MenschenObdachlos in Berlin

Lesezeit: 4 Min.

(Foto: Johanna Strahl)

Seit ihrem 13. Lebensjahr schläft Kim immer wieder draußen. Unter Brücken, in verlassenen Fabriken oder Krankenhäusern. Sie kommt zurecht, sagt sie. Was nicht klappt: an übermorgen denken.

Von Moritz Hackl

Am liebsten verbringt Kim den Tag im Saturn am Alexanderplatz, an den Konsolen dort, zocken. Ballerspiele gegen ihre Freunde. Mal gewinnt sie, mal verliert sie, aber das ist ihr gar nicht so wichtig. Selbst das Verlieren fühlt sich hier gut an. Hier, im dritten Stock, ist Kims Welt in Ordnung, stundenlang.

Schwarze Jeans, schwarzer Pullover, pinke Haare. Kim liebt Tiere. Sie hat sich einen Schmetterling auf den Hals tätowieren lassen. Dieses Flattern, diese Leichtigkeit. Und außerdem: Jeder Schmetterling war ja auch mal eine Raupe.

Die erste Nacht unter der Brücke war schrecklich. Kim war 13, ist Hals über Kopf los. Sie hatte sich mit ihrer Mutter gestritten, mal wieder. Worüber? Weiß sie nicht mehr. Wohin? Keine Ahnung. Unter die Brücke?

So was ist wie ein Ausschlag, sagt sie, ein Ausschlag, der sich ausbreitet: Erst waren da die Mitschüler, die sie triezten, dann haben die Lehrer Probleme gemacht, dann hat sie geschwänzt - erst die Hausaufgaben, dann den Unterricht. Dann haben die Lehrer noch mehr Probleme gemacht, sich bei ihrer Mutter beschwert ... Und zack, ist das ganze Leben eine einzige wunde Stelle. Erst unter der Brücke merkt sie, dass sie gar nicht richtig geplant hat. Worauf soll sie überhaupt schlafen? Wie sich zudecken? Sie findet ein paar Pappen, kauert sich darauf. Oben auf dem Gehweg klackern Schuhe, betrunkene Stimmen dazu, ein Moped gibt Gas. Kim kann nicht schlafen. Wind bringt die Luft zum Rauschen. Dann wieder Stimmen: ein Paar auf dem Heimweg vom Restaurant? Lehrer? Polizei?

In Deutschland sind laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr 38 000 Menschen zwischen 14 und 17 Jahren akut von Obdachlosigkeit bedroht. Jeder zweite von ihnen findet eine Couch, auf der er schlafen kann, mal bei einem Onkel, mal bei der Schwester, mal bei einem Freund. Verdeckte Obdachlosigkeit wird das genannt, weil die Jugendlichen zwar einen Schlafplatz haben, der aber nie von Dauer ist. Etwa 11 000 Jugendliche wohnen in Notunterkünften, also Einrichtungen wie betreute Wohngemeinschaften oder Heime. 6000 Jugendliche leben auf den Straßen deutscher Städte.

Eine davon ist Kim. Sie ist mittlerweile 21 Jahre alt. Inzwischen weiß sie, wo sie schlafen kann, wo sie sich davor noch einen Schlafsack oder eine Isomatte besorgen kann und wo Matratzen rumliegen. Geld fehlt immer. Manchmal stecken ihr Passanten ein paar Münzen zu. Manchmal muss sie betteln. Tagsüber streunt sie meist durch die Stadt, schaut zum Beispiel beim Verein Straßenkinder vorbei. Da bekommt sie was zu essen, kann ihre Klamotten waschen. Aber schlafen kann sie da nicht. Gerade um den Alexanderplatz haben die Gebäude so viele Stockwerke, so viele Zimmer, so viel Platz. Aber nicht für Kim. Sie geht leicht gebückt, den Kopf zwischen die Schultern gesteckt, ein bisschen so, als wünsche sie sich, von niemandem gesehen zu werden. Überall fühlt sie sich unerwünscht. Wenn sie aufs Klo muss, huscht sie schnell in ein Restaurant und hofft, dass der Kellner sie nicht erwischt.

In Kims Lebensgeschichte gibt es eine Sache, die sich durchzieht: Pech. Da ist ihre Mutter, die psychische Probleme hat und sich nicht um ihre Tochter kümmern kann, die Klasse, in der sie gemobbt wird, die Lehrer, die Kim nicht helfen können, Kim, die sich kaum noch aus dem Bett schleppen kann, das Sozialamt, das beschließt, dass Kim nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen soll. Es folgen viele kleine Chancen: eine WG, die geschlossen wird, Wohnungen, aus denen sie wieder ausziehen muss. Zwischendurch schläft sie immer mal wieder bei ihrer Mutter - heimlich, weil das Amt nichts davon wissen darf, dann wieder bei ihrem Bruder. Wenn ihr alles zu viel wurde, sucht sie Schutz auf den Straßen von Berlin. Ja, "Schutz" - so komisch sich das auch anhört.

Neulich bekam sie einen Platz im betreuten Einzelwohnen. Eine eigene Wohnung, leider nur für ein paar Monate. "Weil ich zu gutherzig bin", sagt sie. Sie hat Freunde und Fremde, die sie auf der Straße getroffen hat, mitgenommen, ließ sie bei sich schlafen. Obwohl sie wusste, dass das im betreuten Wohnen nicht erlaubt ist. Aber Kim weiß auch, wie kalt es nachts werden kann, wie dreckig und müde man sich fühlt, wenn man morgens unter der Brücke aufwacht, wie einsam es auf der Straße werden kann. Als die Betreuenden Wind davon bekommen, setzen sie Kim vor die Tür. Also schläft sie wieder in verlassenen Chemiefabriken, zum Abbruch frei gegebenen Krankenhäusern, wenn ein bisschen Geld da ist, auch mal im Hostel.

Für alles, was passiert, gibt sich Kim selbst die Schuld. Für die kleinen Missgeschicke, die sich zu Pech zusammenkleben, für die Dinge, die schieflaufen. "Ich habe halt wieder mein Ding gemacht", sagt sie dann zum Beispiel. "Mein Kopf ist immer woanders, ich bin immer am Handy oder am Zocken. Ich bin halt ein fauler Mensch." Ein Streetworker, der Kim kennt, weiß, dass das so nicht stimmt. "Wenn man nie irgendwo ankommt, dann ist das eine Dauerbelastung", sagt er. Wenn man sich von einer Wohnung, von einem Schlafplatz zum nächsten hangelt, dann ist es verdammt hart, sein Leben geregelt zu bekommen, mehr zu planen als die nächste Nacht. Aus der Wohnungslosigkeit auszubrechen, braucht viel Kraft.

Heute Morgen hat Kim einen Clip für Tiktok aufgenommen. In dem Video leuchten ihre Haare, ein Filter streut Sommersprossen über ihr Gesicht, sie singt zu einem Ärzte-Song. Kim sieht glücklich aus, der Schmetterling auf ihrem Hals - fast flattert er. Über 10 000 Follower schauen ihr zu. Keiner von ihnen darf wissen, wer Kim wirklich ist, dass sie noch nicht weiß, wo sie heute Abend schlafen wird, dass sie obdachlos ist. Kim hat einen Antrag gestellt, damit sie zurück ins betreute Einzelwohnen ziehen kann. In eine eigene Wohnung, am liebsten mit Balkon. Sie will ein paar Pflanzen ziehen. Vielleicht kommt auch ein Schmetterling.

Zum Thema Jugendobdachlosigkeit ist im Verlag Wacker und Freunde ein wirklich guter und wichtiger Jugendkrimi erschienen: "Das Mädchen in unserem Badezimmer" von Henrik Hitzbleck und Kerstin Wacker. Auf Anfrage liest die Autorin auch in Schulklassen der Jahrgangsstufen 8 und 9 aus ihrem Buch vor. Oft begleitet sie dabei ein Streetworker oder eine Streetworkerin, die über die Arbeit mit Straßenjugendlichen berichten und Fragen beantworten.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: