Internationale Hochschul-Kooperationen:Grüne Geschäftsmodelle für Afrika

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Die Managerschule IESE setzt seit vielen Jahren auf deutsch-afrikanische Freundschaft - und hat die Zusammenarbeit in der Lehre immer weiter ausgebaut. Das Foto zeigt den Campus in Barcelona. (Foto: IESE)

"Africa Initiative": Die IESE Business School pflegt Wissenstransfer auf vielfältige Weise. Zudem engagiert sich die Hochschule in Subsahara-Ländern für Nachhaltigkeit - mit sehr realitätsnahen Projekten.

Von Stephanie Schmidt

Auch Räume können kommunizieren. Schon das großzügige Foyer der IESE Business School am Standort München vermittelt eines der Leitmotive dieser privaten Hochschule: Internationaler Dialog wird hier stark gefördert. Im Eingangsbereich des historischen Stadtpalais an der Maria-Theresia-Straße 15 im Stadtteil Bogenhausen prangt eine Weltkarte an der Wand, auf der die Standorte der 15 Partnerhochschulen auf verschiedenen Kontinenten markiert sind. Seit die Managerschule vor mehr als 60 Jahren eröffnet wurde, hat sie Studentinnen und Studenten aus insgesamt 150 Nationen ausgebildet.

Der Münchner Campus wurde 2015 eröffnet und gehört mit einer Nutzfläche von circa 1400 Quadratmetern zu den kleineren der insgesamt fünf IESE-Campusse. Im Hörsaal stehen Namensschilder, die auf unterschiedliche Nationen verweisen. "Luca" ist auf einem von ihnen zu lesen, auch "Ignacio" oder "Irina" wollen hier den Titel Master of Business Administration (MBA) erwerben. "Zu unseren Studierenden gehören auch Russen. Da sie momentan nicht zu uns kommen können, werden sie zugeschaltet", erklärt Franz Heukamp, 48, Dean der IESE Business School der University of Navarra, wie die Hochschule offiziell heißt.

Ihre drei Partner-Hochschulen in Afrika berät IESE intensiv in Sachen Didaktik

Auffallend oft liest man afrikanische Namen auf den Schildern, die bei IESE-Konferenzen oder -Seminaren an den jeweiligen Plätzen der Teilnehmer stehen. Afrikaner und Afrikanerinnen sind an der Managerschule immatrikuliert oder im Rahmen von Konferenzen zu Gast. Ein beliebter afrikanischer Vorname ist "Femi", was "Liebe" bedeutet.

Die intensive Hinwendung zum afrikanischen Kontinent prägt auch die Hochschulkultur von IESE. Erste Impulse für eine im Laufe der Jahre stärker werdende Bindung kamen vor Jahrzehnten von engagierten Alumni. Unter dem Dach ihrer "Africa Initiative" hat IESE zahlreiche Aktivitäten gebündelt. Auf dem afrikanischen Kontinent arbeitet sie mit drei Business Schools zusammen. "Das sind im Prinzip unabhängige Institutionen, die wir mitgegründet haben", erklärt Heukamp. Zu ihnen gehören die Strathmore University Business School in Kenia und die MDE Business School an der Elfenbeinküste.

IESE unterstützt sie bei der Entwicklung qualitätvoller akademischer Programme, ebenso wie die Lagos Business School in Nigeria, die seit 1991 Führungskräfte ausbildet. Sie war die erste der drei afrikanischen Business Schools, an deren Lehrangebot IESE mitgewirkt hat. "Für die Menschen an der Schule war es damals schon großartig, überhaupt einen Computer zu haben", erinnert sich Javier Santomá, Co-Director der Africa Initiative und Professor im Financial Management Department auf dem großen Campus in Barcelona. Er ist das Herzstück der Schule und bietet eine Nutzfläche von 60 000 Quadratmetern. Mittlerweile hat man in Lagos einen Vollzeit-MBA im Angebot, der in den Business-School-Rankings der Financial Times gelistet ist. Das allein will schon etwas heißen.

Eine der Stärken seiner Schule seien Praxisnähe und Fallstudien, sagt Franz Heukamp, Dean der IESE Business School. Davon profitierten auch die Partner-Hochschulen in Afrika. (Foto: IESE)

Die IESE Business School setzt aufs Präsenzstudium oder auf eine hybride Form der akademischen Weiterbildung, ein reines Online-MBA-Programm strebe man vorläufig nicht an, betont Heukamp. Er ist Professor für Decision Science und beschäftigt sich mit Risikoanalyse und damit, wie man in der Wirtschaft Entscheidungen trifft. Vorlesungen halten könne er allerdings momentan keine. "Ich manage die ganze Schule und trage die gesamtwirtschaftliche Verantwortung" - für ein Bildungsimperium mit fünf Campussen, 118 Vollzeit-Professoren, 600 nicht-akademischen Mitarbeitern, 145 Partnerunternehmen in aller Welt und einem Netzwerk von 50 000 Alumni sowie ganz unterschiedlichen Forschungsaktivitäten.

"Wir arbeiten sehr praxisorientiert, Case Studies spielen bei uns eine sehr wichtige Rolle", beschreibt Heukamp ein weiteres Charakteristikum der Managerschule. Davon können auch die drei afrikanischen Business Schools profitieren. Dozenten und Wissenschaftler aus Europa bringen angehenden Führungskräften an den Partnerschulen in Afrika bei, wie man Fallstudien professionell bearbeitet. Lehrende in Afrika wiederum würden von IESE-Experten in Didaktik, aber auch darin trainiert, ihre eigenen Case Studies zu schreiben, fügt Santomá hinzu. Zur Africa Initiative gehören zudem wechselseitige Auslandsaufenthalte von Studierenden, die dem Wissenstransfer in beide Richtungen dienen. Der Professor nennt konkrete Beispiele dafür: "Studenten aus Lagos können für drei Monate nach Barcelona gehen. Und Teilnehmer aus Spanien können ein Auslandssemester in Lagos verbringen." Zwei Jahre lang waren solche Aufenthalte wegen der Pandemie nicht möglich. Santomá ist froh, dass sich die Situation inzwischen wieder entspannt hat. "Noch im Juli erwarte ich drei Gruppen von Studierenden von der Elfenbeinküste."

Europäische Dozenten profitieren von Besuchen bei afrikanischen Start-ups

Wer der Africa Initiative einen rein missionarischen Charakter unterstellte, dem würden Santomá und Heukamp widersprechen. Das Lernen ist indes ein gegenseitiges. Für hiesige Professoren kann es Heukamp zufolge zum Beispiel interessant sein, nach Nigeria zu fahren, um Start-ups kennenzulernen. Dort gebe es Unternehmer, die interessante Anwendungen zum Thema Educational Technology entwickelt hätten, etwa Software zum Selber-Lernen.

Was gehört noch zur Africa Initiative? Ganz unterschiedliche Aktivitäten. Gemeinsame Forschungsprojekte von Wissenschaftlern der Partnerschulen in Afrika und Dozenten von IESE. Die Möglichkeit für Business-Studierende der afrikanischen Wirtschaftsschulen, auf einem spanischen IESE-Campus zu promovieren. Zum Beispiel internationale Weiterbildungsprogramme, die regelmäßig in Spanien angeboten werden, und zu denen Studierende der Partner-Business-Schools eingeladen werden. Die präsentierten Themen orientieren sich dabei auch an den Wünschen der Gäste. "Nachhaltigkeit ist für sie aktuell ein ganz großes Thema", berichtet Santomá. Eine weitere Aktivität unter dem Schirm der Africa Initiative: Der fachliche Austausch mit anderen afrikanischen Schulen, etwa mit einer kleinen Business School im Kongo, wenngleich hier die Bande im Vergleich zur engen und langjährigen Zusammenarbeit mit den drei Partnerschulen eher lose sind.

Auch die Teilnehmer der Executive-MBA-Programme, die auf dem Münchner Campus angeboten werden, können ihr Wissen in Afrika erweitern. (Foto: IESE)

Mit all dem will IESE dabei helfen, die Lebensbedingungen in Afrika so zu verbessern, dass womöglich weniger Menschen ihre Heimat verlassen wollen. "Unternehmerische Weiterbildung ist ein großer Motor für die Entwicklung einer Gesellschaft", davon ist Heukamp überzeugt. "Und die Weiterentwicklung von Afrika kann man dauerhaft nur dann erreichen, wenn man gute Sozialstrukturen schafft, und die werden auch von lokalen Unternehmen geprägt."

In der Management- und der Weiterbildungsbranche sowie in großen Unternehmen ist IESE für seine hochwertige Führungskräfte-Ausbildung bekannt - sein Vollzeit-MBA rangiert beim Financial Times Global MBA Ranking 2022 auf einem der vordersten Plätze. Doch die Aktivitäten der Managerschule im Rahmen der Africa Initiative dürften auch in diesen Branchen nur Eingeweihten vertraut sein.

Ein großes Forschungsprojekt fördert umweltfreundliche Energiekonzepte

Das gilt insbesondere für die Kooperation mit der Fuel Freedom Foundation. Gemeinsam mit dieser internationalen Stiftung hat IESE eigens einen Lehrstuhl geschaffen, der umweltfreundliche energetische Lösungen für Afrika entwickeln soll. "Die Stiftung ist nicht nur der Geldgeber, sie beteiligt sich auch an der Forschung", sagt Leticia Pelizan, Forschungsdirektorin am Fuel Freedom Chair for Energy and Social Development in Barcelona. Noch immer kochen Millionen Menschen in Afrika am offenem Feuer mit Kohle. Die meisten Afrikaner haben keinen elektrischen Strom, viele setzen Diesel-Generatoren ein, um Strom zu erzeugen. "Wir prüfen zum Beispiel, ob alternativ die Möglichkeit am Ort besteht, Energie mithilfe von Methanol, Ethanol oder Butanol zu erzeugen oder ob man mit Photovoltaik arbeiten kann", erläutert Pelizan. Das genügt aber noch nicht: "Wie groß ist die Bereitschaft, bei unseren Forschungsprojekten mitzumachen? Das muss man zuerst prüfen", gibt sie zu bedenken. "Deshalb fahre ich nach Afrika und spreche mit den Stakeholdern, zum Beispiel mit Vertretern der Regierung oder NGOs." Bislang nahmen die Ländern Kenia, Ghana und Äthiopien an dem Programm teil.

Gesucht wird im Rahmen der Kooperation auch nach kostengünstigeren und ressourcenschonenden Lösungen im Bereich Kraftstoffe, Transportwesen sowie Düngemittel. "Unsere Aufgabe ist dabei, nicht allein die Technologie nach Afrika zu bringen, sondern nach Geschäftsmodellen zu suchen, die an Ort und Stelle funktionieren", führt Pelizan aus. Die Stiftung gewährt auch Fördermittel, um diese Modelle in der Praxis zu erproben und innovative Start-ups zu unterstützen. Nach einer jeweils circa zehnmonatigen Forschungsphase wird ein Konzept entwickelt und den jeweiligen Entscheidungsträgern präsentiert. "Jedes Jahr fokussieren wir uns auf ein bestimmtes Land, das ist der Plan", berichtet Pelizan. Dieses Jahr habe das wegen Corona nicht funktioniert, da es zwingend notwendig sei, an Ort und Stelle tätig zu werden.

Für die Forschungsdirektorin ist es in diesem Zusammenhang ein Trost, dass IESE in diesem Herbst in Kooperation mit der Fuel Freedom Foundation eine offene Live-Online-Konferenz mit Fokus auf Zukunftsmodellen für den afrikanischen Energiesektor veranstaltet. Sie beginnt am 27. September und erstreckt sich über vier Wochen. Teilnehmen können Management-Studenten ebenso wie Unternehmer und andere Interessenten. Zu den Vortragsrednern gehören zahlreiche Wissenschaftler und Unternehmer aus afrikanischen Ländern. Dabei geht es auch um die Besonderheiten der afrikanischen Märkte und die Gepflogenheiten, die man beachten muss, wenn man als Geschäftsfrau oder Geschäftsmann in Afrika erfolgreich werden will.

Master- und Zertifikatsprogramme

Die IESE Business School wurde 1958 in Barcelona gegründet. Sie bietet unter anderem den MBA in Vollzeit und in Teilzeit an, außerdem den Executive MBA, Master-in-Management-Programme und maßgeschneiderte Zertifikatsprogramme für Unternehmen. Weitere Campusse befinden sich in Madrid, New York, São Paulo sowie in München. Auf dem Campus in der bayerischen Landeshauptstadt kann man den Parttime-Executive-MBA absolvieren: Das nächste Programm der privaten Hochschule startet im September und kostet 75 100 Euro. Auch Teilnehmer, die sich auf dem Münchner Campus immatrikuliert haben, können während der Ausbildung Erfahrungen in Afrika sammeln - aktuell gibt es die Möglichkeit, von der Isar nach Nairobi in Kenia zu reisen.

Für einen Vollzeit-MBA bei IESE muss man insgesamt mit 93 000 Euro rechnen. Interessenten sollten prüfen, ob eines der zahlreichen IESE-Stipendien für sie infrage kommt: Etwa 40 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind mit einem Scholarship ausgestattet. Nähere Informationen zu den Angeboten der Business-Schule finden sich online unter www.iese.edu. Die Kosten für die Teilnahme an der Konferenz "The African Energy Sector" belaufen sich auf 2500 Euro.

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