungsverfahren zu entwickeln. Für den Coach, der in Präsenz tätig ist, gibt es sie bereits. Für den E-Trainer existiert beim Deutschen Verband für Coaching und Training (dvct) bereits ein Zertifizierungssystem; das für den E-Coach wird diesen Sommer fertig sein, hofft dvct-Vorstand Birgit Thedens.

In der Branche unterscheidet man zwischen Coach und Trainer: Ein Coach steht dem Coachee beratend zu Seite, ein Trainer hilft mit speziellem Wissen beim Erreichen ganz bestimmter Ziele. Die Zertifizierung zum E-Trainer setzt 150 Stunden Präsenztrainingsausbildung plus 60 Ausbildungsstunden E-Training voraus; Ähnliches wird für den E-Coach angestrebt. "Aus meiner Sicht braucht ein professioneller E-Coach die Basis einer Face-to-Face-Ausbildung und Praxiserfahrung", sagt Birgit Thedens.

Ihr Kollege Christopher Rauen, Vorsitzender des Deutschen Bundesverbands Coaching, hat eine klare Vorstellung von der Kompetenz eines digital kommunizierenden Trainers: "Coaches benötigen für eine Tätigkeit als Online-Coach zum einen eine technische Qualifizierung. Sie müssen Systeme wie Zoom und MS Teams souverän beherrschen. Daneben ist aber auch eine inhaltliche Weiterqualifizierung sinnvoll, denn nicht alle Methoden der Präsenzarbeit lassen sich eins zu eins ins Online-Coaching übertragen", erläutert er.

Präsenz- und E-Coaching dürften künftig verstärkt voneinander profitieren

Und nach der Pandemie? Zurück ins Präsenz-Coaching? "Das Online-Coaching bleibt!", ist sich Trainer Sascha Lippe sicher. "Ich erlebe bei den Auftraggebern einen unglaublichen Digitalschub. Auch in ganz konventionellen Bereichen wie Verwaltung. Warum sollte das wieder weggehen?" Anbieter von Fortbildungen zum Online-Coach könnten einen Auftrags-Boom erleben. Denn anders als beim Präsenz-Coaching muss man sich beim E-Coaching permanent weiterbilden, immer die neuesten Apps kennen und anwenden können, sicher mit der sich ständig weiterentwickelnden Technik umgehen können.

Ein gutes Netzwerk und kompetente Kollegen, mit denen man sich austauschen kann, können hierbei helfen. "Ich beobachte bei uns im Verband, dass das Miteinander unter den Kollegen extrem aktiviert wurde. Sonst sind die Mitglieder eher eine passive Masse. Jetzt suchen sie den Austausch, vernetzen sich. Wir haben reagiert und bieten Weiterbildungsmaßnahmen wie Techniksprechstunden und Ähnliches an." Was das Coachen selbst angeht, hat Fachfrau Thedens eine klare Präferenz: "Wenn ich wählen kann, finde ich es netter, in Präsenz zu coachen", gibt Thedens zu. "Wirksam ist jedoch beides gleich. Für die Zukunft denke ich, dass es ein sehr befruchtendes und gedeihliches Nebeneinander geben wird."

© SZ/ssc/mai
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