Facebook:Die Übermacht

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Weihnachtlicher Lichterglanz in Madrid

Noch schnell ein Bild der mit Lichtern geschmückten Straße in Madrid posten: Rund 1,9 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt nutzen die Dienste von Facebook, um Nachrichten zu schreiben oder Bilder zu versenden.

(Foto: Meng Dingbo/dpa)

Facebook steht im Mittelpunkt der öffentlichen Kritik. Vielen ist der kalifornische Konzern zu mächtig geworden. Er hat nun erst mal den Namen geändert - um noch größer zu werden. Künftig will der Konzern sich noch stärker ins Virtuelle verlagern.

Von Thorsten Riedl

Ein Unternehmen im Kreuzfeuer: Kaum ein anderer Tech-Konzern vereint so viel Macht, über seine Nutzer, die öffentliche Meinung, letztlich sogar auf Demokratien weltweit. Kaum ein Zweiter steht derzeit so in der Kritik wie Facebook. Unter Regie von Gründer Mark Zuckerberg hat das weltweit größte soziale Netz kürzlich seinen Namen geändert. Es verlagert sich künftig ins Virtuelle, ins Metaversum. Viele andere Unternehmen dürften der Strategie bald folgen. Meta - so der neue Name von Facebook steht dann über allem, quasi als Meta-Konzern.

Mark Zuckerberg programmierte Facebook ursprünglich, um zusammen mit Kumpels das Aussehen von Kommilitoninnen zu bewerten - damals war er noch Student der Psychologie und Informatik an der US-Universität Harvard. Die erste Version der Internetseite war nach Protesten der Betroffenen nur wenige Tage online. Kurze Zeit später, im Frühjahr 2004, ging Facebook in seiner heute bekannten Form an den Start. Nach einem langsamen Start begann der kometengleiche Aufstieg des sozialen Netzes: Rivalen wie das US-Angebot Myspace.com oder lokale Angebote wie StudiVZ wurden verdrängt.

Social-Media-Manager sind Strategen für Klicks und Likes

Soziale Netzwerke werden immer bedeutender. Allein Facebook zählt knapp drei Milliarden Nutzer.

(Foto: Robert Günther/dpa-tmn)

Ende 2004, im ersten Jahr nach Gründung, nutzten eine Million Menschen Facebook, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Sechs Jahre später waren es bereits eine halbe Milliarde. Inzwischen teilen 1,9 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt ihren Status auf den Seiten des sozialen Netzes, versenden Bilder oder Nachrichten. Tag für Tag. Insgesamt zählt das Unternehmen knapp drei Milliarden Nutzer. Und längst ist Facebook weit mehr als nur die Website facebook.com.

Das wurde Milliarden Menschen auf der ganzen Welt in sechs Stunden Anfang Oktober schlagartig bewusst. Wegen eines Netzwerkfehlers, so teilte es der Zuckerberg-Konzern später mit, fielen alle Dienste aus. Es konnten keine Mitteilungen mehr versendet werden über den Facebook-eigenen Kurznachrichtendienst Messenger und auch nicht über das Smartphone-Programm Whatsapp, das der Konzern vor sieben Jahren für 19 Milliarden Dollar übernommen hat. Auch auf der Fotoplattform Instagram, gekauft für nur eine Milliarde Dollar vor neun Jahren, herrschte Ruhe. In normalen Zeiten werden dort beinahe 1000 Beiträge veröffentlicht. Pro Sekunde.

Durch den Ausfall verlor Zuckerberg sechs Milliarden Dollar

Durch den Ausfall sank das Vermögen von Zuckerberg nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg innerhalb weniger Stunden um sechs Milliarden Dollar. Um so viel sackte es durch den Kursrutsch der Meta-Aktien an der Börse ab. Der wahre Schaden wird sich erst im Finanzbericht für das vierte Quartal zeigen, den das Unternehmen Anfang 2022 vorlegen muss.

Der Ausfall reiht sich in eine Flut von Negativmeldungen, mit denen das Unternehmen in den vergangenen Wochen seinen Ruf ramponiert hat. Besonders litt der Zuckerberg-Konzern unter den Enthüllungen der ehemaligen Facebook-Managerin Frances Haugen. Sie arbeitete bis Frühjahr noch als Produktmanagerin bei dem sozialen Netz. Nachdem ihre Abteilung aufgelöst worden war, packte sie aus. Unter anderem bewies sie mit internen Unterlagen, dass der Konzern um die schädlichen Folgen - Essstörungen und Depressionen bei weiblichen Teenagern - durch übermäßigen Instagram-Konsum speziell bei Jugendlichen weiß. Zudem würden die Algorithmen von Facebook das Einstellen von Hassbotschaften fördern. Der Profit sei dem Unternehmen wichtiger als das Gemeinwohl.

Das US-Wirtschaftsmagazin Wall Street Journal veröffentlichte in neun Teilen die Artikelserie "Die Facebook-Daten". Als Basis der Recherche dienten unter anderem die Unterlagen der Whistleblowerin. Haugen bezeugte ihre Aussagen Anfang Oktober in einem Auftritt vor dem US-Senat, Anfang November dann vor dem Europäischen Parlament. "Ich sitze vor Ihnen, weil ich überzeugt bin, dass Facebook gefährlich ist für unsere Kinder", erklärte sie vor den Politikern. "Es sät Zwietracht und schwächt unsere Demokratie." Die Informationen befeuerten die Debatte um das Netzwerk, das immer mächtiger wird.

Konzernchef und -gründer Zuckerberg kann das gar nicht recht sein. "Was wir hier sehen, ist eine konzertierte Aktion, bei der vertrauliche Dokumente gezielt genutzt werden, ein falsches Bild von unserem Unternehmen zu zeichnen", erklärte er. Der 37-Jährige präsentiert sich als Opfer.

Kollegen und Freunde sollen sich künftig im Metaversum treffen

Auch vor diesem Hintergrund ist der neue Name des Unternehmens aus dem Silicon Valley zu verstehen - aber nicht nur. Die neue Unternehmensmarke soll alles umfassen, was wir tun, so erklärt Zuckerberg den Begriff "Meta". Es geht natürlich auch um das künftige Geschäftsfeld: das Metaversum, das fiktive Universum.

Der Begriff Metaversum stammt aus dem Science-Fiction-Roman "Snow Crash" aus dem Jahr 1992. Dort agieren Menschen als computergeschaffene Ebenbilder ihrer selbst, als Avatare, in einer ebenso künstlichen Welt. Mit der Umbenennung zu Meta fügt sich der Tech-Konzern in eine Reihe mit anderen Unternehmen, die über ihr ursprüngliches Geschäftsfeld hinausgewachsen sind und noch hinauswachsen wollen: Alphabet etwa. Vor sechs Jahren hat sich Google so genannt, weil es nicht mehr nur auf das Suchmaschinengeschäft reduziert werden wollte; oder die deutsche New Work, vormals Xing, die mehr sein will als Anbahnungsportal für Geschäftskontakte.

Genau wie Alphabet wird Meta eine Holding, eine Muttergesellschaft von Töchtern wie Facebook, Instagram, Whatsapp oder dem Anbieter von Virtual-Reality-Brillen Oculus, der seit sieben Jahren zum Konzern gehört. Oculus wird eine wichtige Rolle spielen bei der Weiterentwicklung des Konzerns - hin zu einem Anbieter im Metaversum. Darunter versteht Zuckerberg den "Nachfolger des mobilen Internets", wie er jüngst erklärte.

Zuckerberg will 10 000 Stellen in der EU schaffen, die sich mit dem virtuellen Universum beschäftigen

Man könnte auch sagen, dass es sich um eine begehbare, virtuelle Version des Netzes handelt. Kollegen und Freunde sollen sich künftig im Metaversum treffen, dort miteinander spielen, reden, arbeiten - selbst wenn sie Tausende von Kilometern entfernt wohnen. Möglich wird das etwa durch Virtual-Reality-Brillen von Oculus. Einmal aufgezogen, versinkt der Nutzer in einer neuen Wirklichkeit, dem Metaversum, vom Computer erschaffen. Andere Unternehmen arbeiten ebenso an dieser Vision.

Zu den großen Marktteilnehmern gehören im Geschäftsbereich B2B, also zwischen Firmen, derzeit neben Meta auch der Softwarekonzern Microsoft, der Chiphersteller Nvidia und das Telekommunikationsunternehmen Cisco, schreibt Dina Capelle, Senior Analystin bei PAC, die Investmentchancen für Metaversen im B2B-Bereich noch eher gering einschätzt. In ihrem Blog warnt Capelle vor den Schattenseiten des Metaversums, das zur stärkeren Überwachung der Mitarbeiter im Home-Office einlade und die Privatsphäre gefährde. Unternehmen rät sie, das Wohl der Mitarbeiter im Blick zu behalten, die psychischen Folgen wie Burnout seien nicht außer Acht zu lassen.

"Ich hoffe, dass die Menschen uns künftig vor allem als Metaversum-, weniger als Social-Media-Unternehmen wahrnehmen werden", sagt Meta-CEO Zuckerberg und hat für die Kritiker noch ein besonderes Bonbon parat. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will das Unternehmen 10 000 neue Stellen in der Europäischen Union schaffen, die sich mit dem Metaversum beschäftigen. Andere Unternehmen sind schon weiter als Meta: Die Spieleplattformen Roblox und Fortnite etwa gelten als Metaversen - auch hier kreieren die Nutzer ihre Welten selbst, Konzertauftritte von echten Musikbands inklusive. Reale und virtuelle Welt verschmelzen.

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