MedizinGute Besserung

Lesezeit: 3 Min.

Tierärztin Anna May hält ein wenige Tage altes Minishetlandpony auf dem Arm. Es heißt Lilo. Wenn ein Fohlen noch keinen Namen hat, bekommt es in der Klinik einen - hilft beim Gesundwerden.
Tierärztin Anna May hält ein wenige Tage altes Minishetlandpony auf dem Arm. Es heißt Lilo. Wenn ein Fohlen noch keinen Namen hat, bekommt es in der Klinik einen - hilft beim Gesundwerden. (Foto: michela morosini)

Genau wie Menschen müssen auch Pferde manchmal ins Krankenhaus. Ein Besuch auf der Intensivstation für Fohlen der Universitätsklinik München.

Von Sina Horsthemke

Geburt verpennt

Klingt komisch, passiert aber gar nicht so selten. Manche Fohlen merken nicht, dass sie auf die Welt gekommen sind. Sie sind teilnahmslos und verwirrt, wollen weder aufstehen noch trinken. So ähnlich wie frühgeborene Babys brauchen sie dann Wärmelampen und werden mit Milch aufgepäppelt. Am besten aber hilft der Stricktrick: Indem Tierärztinnen und Tierärzte Seile um die Körper der Fohlen wickeln und für einige Minuten Druck auf deren Brustkorb ausüben, gaukeln sie dem Fohlen die eigene Geburt vor: Los jetzt, das Leben startet! Dadurch kommen die neu geborenen Pferde meist zu sich.

Schwache Beine

Einer der größten Unterschiede zwischen Menschen und Pferden: Babys sind nach der Geburt völlig hilflos und können nichts als schlafen, trinken, brüllen. Fohlen hingegen sind schnell selbständig. Pferde sind nämlich sogenannte Nestflüchter. Als Fluchttiere müssen sie innerhalb der ersten Stunde nach ihrer Geburt aufstehen, damit sie jederzeit davonlaufen können, falls ein Raubtier auftaucht. Zwar müssen Pferde heute keine Angst mehr vor Wölfen haben, doch der Fluchtinstinkt steckt immer noch tief in ihren Genen. Ein Fohlen, das zum Beispiel aufgrund von Sehnenproblemen nicht stehen kann, erreicht außerdem das Euter der Mutter nicht. Bekommt es nicht kurz nach der Geburt Milch, verliert es Kraft und wird krank. Die Tierärzte stützen dann das Fohlen beim Aufstehen und Trinken. Langfristig bekommt es Physiotherapie, bei der die Sehnen vorsichtig gedehnt werden, bis das Fohlen die Beine strecken und alleine stehen kann.

Keine Milch

Finden Fohlen in den ersten zwei Stunden nach ihrer Geburt das Euter der Mutter nicht oder können nicht aufstehen, um die Zitzen zu erreichen, muss schnell Hilfe her. Allerdings sollte man einem Fohlen keinesfalls wie einem Baby die Flasche geben, auch wenn das süß aussieht: Dann nämlich kann Milch in die Lunge laufen und dort eine Entzündung auslösen. Das ist lebensgefährlich. In der Fohlenklinik lernen die Pferdekinder deshalb, aus einer Schüssel oder einem Eimer zu trinken. Hat eine Stute nicht genügend Milch, hilft eine Ammenstute aus. Das ist eine Art Ersatzmama, die neben ihrem eigenen Fohlen auch noch ein fremdes mit Milch versorgt. Sehr schwache und kranke Fohlen ernährt anfangs eine Magensonde - bis sie kräftig genug sind, um selbst zu trinken.

Bauchschmerzen

Haben Fohlen Bauchweh, nennt man das Kolik. Der Pferdedarm ist sehr lang und kann sich verknoten. Pferde können sich nicht erbrechen. Deswegen kann so eine Kolik lebensgefährlich sein. Ob die Verdauung gut funktioniert, sieht man an der Fohlenkacke: Drei bis vier Stunden nach der Geburt setzen Fohlen einen klebrigen dunklen Klumpen ab, der Darmpech heißt. Erst danach äppeln sie gelblich weichen Milchkot ab. Klappt das nicht, oder gibt es eine Darmpech-Verstopfung, brauchen Fohlen schnell Hilfe. In der Klinik bekommen sie Infusionen mit Flüssigkeit und Medikamenten, die den Darm in Schwung bringen und Schmerzen lindern.

Durchfall

Verlieren die Pferdeäpfel ihre Form und werden weich wie Apfelmus, hat das Fohlen Durchfall. Das kann gefährlich werden, weil der Körper dadurch viel Flüssigkeit verliert, was den Kreislauf schwächt. Es ist wichtig, verloren gegangene Flüssigkeit mit einer Infusion zu ersetzen. Außerdem sollte die Ursache des Durchfalls, etwa eine Infektion mit Bakterien, bekämpft werden.

Nabelbruch

Im Mutterleib werden Fohlen genau wie Babys durch eine Nabelschnur mit Nährstoffen versorgt. Die Nabelschnur ist der Verbindungsstrang mit dem Körper der Mutter. Dafür gibt es ein kleines Loch im Bauch, die Nabelpforte. Bei Babys ist das ganz ähnlich, heißt aber Nabelring. Nach der Geburt vernarbt und verschließt sie sich eigentlich. Manchmal aber ist das Loch so groß, dass eine Lücke bleibt. Daraus kann ein sogenannter Nabelbruch entstehen, bei dem sich ein Stück Darm durch die Lücke zwängt. Das erkennt man an einer kleinen Wölbung am Bauch. Bleibt sie länger als ein halbes Jahr, steht für das Fohlen eine kleine Operation an.

Fieber

Fieber kann bei Fohlen wie bei Kindern verschiedene Ursachen haben. Oft ist eine Infektionskrankheit der Grund, hinter der Viren oder Bakterien stecken, zum Beispiel eine Pferdegrippe. Der Körper erhöht dann die Temperatur, um die Krankheitserreger loszuwerden. Das kostet jedoch viel Kraft und genau wie Babys trocknen Fohlen bei Fieber schnell aus. Die Tierärztinnen und Tierärzte behandeln sie dann mit Infusionen und Medikamenten. Pferde können übrigens auch das Coronavirus bekommen - allerdings meist ohne Symptome.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: