Süddeutsche Zeitung

Niels Högel:Wenn das Kontrollsystem versagt

Lesezeit: 2 min

Dass die Tötungsdelikte des Pflegers so lange unentdeckt blieben, wirft bei Lesern Fragen auf: Wie kann es sein, dass er erst mit Zeugnissen weggelobt wurde? Warum haben die Ärzte nichts bemerkt?

Zu "Über das Töten" vom 7. Juni:

Der Skandal im Skandal ist, dass Zeugnisse oft ein einziges Lügengebäude sind. Wie konnte es sein, dass ein Pfleger, der hinter vorgehaltener Hand unter Verdacht steht, in eine andere Klinik "weggelobt" wird, indem man ihm auch noch ein gutes Zeugnis ausstellt, nur damit man ihn loswird - obschon klar sein musste, dass er an neuer Stelle wieder auffällig würde. Hoffentlich wird da noch mehr aufgedeckt. Vielleicht könnte man dazu übergehen, Zeugnisse zu schreiben, deren Inhalt mehr der Wahrheit entspricht.

Prof. Dr. Dr. Dieter Adam, München

Bei den Berichten über den Mord-Prozess gegen Niels Högel fehlt mir ein gewichtiger Aspekt. Nachdem die Gutachter bei Högel keine geistigen Defekte festgestellt haben und hier die üblichen Täter-Argumente für die Tötung von pflegebefohlenen Patienten - Überlastung oder Mitleid - keine Rolle gespielt haben, stellt sich die Frage: Wie wenig Anerkennung geben die Gesellschaft und manchmal selbst die Patienten-Angehörigen den Mitgliedern der Pflegeberufe für ihre aufopferungsvolle, aber eben unspektakuläre tägliche Arbeit, dass ein ursprünglich engagierter Pfleger auf den abwegigen, völlig inakzeptablen und brandgefährlichen Einfall kommt, sich die lebensnotwendige Anerkennung als heldenhafter Reanimator solcher Patienten zu holen, die er vorher "präpariert" hatte? Die vom Gericht beim Angeklagten angenommene Persönlichkeitsstörung kann sich nur auf die Tatsache beziehen, dass Högel trotz seiner qualifizierten Ausbildung die Gefährlichkeit seines Tuns nicht erkannt hat oder die Gefährdung von Menschenleben billigend in Kauf genommen hat. Die Wurzel seines Handelns aber ist ein soziales Problem, das ob der gesellschaftlichen Anerkennung von unmäßig besoldeten Fußballern, Boni-verwöhnten Misserfolgs-Managern, Geld scheffelnden Influencerinnen und Up-Startern dringend gelöst werden müsste.

Horst Ebeling, Schörfling

Als Arzt macht mich das institutionelle Versagen sprachlos und betroffen: Auch Vorgesetzte, die Chef- und Oberärzte, die Verwaltungsleitung der Krankenhäuser, in denen Högel sein mörderisches Spiel trieb, gehören auf die Anklagebank!

Ich kenne Intensivstation so: Der Abteilungsarzt trägt die Verantwortung und ist weisungsbefugt und kontrollpflichtig gegenüber der pflegerischen Ebene - bei täglich zwei Visiten muss der Zustand des Patienten gecheckt und diskutiert werden. Wie können reihenweise Patienten "unerwartet" an Herz-Kreislauf-Versagen sterben? Dem Apotheker musste auffallen, dass eine unerklärlich hohe Zahl an Ampullen bestellt wurde; der Pflegedienstleitung musste bekannt sein, dass sich ein Pfleger besonders hervortat bei Reanimationen. Sich hier alleine mit Niels Högel zu beschäftigen, wird der Komplexität des Themas nicht gerecht.

Dr. Walter Freudenstein, Braunschweig

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4516039
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 09.07.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.