Die Socken sind das Erste, was man sieht. Direkt am Ortseingang baumeln sie, kunterbunt aufgereiht zwischen Straße und Weinreben. Große, kleine, gestreifte, gepunktete, löchrige. Schlapp schaukeln sie im Wind, vollgesogen vom letzten Sommerschauer. Die Sockenparade ist weder Wäscheständer noch Girlande, kein Streich und auch kein Bauernprotest. Sie ist ein erster Gruß an alle Besucher, die nach Herrnbaumgarten kommen.
Das kleine österreichische Dorf, das nur ein paar Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt liegt, hat sich weltweit als „verrücktes Dorf“ einen Namen gemacht. In Hongkong, Ägypten und den USA hat es Herrnbaumgarten schon in die Nachrichten geschafft, einmal war ein Fernsehteam aus Südkorea vor Ort und erst kürzlich eine Reisegruppe aus Indien zu Besuch. Die wollte nicht nur die große Sammlung von vereinsamten Socken sehen, sondern vor allem das Nonseum. Das Museum ist das Herzstück des Orts, seit 30 Jahren schon werden dort unnütze Dinge ausgestellt – 518,5 Erfindungen, um genau zu sein. Darunter zum Beispiel ein Reiseetui für Weißwürste, ein ausrollbarer Zebrastreifen, eine halbautomatische Nasenbohrerkurbel, ein Altersheim für Buntstiftstummel, ein prunkvolles Luftschloss, eine Handy-Telefonierzelle, doppelseitig bedruckte Briefmarken oder ein Regenschirm für Pessimisten. Etwa 300 Besucher lockt das an den Wochenenden an. „Unsere Ausstellung ist einzigartig“, sagt Alma Gall, die Besucher durchs Museum führt. Ihr Vater Fritz hat einst zusammen mit befreundeten Künstlern den Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen gegründet, den VVG. Daraus entstanden erst Messen und Ausstellungen, später ein ganzes Museum für Erfindungen, die niemand braucht. Irgendwo musste der Ganze Unsinn ja hin. Das Besondere daran: Die Sachen sind zwar sehr lustig, aber eben nicht nur: „Die Grenze zwischen Unsinn und Sinn ist oft hauchdünn“, sagt Alma. Tatsächlich ertappt man sich beim Schlendern durch das Nonseum oft bei dem Gedanken, wie praktisch manches doch wäre. Wer könnte nicht ein transportables Gipfelkreuz, eine Tor-Zielscheibe für den Fußballschuh oder eine Sitzungsbrille mit Augen drauf brauchen, hinter der man im Unterricht oder bei langweiligen Meetings ungestört dösen kann? „Bei uns geht es vor allem ums Lachen. Aber im Humor steckt oft auch Kritik an unserer Gesellschaft“, erklärt Alma.

Offenbar ist all der Unsinn ansteckend. Nicht nur die Ausstellung, das ganze Dorf feiert ihn: Einmal im Jahr treffen sich die Bewohner zum Sockenwandertag, Gäste, die im Hotel ein Spiegelei bestellen, bekommen ein Ei samt Spiegel serviert, und Aktionen wie das Weinbergschneckenrennen oder der Hauskleidertag gehören in Herrnbaumgarten einfach dazu. Einmal hat das Dorf sogar Olympische Sommerspiele veranstaltet – mit Disziplinen wie Hochstapeln, Eheringen oder Handtuchwerfen. Einsame Socken übrigens kann jeder ins Museum schicken, die Einzelsockensammlung wird stetig erweitert: „Solosock“, Friedhofstraße 2a, A-2171 Herrnbaumgarten. „So etwas Schwachsinniges habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“, hat jemand ins Gästebuch des Museums geschrieben – und nicht nur ein Ausrufezeichen, sondern auch ein dickes, glückliches Smiley dahinter gemalt.
