Zehn Frauen und fünf Männer hauen auf die Pauke – und das in echt. Lautes Trommeln ist da mitten in München zu hören. Die Musik macht gute Laune, sagt aber auch: Achtung, hier kommt was! Menschen bleiben auf den Gehwegen stehen, schauen neugierig. Und sie haben recht. Da gibt es tatsächlich was zu sehen: Mitten auf der Straße, mitten auf dem Asphalt, wo keine Pflanze Wurzeln schlagen kann, strecken plötzlich 15 Bäume ihre grünen Kronen bis zu fünf Meter hoch in den Himmel: Ahorn, Linde und Ginkgo zum Beispiel, sogar ein Mandelbaum ist mit dabei. Drum herum haben sich Menschen versammelt, viele tragen grüne T-Shirts, auf denen „Green City“ steht, ein Verein, der sich für mehr Umweltschutz in der Stadt einsetzt. Immer zwei bis drei haben sich neben einen der Laubbäume gestellt. Unter ihnen: Benno. Er ist der kleinste hier, fünf Jahre alt. Sein Liebling ist ein Apfelbaum. Auch der ist der kleinste hier, ein Apfelbäumchen. Benno nimmt das Seil in die Hand, das an dem Rollbrett befestigt ist, auf dem der Baum steht. Sein Papa steht dahinter, um anzuschieben. Bis zu 100 Kilo schwer sind die Pflanzbottiche. So was muss man erst mal ins Rollen bringen. Angeführt von der trommelnden Samba-Gruppe setzt sich der Zug in Bewegung: Bäume und Menschen, alle unterwegs. Heute geht es fast drei Kilometer weit, von der Parkstraße in der Schwanthalerhöhe in die Baldestraße im Glockenbachviertel. Um Gullydeckel und Schlaglöcher wird da herum manövriert, Bordsteinkanten hinauf- und hinuntergehievt. Es ist ein heißer Sommertag, alle kommen ins Schwitzen, haben aber auch Spaß. Rollende Bäume, das sieht einfach lustig aus. Wollen die etwa gleich einen Skateboard-Trick zeigen?
Aber das Spektakel ist keine Show: „Das ist die Wanderbaumallee“, sagt Benno. „Die ist dafür da, dass es in einer Straße ohne Bäume schön grün wird. Und sie machen es auch kühler.“ Denn oft gibt es nur Beton und Asphalt in der Stadt, die sich im Sommer schnell aufheizen. Glas und Metall reflektieren Sonnenstrahlen und erhitzen Straßen und Gebäude noch schneller.
Nach gut zwei Stunden ist die bunte Truppe angekommen. Benno und sein Papa bekommen Hilfe, als sie den Apfelbaum vom Rollbrett heben. Für gut vier Wochen bleibt er jetzt in der Baldestraße. Wie wird es den Bäumen hier gefallen? Wird es genügend regnen? Finden sich Menschen in der Straße, die sich um die Bäume kümmern, sogenannte Gießpaten? Manchmal melden sich Anwohner: Kann die Wanderbaumallee nicht bald auch mal zu uns in die Straße kommen? Mal schauen. Die Bäume haben einen vollen Terminkalender.
Ende September geht es erst mal ins Winterlager. Im Frühjahr geht es dann wieder auf Tour. Mit dabei: Benno. Er wird wieder seinen Apfelbaum ziehen, wahrscheinlich ist er dann schon wieder ein kleines Stückchen gewachsen. Der Apfelbaum, aber auch Benno.

