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Mordfall Tanja Gräff:Vorurteile gegen Death Metal

Der Todesfall Tanja Gräff ist tragisch für die Familie, aber er rechtfertigt nicht die tendenziöse und einseitige Berichterstattung über die Death-Metal-Szene speziell in Trier.

"Tod am roten Felsen" vom 13. Mai:

Der Todesfall von Tanja Gräff ist unfassbar und tragisch für die Familie der Verstorbenen. Es ist zu hoffen, dass noch geklärt werden kann, wie es zum Tod der jungen Frau kam. Die Vorwürfe, die zuständigen Behörden hätten in diesem Fall nicht gründlich genug in alle Richtungen ermittelt, erscheinen gerechtfertigt; ihnen sollte nachgegangen werden - diese vermeintlichen Ermittlungsfehler rechtfertigen jedoch keineswegs eine derart einseitige und tendenziöse Berichterstattung über die "Death-Metal-Szene".

Die Darstellung, dass es in dieser Musik um "Horror, Tod und Folter" gehe, ist viel zu oberflächlich - diese Themen spielen eine Rolle, aber nicht im glorifizierenden Sinne, sondern als Beschreibung der alltäglichen und historischen Gewaltformen in der Welt. Darüber hinaus werden vielfältige religiöse, soziale und politische Themen aufgegriffen und verarbeitet. Da eine tiefere Beschäftigung mit dieser Musik im Artikel nicht stattfindet, werden hier gesellschaftliche Vorurteile zumindest implizit bedient. Verstärkend wirkt dabei die Thematisierung eines willkürlich herausgegriffenen Musikvideos, in welchem der Autor ungerechtfertigter Weise eine Verbindung zum Tod von Tanja Gräff sucht. Hierbei handelt es sich meiner Ansicht nach um eine bewusst gewählte Interpretation, um den bisher geschilderten Eindruck des Death Metal - brutal, gewalttätig etc. - beim Leser zu verfestigen. Die düstere Beschreibung eines Trierer Kulturzentrums tut ihr Übriges, dies zu verstärken.

Mit dieser Vorgehensweise wird meines Erachtens nach sogar dem Anliegen des Anwalts von Tanja Gräffs Mutter zuwidergehandelt, der aussagte, der Musikgeschmack allein müsse noch gar nichts heißen - trotz dieser klaren Aussage wird explizit über ein Musikgenre berichtet, statt eventuelle Pannen im Ermittlungsverfahren tiefergehend zu thematisieren und zu analysieren.

Vor dem Hintergrund dieser einseitigen und tendenziösen Einordnung des Death Metal einzelne Personen nur aufgrund von Indizien, die auf eine wesentlich größere Menge von Personen zutreffen (z.B. des Wohnorts), herauszugreifen, ist aus meiner Sicht höchst problematisch, da dadurch die wilden Spekulationen um Tanja Gräffs Tod nur weiter angeheizt werden - ohne dass dadurch irgendjemand profitieren würde. Benjamin Koerfer, Trier

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 28.05.2015
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