Korrespondent in New York:Reich beschenkt

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Korrespondent in New York: Der Times Square in New York ist ein Sinnbild für urbanes, aufregendes Leben. Die Ideen für aufregende Reportagen und Geschichten aber warten auf New-York-Korrespondent Christian Zaschke überall in den USA.

Der Times Square in New York ist ein Sinnbild für urbanes, aufregendes Leben. Die Ideen für aufregende Reportagen und Geschichten aber warten auf New-York-Korrespondent Christian Zaschke überall in den USA.

(Foto: Richard B. Levine/IMAGO)

Jeden Tag etwas Neues über ein Land lernen, das man längst zu kennen glaubt? Warum die USA ein Geschenk für jeden Reporter sind - trotz der nervigen Zeitverschiebung.

Von Christian Zaschke

Der Bundesstaat Maine, ganz oben im Nordosten der USA gelegen, hat eine Küstenlinie, die sich über mehr als 5600 Kilometer erstreckt. Klingt unglaublich, unglaubwürdig gar? Nun, die gewaltige Zahl erklärt sich dadurch, dass diese Küste enorm zerklüftet ist und sich durch mehr als tausend Buchten windet. Die Küstenlinie von Maine ist länger als die von Kalifornien.

Manche USA-Kenner wissen das. Ich wusste es nicht, bis ich vor Kurzem eine Weile in Maine unterwegs war, und ich wusste es nicht, obwohl ich mich als langjähriger New-York-Korrespondent der SZ recht unbescheiden als Kenner der USA bezeichnen würde. Aber, erstens: Man kann nicht alles wissen. Und, zweitens: Man lernt in diesem an Geschichten überreichen Land jeden, wirklich jeden Tag etwas Neues.

Ich war nach Maine gefahren, weil ich knapp ein Jahr zuvor einen Artikel im Boston Globe gelesen hatte. Es gehört zu den Aufgaben der Korrespondenten, zumindest interpretiere ich den Job in dieser Weise, so viel wie irgend möglich aus dem ganzen Land zu lesen. Abseits der üblichen Lektüren, meine ich, also abseits von New York Times, Washington Post und Magazinen wie New Yorker oder Economist. Die habe ich sowieso abonniert.

Manchmal führt die Lektüre zu einer Frage und diese Frage zu einer Reportage

Aber ich lese auch Lokalzeitungen, zum Beispiel aus Dallas, Texas, Straßenmagazine aus Chicago, Illinois, Gedichtheftchen aus Saugatuck, Michigan, Newsletter von Aktivisten aus Portland, Oregon. Manchmal findet sich in diesen Publikationen ein Absatz, der zu einer Frage führt. Und manchmal führt die Frage zu einer Reportage.

In der Geschichte im Boston Globe hatte ich gelesen, dass sich das Wasser im Golf von Maine deutlich schneller erwärmt, als in fast allen anderen offenen Gewässern der Welt. Das fand ich interessant. Warum ist das so? Vermutlich Klimawandel, klar, aber ich fragte mich, was die exakten Gründe sind. Weiterhin las ich, dass die Hummer im Golf von Maine von wärmerem Wasser nur mäßig begeistert seien. Vielleicht würden diese Hummer also bald alle rauf nach Kanada ziehen, wo das Wasser kälter ist.

Korrespondent in New York: Mit dem Hummerfischer John Williams unterwegs auf dem Meer. Für diese Reportage ist Christian Zaschke nach Stonington an die Küste von Maine gereist.

Mit dem Hummerfischer John Williams unterwegs auf dem Meer. Für diese Reportage ist Christian Zaschke nach Stonington an die Küste von Maine gereist.

(Foto: Christian Zaschke)

Hummer sind in Maine eine Industrie, die jährlich 1,4 Milliarden Dollar umsetzt, das wusste ich. Neben den 4500 Fischern arbeiten weitere 35 000 Menschen rund um die Hummer. Ich beschloss, die Sache im Auge zu behalten, aber eher nebenbei, denn in meinem Alltag war mehr als genug zu tun. Präsident Joe Biden verkämpfte sich öfter im Kongress. Sein Vorgänger Donald Trump gab keine Ruhe. Ich konferierte sehr oft mit den Kollegen in Washington.

Aber hin und wieder warf ich das Internet an und schaute, was es in Maine an Organisationen gibt, die im weitesten Sinne mit Wassererwärmung, Hummerfang, Umweltschutz, Fischerei und solcherlei zu tun haben. Wenn eine Organisation interessant zu sein schien, rief ich an. Man hätte selbstverständlich auch einfach E-Mails schreiben können, aber meine Erfahrung ist, dass E-Mails mit im Englischen unaussprechlichen Absendern wie "Süddeutsche Zeitung" (in der Regel so ausgesprochen: Suuddietsch Sietang) gerne ignoriert werden. Wenn man die Leute aber einmal am Telefon hat und erklärt, was man vorhat, sind sie meist irre hilfsbereit.

Sagt der Hummerfischer zum Reporter: "Sie werden mir vermutlich das Boot vollkotzen."

Über Monate hinweg hatte ich immer wieder einmal mit kundigen Menschen in vielen Organisationen geredet, die mir geduldig erklärten, was es mit der Erwärmung des Wassers auf sich habe und was die Hummer davon hielten (und warum Maine trotzdem einfach unfassbar toll sei). Über ein paar Ecken hörte ich schließlich von John Williams, einem Hummerfischer aus Stonington. Er sei die Person, mit der ich aufs Wasser müsse.

Man erreicht Williams ausschließlich auf seinem Festnetztelefon. Allerdings ist er an den meisten Tagen entweder fischen oder sonstwie unterwegs, zudem geht er um kurz nach 20 Uhr ins Bett, weil er um spätestens 4.30 Uhr morgens ablegt. Eines Tages hatte ich Glück, und wir sprachen. Ich erzählte ihm von der Geschichte im Boston Globe, von all meinen Gesprächen, und er sagte: "Ach, kommen Sie einfach rauf nach Stonington. Ich nehme Sie mit raus. Sie werden mir vermutlich das Boot vollkotzen. Aber solange Sie nicht im Weg rumstehen, ist das okay."

Einige Wochen später stand ich an einem Samstag um 4.30 Uhr im Hafen von Stonington. Ich stieg an Bord der Khristy Michelle, und wir fuhren raus aufs Meer, das still und schwarz vor uns lag. Auf Motorbooten wird mir nie schlecht, deshalb war ich unbesorgt, was das Kotzen anging. Wenig später setzte die aufgehende Sonne das Meer in Flammen. Ich stand neben John Williams, der das Boot gelassen steuerte, wir blickten auf das grandiose Schauspiel, das sich vor uns entfaltete. Es war der schönste Morgen, den ich in meinen bis dato fünf Jahren als Korrespondent in den USA erlebt hatte. Es war einer der schönsten Momente, die ich überhaupt in meinen bis dato 50 Jahren auf dem Erdball erlebt hatte, und plötzlich musste ich an Stefan Klein denken.

Es gab einen großen Kollegen, der nie in die USA wollte: Er war kein Frühaufsteher

Stefan Klein war einer der ganz großen Reporter der SZ. Vor einigen Jahren ging er in den Ruhestand, er verabschiedete sich mit einem schönen Fest. Im Verlauf dieses Festes überreichte der damalige Chefredakteur ihm mehrere dicke Bände, die sämtliche Artikel enthielten, die Klein während seiner vielen Jahrzehnte bei der SZ geschrieben hatte. Artikel aus aller Welt, Klein war lange Korrespondent, unter anderem arbeitete er in Südostasien, Afrika und Großbritannien. Er hielt eine launige Dankesrede, in der er auch darauf einging (deshalb erzähle ich das gerade), warum in den Bänden nicht viel mehr Geschichten aus den USA zu finden waren, mithin: warum er nie Korrespondent in den USA geworden war. Seine Begründung: die Zeitverschiebung. Er wollte nicht, wie er das empfand, mitten in der Nacht aufstehen.

Klein gehört zu den Menschen, die nachts gerne lange lesen und morgens gerne lange schlafen. Das haben wir gemeinsam. Für ihn kam die Ostküste der USA daher nicht in Frage, weil wir hier sechs Stunden zurück sind und es damals so war (und heute manchmal so ist), dass zur Münchner Mittagszeit jemand aus der Zentralredaktion in Washington oder in New York durchklingelte, um persönlich zu hören, was genau gerade bei den Korrespondenten anlag. Also um sechs Uhr morgens hiesiger Zeit. Ich übertreibe nur ein wenig, wenn ich sage, dass Klein das für Folter hielt, und im Grundsatz sehe ich es ebenso. Trotzdem habe ich im Jahr 2017 das Angebot angenommen, als Korrespondent nach New York zu gehen.

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen steht zwischen sechs und sieben Uhr auf, man kann daher mit Jammerei über zu frühe Anrufe nicht auf Verständnis hoffen. Aber manche Menschen ticken halt anders. Wenn die Leute in München morgens zu früh bei Klein anriefen, als er in London war (eine Stunde zurück), ließ er die Haushälterin ausrichten, er sei gerade mit dem Hund unterwegs. Da ich weder über einen Hund noch über eine Haushälterin verfüge, funktioniert dieser Trick bei mir nicht.

Freunde fragen manchmal, ob ich mir nur die Cartoons im "New Yorker" anschaue und dann sage ich: "Selbstverständlich."

Anfangs war es hart, weil ich gemeinhin bis zirka zwei Uhr nachts entweder in den überall verstreuten Zeitungen und Magazinen lese oder in einem Buch. (Ich habe gerade begonnen, Wolf Hall von Hilary Mantel zu lesen. Lässt sich exzellent an, was natürlich bedeutet, dass ich manchmal bis drei Uhr lesen muss.) Mit den Jahren habe ich mich daran gewöhnt, dass mich bisweilen das Telefon aus dem Schlaf reißt. Es ist ja ohnehin faszinierend, wie der Mensch sich an fast alles gewöhnt.

Heute bin ich an manchen Tagen wach, bevor das Telefon klingelt, und stöbere ein wenig in der New York Times herum, die ich, wie auch den New Yorker und den Economist, meistens auf Papier lese. Wenn Freunde die Stapel von Magazinen in meiner bescheidenen Bleibe sehen, fragen sich mich gern, ob ich wie die meisten Leserinnen und Leser des New Yorkers nur die Cartoons anschaue, und dann sage ich immer: "Selbstverständlich." Ist natürlich gelogen, denn der New Yorker ist nach einer gewissen Suuddietsch Sietang die zweitbeste Publikation, die es auf der Welt gibt.

An jenem Morgen in Maine fuhren wir eine gute Weile in die aufgehende Sonne. Die Khristy Michelle ist, so widersprüchlich das klingen mag, ein elegantes Arbeitsboot. Ihr grüner Rumpf schnitt durch das glitzernde Wasser, sie wiegte sich im Rhythmus der See, ganz leicht. Williams nahm hin und wieder einen kleinen Schluck aus seinem Kaffeebecher, und meine Nase schien mir zu verraten, dass es sich um einen auf besondere Weise starken Kaffee handelte. Schließlich brach er das Schweigen und brummte mit einer Stimme, tief wie der Marianengraben: "Was Besseres gibt's nicht, oder?"

Ich antwortete: "Selbstverständlich nicht." Und das war gar nicht mal gelogen, obwohl Hummerfischer in Maine zu sein nur der zweitbeste Job ist, den es auf der Welt gibt.

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