Nord Stream 2:Pipeline-Projekt birgt viel Drohpotenzial

Lesezeit: 5 min

Deutschland braucht fossile Energie, auch Erdgas. Und die umstrittene Pipeline von Russland bis an die deutsche Ostsee ist ein Weg, an den Rohstoff zu kommen. Wären da nicht die befürchteten Abhängigkeiten, die Lesern Sorge bereiten.

Nord Stream 2

Von einem speziellen Schiff aus werden Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 in der Ostsee vor Rügen verlegt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zu "Erdgas, eine Droge" vom 1. Juni, "Transatlantische Rohrreinigung" vom 20. Mai sowie zu "Neustart geht anders" vom 30. April/1./2. Mai:

Geopolitisches Druckmittel

Nord Stream 2 ist und war vom ersten Moment seiner Konzeption ein vor allem politisches Projekt, ins Leben gerufen durch Russland mit dem Ziel, ein massives geopolitisches und gleichzeitig wirtschaftlich-finanzielles Druckmittel zu haben und dies auf die Ukraine ausüben zu können.

Kurzsichtige, blinde Politik in der EU, vor allem in Deutschland, und besonders von Politikern aus den Regionen, die scheinbar davon wirtschaftlich profitieren könnten, also vor allen anderen Mecklenburg-Vorpommern, haben Putin dabei geholfen, dieses Druckmittel Schritt für Schritt aufzubauen, und es steht leider kurz vor der Vollendung.

Es ist inzwischen vielfach durch neutrale Studien nachgewiesen, dass die Behauptung, Deutschland und Europa bräuchten die zusätzlichen Leitungen, um die Energiewende durch Gas zum Abfangen von Verbrauchsspitzen absichern zu können, ein völliger Popanz ist - schon die bisherige Pipeline Nord Stream 1 ist längst nicht voll ausgelastet, wie mehrere Studien beweisen. Studien, die aber von der Regierung Mecklenburg-Vorpommern ebenso wenig zur Kenntnis genommen werden wollen wie durch die Bundesregierung. Beide ziehen sich, wie viele anderen politische Entscheidungsträger, auf den illusorischen Standpunkt zurück, das sei ein "privatwirtschaftliches" Projekt zur Sicherung der Energieversorgung, deshalb "könne man keine politischen Maßnahmen" dagegen ergreifen. Meines Erachtens grundfalsch. Wie oben gesagt, es war von Anfang an ein ausschließlich politisches Projekt. Sollte es wirklich fertiggestellt werden, höre und sehe ich schon die Empörung, wenn Putin dann die zu erwartenden Konsequenzen zieht, die Pipeline über Land schließt und so insbesondere der Ukraine die Durchleitungserlöse kappt. Dann werden wir Politiker erleben, die sich in heiligem Zorn beschweren "So war das nie gemeint"... Doch, haargenau so war und ist das seitens der Initiatoren gemeint, und wer nicht als heimlicher oder unheimlicher Unterstützer Russlands dieses Irrsinnsprojekt eben deshalb weiter gefördert hat, der hat sich blind und taub gestellt und nichts wissen wollen und die Fertigstellung so durchgesetzt.

Möge uns allen letztlich doch noch erspart bleiben, dass wir auf derart drastische, und für die Ukraine fatale, Weise bewiesen bekommen, was Zweck von Nord Stream 2 wirklich war und ist. Der Streit um Sanktionen und "Erpressung" seitens USA ist dabei eben nur nebensächliches Geplänkel, es geht darum, ob Deutschland weiter Russland bei der massiven wirtschaftlichen und politischen Erpressung der Ukraine willfährig in die Hand spielen will.

Friedrich-Karl Bruhns, München

Europa braucht das Gas vorerst

Erdgas ist unter den fossilen Engergieträgern der umweltfreundlichste. Der Beitrag "Erdgas, eine Droge" geht meines Erachtens am Thema vorbei. In Deutschland werden heute weit mehr als die Hälfte der Wohnungen mit Methan geheizt, der Rest mit leichtem Heizöl. Es ist weltfremd, daran zu glauben, die Verhinderung von Nord Stream 2 könne helfen, die Klimaziele zu erreichen. Auch verstehe ich die sachlogischen Argumente der Grünen nicht, die auch gegen Nord Stream 2 sind. Sie sind auf einer Linie mit den Amerikanern, die wohl auch unter der neuen Administration ihre Pläne zur Lieferung von schmutzigem Frackinggas nach Europa nicht aufgegeben haben, und die den Polen auch den Bau eines LNG-Terminals versprochen haben.

Europa wird noch auf Jahrzehnte von russischem, algerischem, holländischem und auch Erdgas aus der Nordsee abhängig sein. Die Stilllegung von Nordstream 2 (und 1?) zu fordern, würde in einem kalten Winter die Versorgungssicherheit gefährden und die Mehrzahl der Bewohner in ihren Wohnungen frieren lassen.

Es wäre kontraproduktiv, das Erdgas in den nächsten 20 Jahren aus dem Energiemix vollständig verschwinden zu lassen. Das seinerzeit von dem größten Gas-Importeur Europas seit den 70er-Jahren unter dem Motto "Weg vom Öl" aufgebaute unterirdische Hochdruck-Transportnetz einschließlich UT-Speichern umfasst in Deutschland mehr als 10 000 Kilometer, das von den Stadtwerken und den regionalen Verteilern ein Vielfaches davon.

Was ist, wenn das Transitland Ukraine die Russen erpresst und an ihren Grenzen den Gashahn zudreht? Auf die Schnelle können Erdgasheizungen nicht auf Öl, strombetriebene Wärmepumpen, geschweige denn auf grünen Wasserstoff umgestellt werden!

Dipl.-Kfm. Jürgen Schäfer, Krefeld

Wir werden nicht klimaneutral

Die Pipeline wird keine Investitionsruine sein, da Deutschland viel Erdgas brauchen wird, um nach Abschaltung der Kern- und Kohlekraftwerke eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Die geschilderten Leckagen an klimaschädlichem Methan werden gerade durch die neuen Rohre verhindert, die eine völlig veraltete alte Pipeline ersetzen sollen. Des Weiteren ist es fast Täuschung, wenn der Öffentlichkeit in Artikeln vermittelt wird, dass wir in Deutschland bald klimaneutral werden können, in dem praktisch alle Öl- und Gasheizungen abgestellt werden, Autos nur noch mit Strom fahren und der Flugbetrieb teilweise eingestellt wird.

Dr.-Ing. Frank Leschhorn, München

Messen mit zweierlei Maß

Die geschmähte Rohrleitung ist nur eine Art von Transportweg für Gas, die man unterbinden kann. Daneben gibt es auch Eisenbahngleise und Straßen, sogar per Schiff kann man Energieträger transportieren (oder nicht); nicht nur von einem 6500 Kilometer entfernten Erdteil nach Europa, sondern auch von einem direkt angrenzenden Land über nur 1224 Kilometer. Letzteres ist aus mehreren Gründen vergleichsweise umweltschonender. So könnte man zum Beispiel durch Nutzung aller vier Nordstream-Röhren bei unveränderter Gasmenge etwa 75 Prozent der Energie für Verdichterpumpen einsparen (entspricht circa einer Million Tonnen CO₂-Emissionen pro Jahr).

Deshalb muss man sich fragen, ob es sinnvoll ist, den bequemeren, kürzeren, billigeren und umweltschonenderen Weg aufzugeben, um stattdessen aus rein ideologischen Gründen den umständlicheren, längeren und umweltbelastenden Weg zu wählen. (Dabei soll mehrfach CO₂-belastetes, teuer verflüssigtes Fracking-Gas per Dampfer über den häufig stürmischen Atlantik transportiert werden.) Will man Putins imperiale Gelüste konsequent behindern, müsste man auch die anderen Transportwege und die bereits bestehenden Pipelines unterbinden. Da diese Option noch überhaupt nicht in Erwägung gezogen wurde, wird klar, dass es sich bei Trumps Sanktionierungsträumen von Nord Stream 2 vor allem um Futterneid gehandelt hat.

Darüber hinaus muss einem bewusst sein, dass sowohl die Ukraine (über "Sojus" und "Brotherhood") als auch Polen (über "Jamal") Gas aus Russland beziehen. Warum fordert man nur Deutschland auf, weniger Gas aus dem "Reich des Bösen" zu beziehen, nicht aber die anderen europäischen Länder? Ist der ukrainische Wegezoll von 1,8 Milliarden Dollar per annum moralischer als seine Umgehung in der Ostsee?

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart

Es geht um Eigeninteressen

In dem Artikel "Neustart geht anders" wird noch einmal der bekannte Status aufgerollt und die naive Meinung des Transatlantik-Koordinators der Bundesregierung, Peter Beyer, wiedergegeben, der wohl annahm, dass sich die wirtschaftlichen Interessen der USA mit der neuen Regierung änderten. Vielleicht ist es interessant, noch einige Fakten hinzuzufügen. Der im Gespräch mit Heiko Maas noch sehr harsche Außenminister Blinken sagte in einem im Interview mit CNN (Zitat übersetzt): "Letzten Endes müssen diejenigen entscheiden, die versuchen, die Pipeline zu bauen und zu vollenden." Darin werden die Zweifel der US-Seite deutlich, ob dieses Projekt denn überhaupt noch zu stoppen ist.

Und zurück zu den wirtschaftlichen Interessen: Das amerikanische Nachrichtenportal Bloomberg meldete am 21. März dieses Jahres, dass die USA noch nie so viel Öl aus Russland importierten wie 2020, sodass Russland mit einer Lieferung von 538 000 Fass am Tag zeitweise Saudi-Arabien überholte und inzwischen drittgrößter Lieferer ist. Kunden sind demnach unter anderem die Ölgiganten Exxon und Chevron. Bloomberg schreibt auch, dass eine Handelsfirma des staatlichen russischen Ölproduzenten Rosneft von den USA sanktioniert wurde wegen Geschäften mit Venezuela. Dass damit aber das angesprochene große Ölgeschäft mit Russland in keiner Weise behindert wurde.

Diese Aussagen entlarven meines Erachtens die amerikanische Sorge als das, was sie tatsächlich ist: Es geht darum, die US-Ölindustrie zu stützen. Denn nicht nur die Autoindustrie in Deutschland, sondern auch die Ölindustrie in den USA nimmt enormen, von wirtschaftlichem Eigeninteresse getriebenen Einfluss auf die Politik - auch wenn sich Rockefeller schon längst verabschiedet hat.

Helmut Jürgens, Lemgo

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion, sie dürfen gekürzt und in allen Ausgaben und Kanälen der Süddeutschen Zeitung, gedruckt wie digital, veröffentlich werden, stets unter Angabe von Vor- und Nachname und dem Wohnort.

Schreiben Sie Ihre Beiträge unter Bezugnahme auf die jeweiligen SZ-Artikel an forum@sz.de. Zu Artikeln, die im Lokal- und Bayernteil der SZ erschienen sind, senden Sie Ihre Meinung gerne direkt an forum-region@sz.de.

Bitte geben Sie für Rückfragen Ihre Adresse und Telefonnummer an. Postalisch erreichen Sie uns unter Süddeutsche Zeitung, Forum & Leserdialog, Hultschiner Str. 8, 81677 München, per Fax unter 089/2183-8530.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB