Radspuren in München:Da läuft nicht alles rund

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Radspuren in München: Inzwischen als Dauereinrichtung beschlossen: Münchens umstrittenste Fahrradspur in der Fraunhoferstraße. Begeistert manche - aber nicht alle.

Inzwischen als Dauereinrichtung beschlossen: Münchens umstrittenste Fahrradspur in der Fraunhoferstraße. Begeistert manche - aber nicht alle.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Ratsmehrheit, die am Ende nach politischer Absicht und nicht nach Versuchsresultaten entscheidet - und konservative Gegner, die heuchlerisch argumentieren.

"Umstrittene Radstreifen werden zur Dauereinrichtung" vom 9. November und "Jetzt heb mer ab" vom 10. November:

Fahren und Parken verleiden

Zur Entscheidung habe ich keine dezidierte Meinung. Ich kann mir aber vorstellen, dass dort jetzt sehr viel schneller gefahren wird, weil die Straße von den Autofahrern nun als "breite" Straße wahrgenommen wird, während vorher die parkenden Autos und Radfahrer die Straße nicht nur optisch einengten. Außerdem glaube ich, dass mittelfristig einige Geschäfte aufgeben werden, nicht weil die Kunden nicht mehr mit dem Auto kommen können, sondern weil die Belieferung zu mühsam ist.

Den Kommentar von Andreas Schubert fand ich amüsant. Anwohner oder ortsansässige Gewerbetreibende beteiligen? Das ist nicht üblich, aus gutem Grund. Die haben meist nur ihre eigenen Interessen im Kopf, verstehen die überlegene Weisheit der Pläne der Verwaltung und der Bezirksausschüsse nicht, und, wenn es ganz dumm läuft, haben sie sogar berechtigte Einwände oder konstruktive Vorschläge, die ein Überdenken der Pläne nahelegen würden. Vorrangiges Ziel oder zumindest unabdingbares Element scheint bei den meisten Stadtumbauten zu sein, dass dabei Parkplätze wegfallen, nach dem Motto, wir können den Leuten die Autos nicht direkt wegnehmen, also lasst uns den Besitz und die Benutzung von Autos so unbequem und ungemütlich machen, dass sie irgendwann von selbst aufgeben.

Andreas Renner, München

Weisheit und Fantasie

Hoch ist unsere Münchner Stadtratsmehrheit zu preisen, die nicht einfach nur die bösen Autos aus der Fraunhoferstraße verbannt zugunsten der guten Radfahrer, sondern dies erst mal nur probeweise zur Evaluation beschließt. Vielleicht damit die geplagten Geschäftsleute noch einen Hoffnungsschimmer haben und nicht gleich zusperren?

Jetzt ist das Ergebnis da: Erstens deutlich weniger Autofahrer, was ja gewollt gewesen wäre, aber die fahren halt woanders. Zweitens aber auch deutlich weniger Radfahrer, die sich also durch einen roten Streifen nicht einfach zum Umsteigen vom Auto überreden lassen. Drittens exakt die gleiche Unfallhäufigkeit mit Radfahrern bezogen auf den Rückgang der Radfahrer dort insgesamt. - Nur absolut uncoole Realisten würden einen derartigen Versuch als gescheitert betrachten. Damit hält sich aber unsere Münchner Stadtratsmehrheit nicht einfach auf und ist somit noch mehr zu preisen. Sie lässt sich von so einem Ergebnis in ihrem Drang gegen das Auto nicht beirren, nimmt weiterhin den Geschäftsverlust vieler Anlieger in Kauf und erklärt den Versuch für beendet und beschließt die Verkehrsführung als Dauerlösung. Nur extrem Fantasiebegabte würden hier eine Ideologie im Gegensatz zu faktenbezogenen Entscheidungen vermuten. Nur diese Fantasten würden daraus die Möglichkeit einer allgemeinen Politikverdrossenheit ableiten. Weiter so! Wir bekommen das arbeitende München schon noch klein.

Dr. med. Nikolaus Frühwein, München

Tummelplatz für Heuchelei

Im Zuge der Diskussionen um die kürzlich in Berlin von einem Betonmischer getötete Radfahrerin, wunderte man sich ja schon ein wenig, mit welcher Intensität auch viele Vertreter konservativer Politik an deren Schicksal Anteil nahmen. Ist die sonstige Grundhaltung bei solchen Geschehnissen doch eher, dass dies als unvermeidliche Kollateralschäden einer autozentrischen Gesellschaft hinzunehmen seien. Mir sind jedenfalls großartige Bemühungen um Verhinderung oder auch nur Minimierung solcher Unfälle und ein Eintreten für eine höhere Sicherheit von nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmern nicht weiter aufgefallen.

Der dann doch naheliegende Verdacht, dass dies Geschehen ausschließlich deshalb von Interesse ist, weil man damit gegen Klimaaktivisten agitieren kann, wurde just diese Woche durch zwei Artikel der SZ verstärkt. So konnte man in "Münchens umstrittenste Fahrradstreifen werden zur Dauereinrichtung" lesen, dass die Branddirektion die neue Aufteilung der Fraunhoferstraße befürwortet, da Rettungsfahrzeuge so besser durchkommen. Konsequenterweise bezeichnet die CSU den Verkehrsversuch als gescheitert. Schließlich ist die Behinderung von Rettungsfahrzeugen nur dann schlecht, wenn man Klimaaktivisten als Verursacher ausmachen kann. Am 10. November konnte man in "Jetzt heb mer ab" dann lesen, wie ein offenkundig notorischer Raser trotz mehrfachen Führerscheinentzugs weiterhin ein Auto führen und am Straßenverkehr teilnehmen durfte, bis er dann schließlich doch eine Unschuldige totgefahren hat.

Offensichtlich habe ich die Berichterstattung über den Aufschrei der CSU, in solchen Fällen doch mal drastisch durchzugreifen, Präventivhaft zu erwägen, vielleicht mal ein Auto als potenzielles Tatwerkzeug zu beschlagnahmen, verpasst. Es war aber wohl eher doch so, dass es diesen Aufschrei schlicht nicht gab. Vermutlich muss ich dankbar sein, dass mir dies alles die Gelegenheit gab, mit meinem Nachwuchs anschaulich über die Bedeutung von "Heuchelei" zu reden. Für mehr ist ja kein Dank schuldig bei Vertretern der Politik, die sich beständig in Scheingefechten verlieren anstatt die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu sichern.

Charles Thain, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

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