Nachhaltigkeitsbericht:Klimacheck für Betriebe

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Unternehmen, die nachhaltige Investitionen tätigen, können bei Banken künftig günstigere Finanzierungen erhalten. (Foto: Daniel Ingold/imago images/Westend61)

Künftig müssen Unternehmen eine Umweltbilanz abgeben. Wer zu viel Schadstoffe ausstößt, muss mit teureren Kreditkonditionen rechnen.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Brüssel hat sich viel vorgenommen. Bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden. Dem Finanzsektor kommt bei der Transformation als Steuerungsinstrument eine zentrale Rolle zu. Durch Investitionen in ökologische Geschäftsmodelle am Kapitalmarkt sowie grüne Bankkredite soll gemäß dem Aktionsplan Geld in ökologische Wirtschaftsaktivitäten gepumpt werden.

"Nachhaltigkeit ist kein reines Finanzierungsthema, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Unternehmen, die nicht in diese Richtung gehen, werden früher oder später eventuell Probleme mit Lieferketten haben", sagt Martin Seimetz, Projektleiter Nachhaltigkeit im Firmenkundengeschäft der Commerzbank. Auch Absatzmärkte werden wegbrechen. Es gebe eine intrinsische Notwendigkeit hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen, so Seimetz.

Zur Orientierung der Anleger und um Greenwashing entgegenzuwirken, verpflichtet die EU seit 2017 alle Finanzmarktakteure wie Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften sowie große kapitalmarktorientierte Unternehmen, ihre Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerstandards offenzulegen. Diese Berichtspflicht wird aktuell verschärft und bringt in der neuen "Corporate Sustainability Reporting Directive" (CSRD) weitreichende Neuerungen.

"In drei Jahren trifft es die kleinen und mittleren Betriebe."

So nimmt die EU fortan deutlich mehr Unternehmen in die Pflicht. Schätzungen zufolge steigt die Zahl der betroffenen Firmen in Deutschland von etwa 500 auf 15 000 Unternehmen an. Ab dem Geschäftsjahr 2023 werden alle Unternehmen ab 250 Mitarbeiter, die mehr als 40 Millionen Euro Umsatz oder eine Bilanzsumme von mehr als 20 Millionen Euro haben, berichtspflichtig, wobei nur zwei Kriterien erfüllt sein müssen. Nach dem EU-Zeitplan soll der Entwurf bereits im Dezember in nationales Recht umgewandelt werden.

"In drei Jahren trifft es die kleinen und mittleren Betriebe und daher wird noch viel Arbeit auf sie zukommen", sagt Seimetz. Es sei aber nicht so, dass Unternehmer jetzt in Panik geraten müssten. "Die Zeiträume erlauben eine vernünftige und gründliche Vorbereitung", sagt Seimetz. Angesichts der aktuell schwierigen Wirtschaftslage sind die EU-Pläne für Betriebe ohne bisherige Berichtspflicht jedoch eine Herausforderung.

Die IHK-Expertin Claudia Schlebach dagegen fordert die EU zur Rücknahme der steigenden Anforderungen für kleine und mittlere Betriebe auf. "In großen Unternehmen gibt es eigene Teams mit bis zu fünf Mitarbeitern, um diese Spezialthemen umzusetzen. Kleine und mittlere Unternehmen können Berichtspflichten in diesem Ausmaß nicht stemmen, auch nicht als Zulieferer in der Lieferkette", so Schlebach, die den Bereich Betriebsförderung, Gründung und Gewerberecht bei der IHK München und Oberbayern leitet. Die IHK stellt Betrieben im Internet einen Leitfaden mit Tipps für die Nachhaltigkeitsberichtserstattung zur Verfügung. Zudem werde sich die IHK für Ausnahmen für Betriebe unter 500 Mitarbeitern einsetzen.

Die Umweltbilanz dient Finanzhäusern zur Bonitätseinstufung

Läuft alles nach EU-Plan, müssen Firmen sämtliche Fakten veröffentlichen, die in puncto Nachhaltigkeit für den Geschäftsverlauf relevant sind. Als wesentliche Neuerung nimmt die EU die direkte Wirkung der Betriebe auf die Umwelt in den Fokus. "Vorbehaltlich der konkreten Ausgestaltung ist damit zu rechnen, dass Unternehmen künftig Treibhausgase und Schadstoffe im Produktionsprozess oder Chemikalien beim Nahrungsmittelanbau identifizieren und offenlegen, sofern sie eine wesentliche Auswirkung auf die Umwelt haben", sagt Karsten Löffler, Leiter des UNEP Collaborating Centre for Climate & Sustainable Energy Finance an der Frankfurt School.

Kennzahlen für den Anteil nachhaltiger Umsatzerlöse, Investitionsausgaben und Betriebsausgaben sind in der nicht-finanziellen Nachhaltigkeitserklärung anzugeben. Welche Wirtschaftstätigkeit grün ist, gibt wiederum die EU-Taxonomie vor. Ziel der strengen CSR-Richtlinie: Die Nachhaltigkeitsberichtserstattung mittels fixen Standards auf eine Stufe mit der Finanzberichterstattung zu stellen. Die Informationen sind fortan im Lagebericht zu veröffentlichen und analog zur Finanzberichterstattung in digitaler Form auszuweisen.

"Geplant ist, dass Wirtschaftsprüfer die Nachhaltigkeitsberichterstattung in ihre Jahresabschlussprüfung integrieren sollen", sagt Löffler. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird zur Chefsache, so inkludiert der Bilanzeid der Geschäftsführung künftig auch die Umweltbilanz. Diese Berichterstattung dient in der Folge Vermögensverwaltern und institutionellen Investoren als wichtige Informationsquelle für Anlageentscheidungen sowie Finanzhäusern zur Bonitätseinstufung ihrer Kunden.

Umweltkatastrophen, Ernteausfälle oder braune Geschäftsmodelle können zu Kreditausfällen führen

"Laut EU sind Nachhaltigkeitsmaßnahmen bei kleinen und mittleren Unternehmen derzeit freiwillig, aber von einigen Banken wird das anders gelebt. Auch die Bafin treibt die Branche dazu an, bei ihren Kreditnehmern eine Einordnung nach ESG-Kriterien vorzunehmen", sagt Schlebach. Schließlich unterliegen die Geldhäuser selbst der Offenlegungspflicht, weshalb Banken und Sparkassen die ESG-Informationen für ihre eigene Nachhaltigkeitsberichterstattung von ihren Kunden abfragen. ESG steht dabei für die Kriterien Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environment, Social, Governance).

In Bankfilialen und Bürotürmen lässt sich der CO₂-Fußabdruck vergleichsweise einfach minimieren. Das Risiko der Finanzinstitute schlummert in deren Bilanzen. Klimabedingte Umweltkatastrophen, Ernteausfälle oder braune Geschäftsmodelle können im schlimmsten Fall zu Kreditausfällen führen. "Die Banken werden von der Aufsicht intensiv angehalten, über die Nachhaltigkeitsrisiken in ihrem Kreditportfolio zu berichten, um die mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die Stabilität des Finanzsystems zu überwachen", sagt Löffler.

Ein von der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Jahresbeginn gestartete Stresstest zu Klimarisiken soll Erkenntnisse liefern, inwieweit die Akteure auf Umweltgefahren vorbereitet sind. Große Finanzinstitute haben Nachhaltigkeitsfragen bereits als Fixpunkt im Firmenkundengeschäft. Ebenso wird die Klimabilanz einer Investition in Kreditverhandlungen thematisiert. "Einzelne Häuser agieren schon zurückhaltend bei bestimmten Themen wie Kohle, Maschinen oder auch Rüstungsgütern. Wir haben Bedenken, dass die Banken gewisse Geschäfte nicht mehr finanzieren", sagt Schlebach.

Für Klimasünder werden Kredite künftig teuer

Die Commerzbank lehnt Neugeschäft mit Energie-unternehmen, die mehr als 20 Prozent des Umsatzes oder ihrer Stromerzeugung mit Kohle erwirtschaften, ab. Bestandskunden mit mehr als 20 Prozent Kohlegeschäft müssen den Ausstieg bis spätestens 2030 schaffen.

Die Bank nimmt die ESG-Betrachtung bereits seit dem zweiten Halbjahr 2020 in die Bonitätsrankings auf. "Wir begleiten die Unternehmen bei ihrer Transformation und möchten folgenden Bedenken entgegenwirken: Wenn ich nicht morgen Taxonomie-konform bin, dann wird mein Rating schlechter und die Bank entzieht mir die Kreditlinie", sagt Seimetz.

Man werde nicht von einem Tag auf den anderen Herabstufungen vornehmen oder schlechte Ergebnisse bei den ESG-Kriterien automatisch als Ausfallsgrund werten. "Die Kreditinstitute preisen Nachhaltigkeitsrisiken zunehmend ein. Dies dürfte im Zeitablauf zu relativen Verschiebungen der Finanzierungskosten führen, ich sehe hier eine Schere aufgehen", sagt Löffler. Soll heißen, für Klimasünder werden Kredite künftig teuer und Finanzierungen schwerer realisierbar. Grüne Vorzeigekandidaten können hingegen profitieren, weshalb freiwillige Offenlegung ohne EU-Pflicht bereits jetzt Vorteile bringt.

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