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Angela Merkel:Wie ist sie denn so, die Kanzlerin?

75 Jahre Süddeutsche Zeitung

Seit 15 Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin - aber wie nah kann man ihr als Reporter wirklich kommen?

(Foto: Michael Sohn)

Kann man Angela Merkel als Reporter wirklich nahe kommen? Es gibt dafür Gelegenheiten. Erstaunlich viel lässt sich aber auch durch reine Beobachtung ablesen.

Von Nico Fried, Berlin

Als Journalist über Angela Merkel zu schreiben, ist manchmal schwierig, weil man sie nicht einfach anrufen oder besuchen kann. Natürlich gibt sie Pressekonferenzen, aber in der Regel steht die niedrige Zahl der möglichen Fragen im umgekehrten Verhältnis zur hohen Zahl der Fragesteller. Die Kanzlerin hat auch einen Sprecher und genau genommen ein ganzes Presseamt, das dazu da ist, Fragen zu ihr und ihrer Politik zu beantworten. Aber manchmal möchte man sie eben am liebsten selber etwas fragen, unter vier Augen, auch mal ihre Reaktion erleben, vielleicht gleich noch mal nachfragen.

Es gibt nur eine Chance, wenn es mal wirklich sein muss: Man stellt sich ihr in den Weg. Im Bundestag eignet sich dafür eine Ecke, wo der Flur der Parlamentslobby in eines der Treppenhäuser abzweigt, die zur Pforte führen. Hier geht die Kanzlerin fast immer entlang, wenn sie zu Bundestagssitzungen kommt. Dann hat sie allerdings meistens keine Zeit. Hier geht die Kanzlerin aber auch entlang, bevor sie das Reichstagsgebäude wieder verlässt. Das ist der Moment.

Es gibt viele Arten, über Politik zu schreiben. Natürlich zählen die Reden, die Mehrheiten, die Gesetze und vor allem die Ergebnisse. Für die Süddeutsche Zeitung ist es aber immer schon wichtig gewesen, auch die Politiker zu beschreiben: was sie antreibt, wie sie Politik machen, wie sie mit anderen Politikern umgehen. Das Menschliche macht das Politische besser verständlich - weil sich zeigt, dass auch in der Politik vieles so abläuft wie im richtigen Leben. Und es ist das Privileg von Parlamentsreportern, dass sie besonders nahe dran sein können. Na ja, manchmal.

Um den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, sich Merkel in den Weg zu stellen, muss man sie zunächst von der Journalistentribüne des Bundestags aus beobachten. In der Regel steht sie häufig auf und läuft im Plenarsaal herum, hält hier ein Schwätzchen und da noch eins. Wenn die Kanzlerin aber ihre Handtasche nimmt, ist das ein untrügliches Zeichen des Aufbruchs. Dann gilt auch für den Reporter: nichts wie los. Weg von der Tribüne, raus aus dem Saal, an der Besuchergarderobe vorbei, eine Treppe runter und auf den Flur. Das muss schnell gehen, denn die Kanzlerin hat den kürzeren Weg. Nun heißt es warten. Durch diese hohle Gasse muss sie kommen. Und kommt sie da nicht schon?

Berlin

Es gibt nur eine Chance, mit Merkel zu reden: Man stellt sich ihr in den Weg. SZ-Journalist Nico Fried im Gespräch mit der Bundeskanzlerin.

(Foto: Regina Schmeken)

Wie alle Machtmenschen hat auch Angela Merkel durchaus die Fähigkeit, durch jemanden hindurchzuschauen. Sie geht dann einfach vorbei, als sei man sich noch nie begegnet, aber das ist die Ausnahme. Einen "guten Tag" wünscht sie fast immer. Und manchmal bleibt sie stehen, dann kann man sich mit ihr unterhalten. Leserinnen und Leser fragen gelegentlich: Wie ist sie denn so, die Frau Merkel? Eigentlich ganz nett.

Im Sommer 2006 habe ich das erste Mal in Vertretung meines damaligen Chefs an einem Hintergrundgespräch mit der Kanzlerin Merkel teilgenommen. In Hintergrundgesprächen unterhalten sich Politiker und eine Gruppe von Journalisten vertraulich, im Fachjargon heißt das "unter drei". Man darf daraus nicht zitieren, aber man kann verwenden, was man erfährt. Es kommt äußerst selten vor, dass Politiker in solchen Gesprächen unter drei etwas anderes sagen als vor Mikrofonen. Aber sie müssen eben nicht jedes Wort und jede Formulierung auf die Goldwaage legen.

In dem Gespräch ging es vor allem um Gesundheitspolitik, weil die große Koalition eine große Reform plante. Die Kanzlerin war noch kein Jahr im Amt. Das merkte man aber weniger ihr an als einigen Journalisten, die nicht so sehr Fragen stellten, sondern Merkel vor allem erklärten, warum dies nicht gehe und das auch nicht. Aber Merkel steckte tief im Stoff. Ich habe mich auch einmal gemeldet, aber nur um so zu tun, als könnte ich mitreden. Ich, über Gesundheitspolitik. Sie hat meine wahre Expertise schnell erkannt.

Lustig war es trotzdem, weil Merkel später noch einen französischen Präsidenten imitierte. Seither weiß ich, dass sie Humor besitzt, woran sich in mehr als 14 Jahren Kanzlerschaft auch nichts geändert hat. Gelegentlich bekommt sie regelrecht Lachanfälle, so wie einmal im Flugzeug während einer Reise. Da sprach sie über den Verkauf eines U-Bootes aus Deutschland. Das Abnehmerland wollte einfach nicht bezahlen und dachte sich immer neue Gründe aus. Das letzte Argument zur Zahlungsverweigerung war nun, das Boot sei nicht gerade, sondern krumm wie eine Banane. Als die Kanzlerin das erzählte, japste sie und musste vor Lachen weinen.

Reisen sind ohnehin gute Gelegenheiten, mit der Kanzlerin zu sprechen. Wenn sie Staatsbesuche außerhalb Europas macht, zum Beispiel den Antrittsbesuch bei einem neuen US-amerikanischen Präsidenten, nimmt sie in der Regel Pressevertreter mit. In der Regierungsmaschine sitzt Merkel mit ihren wichtigsten Mitarbeitern vorne, die Journalisten hinten. Die Kosten für die Reise bezahlen die Verlage und Sender der Reporter, nicht der Staat. Es gibt im Flugzeug einen Besprechungsraum, in dem man sich mit der Kanzlerin trifft, meist für etwa eine Stunde. Der Raum hat, über drei Polsterbänke verteilt, ungefähr acht Plätze, aber meistens sind weitaus mehr Journalisten dabei, weshalb es häufig eng wird. Man sitzt dann etwas verdreht und unbequem auf einer Armlehne oder zwängt eine Pobacke in die im Polster eingelassene Abstellfassung für Getränke. Ein Reporter hat sogar mal ein ganzes Gespräch lang hinter den Kollegen quer auf einem Ablageboard gelegen. Wer neben Merkel sitzt, kann Tuchfühlung aufnehmen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf dem Hinflug erläutert die Kanzlerin Sinn und Zweck der Reise. Auch hier spricht man im Hintergrund - unter drei. Auf meiner ersten Reise mit dieser Kanzlerin flogen wir in den Nahen Osten. Sie erzählte, wie sie die Lage einschätze. Ich schrieb einen Artikel, wie Merkel wohl die Lage einschätze, und ließ sie gewissermaßen zu Wort kommen, ohne wörtlich zu zitieren. Als wir uns wieder begegneten, war sie sauer und sagte zu mir: "Sie haben aber ein merkwürdiges Verständnis von 'unter drei'." Da hatte ich die Grenze überschritten. Einige Jahre später sagte sie einmal: "Das war aber hart am Rand von unter drei." Da hatte ich die Grenze nicht überschritten, auch wenn es knapp war. Über die Jahre lernt man sich eben besser kennen.

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Merkel 2017 im sächsischen Pirna, damals ein Hochwassergebiet.

(Foto: Regina Schmeken)

Auf dem Rückflug von solchen Reisen berichtet sie über die Gespräche, die sie geführt hat. Danach ist meistens noch Zeit, um Fragen zu beliebigen aktuellen Themen zu stellen. Gibt es einen Machtkampf in der CDU? Wie sehen Sie die Lage des Koalitionspartners? Wie beurteilen Sie ein Detail der Grundrente? Wann fällt die Entscheidung über eine wichtige Personalie? Wenn sie nicht will, beherrscht Angela Merkel allerdings auch alle Formen des Nichtssagens: so tun, als habe sie die Frage nicht verstanden, ausweichen, ablenken, zurückfragen. Einen besonders raffinierten Trick hat sie mal bei einem Kollegen angewandt, als sie sagte, die Antwort auf seine Frage habe doch schon in dessen Zeitung gestanden. Er wusste nicht, was sie meinte. Deshalb stecken die Journalisten nach dem Hintergrundgespräch oft die Köpfe zusammen und analysieren: Wie hat sie dies gemeint? Kann man jenes so verstehen? Die Kanzlerin sitzt da schon wieder auf ihrem Platz und lacht sich ins Fäustchen. Vermutlich.

Auf Reisen mit der Kanzlerin erlebt man auch Geschichten, die nicht unbedingt mit Politik zu tun haben. Als wir auf einem nächtlichen Rückflug aus den USA wegen der Asche eines isländischen Vulkans nicht mehr nach Berlin fliegen konnten, sondern in Lissabon landen mussten, kam Merkel morgens nach dem Aufstehen über dem Atlantik persönlich zu den Journalisten, um sie zu informieren: mit verstrubbeltem Haar und in einem cremefarbenen Frotteeanzug. Oder absurde Situationen: Auf dem Flug mit einem Hubschrauber in Afghanistan saß ich eine gute Stunde neben der Kanzlerin. Aber die Rotorengeräusche waren so laut, dass man sich nicht unterhalten konnte. Ich habe ihr dann auf dem Display meines Handys eine Notiz geschrieben und vor die Nase gehalten: "Glauben Sie bloß nicht, ich hätte keine Fragen. Aber ich halte es für unangemessen, Sie hier anzubrüllen." Oder, ein ganz anderes Extrem, man erlebt die sonst so selbstdisziplinierte Kanzlerin einfach mal völlig erschöpft, erschüttert und ausgelaugt, wie auf dem Rückflug nach ihrem ersten Besuch im früheren Konzentrationslager Auschwitz.

Nähe zu politischen Entscheidern ist ein Privileg, bedeutet aber auch Verantwortung. Nähe kann korrumpieren. Wer zu nah kommt, kann in den Sog geraten. Deshalb ist es wichtig, die professionelle Distanz zu wahren, so gut es geht. Ich würde nie behaupten, dass mir das immer gelungen ist. Aber Kritik um ihrer selbst willen war auch nie meine Herangehensweise. Wenn ich Angela Merkel einige Tage auf einer Reise oder einige Wochen durch eine Krise begleite, ist meine Leitfrage nicht, macht sie es richtig oder falsch, sondern: Wie macht sie es und warum? Je mehr das gelingt, umso besser können sich die Leserinnen und Leser ihre Meinung selbst bilden. Und das tun sie ja auch ganz unterschiedlich, wenn man nur an die Flüchtlingskrise denkt.

Erstaunlich viel lässt sich an dieser Kanzlerin auch durch reine Beobachtung ablesen. Merkel hat einmal selbst erzählt, dass sie ihre Gesichtszüge oft gegen ihren Willen verraten. Ihre Mimik, als Horst Seehofer sie auf dem CSU-Parteitag 2015 wegen der Flüchtlingspolitik abkanzelte, ist dafür ein beredtes Beispiel. Es war der Beginn einer veritablen Beziehungskrise. Bei Pressekonferenzen mit manchen ausländischen Kollegen ist der Grad ihrer wachsenden Ungeduld an der Frequenz erkennbar, in der sie auf den Papierstapel ihres Gastes schielt. Manchmal helfen einem auch kleinste Details, zum Beispiel ein Kratzer im Zifferblatt ihrer Armbanduhr. Zweimal ist das schon vorgekommen - und beide Male versteckten sich dahinter interessante Geschichten.

Auch im Bundestag gibt es viel zu sehen, wenn man nur hinschaut, was die Kanzlerin auf ihrem Platz so treibt, während andere reden. Blicke in ihr Manuskript lassen auf ihre Nervosität schließen, die Schwere der Augenlider verrät ihre Müdigkeit, hohe Handyaktivität zeigt, dass sie in Gedanken vielleicht woanders ist. Öfters ist Merkel auf dem Kanzlerinnenstuhl auch einfach zum Ratschen aufgelegt. Und wenn man Glück hat, erzählen einem Wissende davon. Mit der früheren Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Brigitte Zypries, fachsimpelte die Kanzlerin zum Beispiel gerne über orthopädische Fragen: Zypries hatte es mit der Schulter, Merkel am Becken - und beide haben denselben Orthopäden.

Interviews mit Angela Merkel sind dagegen eine schwierige Sache. Die Gespräche selbst sind meistens lebhaft. Aber bei einer deutschen Bundeskanzlerin zählt jedes Wort. Vieles, was sie konkret gesagt hat, fällt später der Autorisierung zum Opfer und wird in der Endfassung eher eine unverbindliche Formulierung. Die Autorisierung, also das verbindliche Gegenlesen eines Interviews durch den Interviewten, gibt es so nur in Deutschland. Weil bei einigen Politikern vom eigentlichen Gespräch oft nicht mehr viel übrig bleibt, bin ich persönlich kein großer Fan von Wortlaut-Interviews. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Interviews auch für Merkel eher lästige Pflicht sind. Nur eines habe ich mal mit ihr geführt, bei dem man merkte, dass sie selbst Spaß daran hatte. Darin ging es um 30 Jahre Mauerfall und ihre Erinnerungen an das Leben in der damaligen DDR.

Und nun? Corona-Krise. Alles ist plötzlich anders. Erstmals hat Merkel dazu jenseits ihrer traditionellen Neujahrsgrüße eine Ansprache im Fernsehen gehalten. Dann muss die Kanzlerin in die Quarantäne, Pressekonferenzen macht sie im Internet per Livestream, Merkel am Telefon, Kopfkino bei den Journalisten: Sitzt sie zu Hause auf dem Sofa? Oder am Küchentisch? Eine zweite Telefon-Pressekonferenz leidet unter technischen Problemen, ein wegen der Warterei verärgerter Markus Söder mault in der Leitung: "Das ist doch albern hier." Und eine Kanzlerin, die nach ihrem mehrere Minuten langen Eingangsstatement von vorne anfangen muss, sagt: "Ich muss jetzt leider noch mal losleiern."

Sie hat in der Corona-Krise nach ihrer Quarantäne auch wieder viele normale Pressekonferenzen gegeben. Was eben jetzt normal ist: Die Stühle für die Reporter sind dann weit im Raum verteilt, wie Findlinge auf einer Wiese - es gilt, Distanz zu wahren. Auch an der Ecke im Bundestag hat sich meine Position verschlechtert. Zwei Meter Sicherheitsabstand machen es nicht wirklich leichter, sich einer Bundeskanzlerin in den Weg zu stellen.

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© SZ.de/isp/fued/cat
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