Michael WinterhoffDubiose Methoden mit System

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Jahrzehntelang stellt der Psychiater Winterhoff mutmaßlich Kinder mit Medikamenten ruhig. Wieso ist das System nicht früher aufgeflogen, fragt sich eine Leserin.

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Kinderpsychiater Michael Winterhoff war ein beliebter Talkshow-Gast.
Kinderpsychiater Michael Winterhoff war ein beliebter Talkshow-Gast. Imago

Zu "Seid endlich still" der Seite Drei vom 10. August und zu "Mit Risiken und Nebenwirkungen" im Politikressort vom 13. August:

Als examinierte Krankenschwester und Pädagogin (M.A.) finde ich besonders erschreckend, dass das System Winterhoff offenbar über Jahrzehnte fast reibungslos funktioniert hat. In Einrichtungen der Jugendhilfe arbeiten zahlreiche Fachkräfte, die sich in ihrer Ausbildung auch mit Themen wie Medikamentenlehre, Kommunikation, Krankheitsbildern, Entwicklungspsychologie, Elternarbeit und so weiter intensiv beschäftigt haben, interdisziplinär zusammen. Es muss meines Erachtens vielen Menschen aufgefallen sein, wie fragwürdig die Vorgehensweise von Dr. Winterhoff war. Wie haben die verantwortlichen Pflegenden, PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und LogopädInnen ihren Schutzauftrag gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern verstanden? Was haben sie aus fachlicher Sicht beobachtet, wie haben sie sich professionell ausgetauscht? Welches Verständnis von ärztlicher Autorität herrscht in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, dass nicht schon viel früher Konsequenzen erfolgt sind? Warum ist es anscheinend nicht möglich, dass Aufsichtsbehörden ihrem Auftrag nachkommen? Wie steht es um Zivilcourage im institutionellen und bürokratischen Alltag? Es geht um nicht mehr und nicht weniger als Menschenrechte, in diesem Fall von pathologisierten Kindern.

Stefanie Franz, Köln

Es wäre keiner besonderen Beachtung wert, wenn die Thesen von Michael Winterhoff in pseudowissenschaftlicher und deutlich populistischer Machart nicht eine solche Resonanz fänden. Es steht diesem Arzt frei, so etwas zu veröffentlichen. Entscheidend ist jedoch die Umsetzung in ärztliche Handlung. Dazu gehört die vorurteilsbelastete Diagnostik sowie insbesondere die daraus folgende sehr fragwürdige und schädliche Medikation. Hier beginnt die eindeutige Grenzverletzung. Kindern Grenzen zu setzen ist eine von niemandem bestrittene Banalität, Kindern ihre freie Entwicklung, Lebendigkeit und Willensäußerung zu nehmen jedoch ein Kunstfehler mit unverzeihlichen Folgen.

Die These, dass Kinder ohne Brechen ihres Willens zu Tyrannen oder gar Monstern werden, hat meiner Meinung nach eine lange Tradition. Bestimmend für Deutschland war das millionenfach vertriebene Buch vor und ungebrochen nach 1945 der Ärztin Dr. Johanna Harrer "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind". Die letzte Auflage erschien 1987. Hauptthese ist hier: Geben wir dem Willen der Kinder nach, werden Monster aus ihnen. Die in Mode gekommene, häufig fehlindizierte Verabreichung von Ritalin ist sicherlich ein Vorläufer des Erfolges des Antipsychotikum Pipamperon. Die Folgen der von Grenzen beherrschten Heimerziehung werden erst heute gesehen und öffentlich gemacht.

Prof Dr. Hans Becker, Heidelberg

© SZ vom 20.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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